SCHULBEGINN

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In die Schule starten

Was passiert beim Lernen im Gehirn?

Wie können Sie Ihr Kind unterstützen?

Und was kann man gegen Schulfrust tun?

Was passiert beim Lernen im Gehirn? Und wie können wir Kinder dabei gut unterstützen? GESUND&LEBEN-Autorin Sonja Loos ist selbst Lehrerin und hat sich bei Kindern, Eltern und Expertinnen informiert.

Seit dem ersten Montag im September sind die Ferien in Ostösterreich vorbei. 17.600 Kinder in Niederösterreich hatten gerade ihren allerersten Schultag in einer Vor- und Volksschule. In den Sommerferien habe ich Irene und Christopher besucht, die mit ihren Kindern Benjamin und Chiara im Bezirk Tulln leben. Seit September sind beide nun Schulkinder. Benjamin ist in die dritte Klasse Volksschule und Chiara in die erste Klasse gekommen. Während mir Benjamin einen Trick erklärt, wie man sich die Neunerreihe beim Einmaleins gut merken kann und mir stolz sein Zeugnis der zweiten Klasse mit lauter Einsern zeigt, sitzt Chiara auf dem Schoß ihrer Mutter und ist etwas zwiegespalten in Bezug auf den bevorstehenden Schulbeginn. Wir sehen uns gemeinsam ihre Mappe vom letzten Kindergartenjahr an, wo alles dokumentiert ist, was die „Maxi-Gruppe“ so unternommen hat. Sie sei schon stolz, nun zu den Schulkindern zu gehören, sagt sie, doch ganz überzeugt klingt das nicht. Ihre Mutter Irene bringt es auf den Punkt: „Der Schulbeginn ist schon ein gewaltiger Einschnitt im Leben eines Kindes“, sagt sie. „Kinder haben bisher nur den Kindergarten kennengelernt und mehr als drei Jahre dort verbracht. Und nun kommt der Wechsel in eine fast unbekannte Welt – die Schule“.

Dies kann auch Katharina B., Volksschullehrerin im Bezirk Tulln, bestätigen: „Die kleinen Taferlklassler sind immer nervös, wenn sie am ersten Schultag ihre Klasse betreten. Meist dauert es ein paar Wochen, bis alle schulischen Abläufe und Strukturen in der Klasse so etabliert sind, dass ab dann ein gut geführter Unterricht möglich ist und die Kinder in sicherer Atmosphäre lernen können.“


Wie funktioniert Lernen?

Der griechische Philosoph Plutarch wusste: „Der Geist ist kein Schiff, das man beladen kann, sondern ein Feuer, das man entfachen muss.“ Doch wie funktioniert Lernen? Dazu muss man sich den Aufbau des menschlichen Nervensystems und seiner Schaltzentrale, das Gehirn, ansehen. Mittlerweile kennt man die biochemischen Vorgänge, die darin ablaufen. Doch wie genau Lernen wirklich funktioniert, ist noch immer nicht vollständig geklärt.

Der Grundbaustein unseres Nervensystems ist die Nervenzelle, auch Neuron genannt. Die Nervenzelle empfängt Signale über ein Eingangskabel, die Dendriten,

und überträgt sie auf den Zellkörper. Der erzeugt dann die Ausgangssignale, die über ein oft langes Ausgangskabel, das Axon, weitergeleitet werden. Am Ende des Axons befinden sich die Endknöpfchen, auch Synapsen genannt. Sie stellen den Kontakt zu anderen Nerven-, Muskel- oder Drüsenzellen her.

Das Gehirn ist die Steuerzentrale des Körpers und besteht aus circa 100 Milliarden Nervenzellen. Es ist in die vier Ab- schnitte Großhirn, Kleinhirn, Zwischenhirn und Hirnstamm geteilt, wobei das Großhirn bzw. dessen äußere Schicht, die Großhirnrinde, für die kognitiven Lernprozesse zuständig ist. Das Großhirn besteht aus zwei Hälften, die über den Balken miteinander verbunden sind. Es ist das Zentrum unseres Bewusstseins und die oberste Instanz des Nervensystems. Das Großhirn ist die Kommunikationszentrale aller Organe. Es nimmt Reize aus der Umwelt und Informationen aus dem Inne- ren auf und verarbeitet diese. Die rechte Gehirnhälfte steuert die linke Körperhälfte und ist für Kreativität zuständig, wäh- rend die linke Gehirnhälfte die rechte Körperhälfte steuert und für Sprache und Logik zuständig ist.


Was spielt sich beim Lernen im Gehirn ab?

Das Netzwerk in der Großhirnrinde ist – im Gegensatz zu einem Computer – weitgehend zufällig verknüpft. Sind miteinan- der verbundene Synapsen gemeinsam aktiv, verstärken sie sich gegenseitig, wodurch Teilnetzwerke entstehen, die an Lernprozessen beteiligt sind. Um diese leichter zu aktivieren, ist es notwendig, sie regelmäßig zu nutzen. Frei nach dem Motto „Use it or lose it“ – „Nutze es oder verliere es“ – ist es notwendig, sie immer wieder anzuregen. Aber Achtung: So einfach ist es nicht. Denn was für die neuronalen Netzwerke gilt, gilt noch lange nicht für den Menschen. Stumpfsinn scheint der Feind des Lernens zu sein. Es ist also notwendig, das Gehirn auf verschiedene Arten anzuregen und ihm durch unterschiedliche Herangehensweisen immer wieder Grund zur Auseinandersetzung mit einem Thema zu geben.


Lernen mit Begeisterung

Der deutsche Neurobiologe Gerald Hüther ist überzeugt davon, dass Menschen – und ganz besonders Kinder – dann am besten lernen, wenn sie es als bedeutsam erachten. Das Gehirn verändert sich entsprechend dem, wie und wofür wir es besonders gern und deshalb besonders intensiv benutzen. Begeisterung stellt dabei einen Schlüssel zum Lernen dar. Denn immer dann, wenn uns etwas besonders fasziniert, wird das Gehirn dazu angeregt, synaptische Verbindungen zu knüpfen. Kurz: Mit Interesse fällt uns Lernen ganz besonders leicht. Aber wie können wir Kinder dazu bringen, sich ge- nau für das zu begeistern, was wir in der Schule als notwendig erachten? Hüther ist der Meinung, dass dies am ein- fachsten möglich ist, indem wir den Funken der eigenen Begeisterung auf das Kind überspringen lassen. Dafür benöti- gen Kinder Vorbilder, die sie schätzen und mögen, die ihnen wichtig sind und denen sie sich emotional verbunden fühlen.

Dieses Prinzip funktioniert auch bei Benjamin und Chiara. Ihre Eltern Irene und Christopher sind große Star-Wars-Fans und haben diese Vorliebe an ihre Kinder „weitergegeben“. Aus dem heraus ist eine große Faszination für das Weltall und dessen Erforschung entstanden. Sie verfolgen alles, was mit der Raumfahrt zu tun hat und fahren immer wieder zu Ver- anstaltungen des Sternenwegs in Großmugl. Außerdem freuen sie sich bereits auf den Besuch des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt im bayrischen Oberpfaffenhofen.

Lernen kann große Freude bereiten, wenn es als Erwerb von Kompetenz verstanden wird. Neugierde und Begeisterung sind zwei Voraussetzungen dafür. Wenn wir Kinder darin unterstützen und es ihnen vorleben, dann sind das gute Voraus- setzungen, dass der Funken der Begeisterung überspringt und ein gut gedeihendes Feuer entfacht.


Sonja Loos

FOTO:Z VG 

Benjamin ist nun in der dritten Klasse, Chiara in der ersten – für sie beginnt nun ein neuer Lebensabschnitt

Das Gehirn in Zahlen


-Anzahl der Nervenzellen: etwa 100 Milliarden

-Anzahl der Schaltstellen

(= Synapsen): 100 Billionen (das sind 1.000 Mal

so viele wie die Milchstraße Sterne hat)

-Masse: durchschnittlich

1,35 kg

-1 mm3 Großhirnrinde enthält 90.000 Nervenzel- len und 4 km Nervenbahnen.

-Das Gehirn verbraucht ca. 20 Prozent des ge- samten Sauerstoffs, obwohl es nur zwei Prozent der Körpermasse ausmacht.

-Gesamtlänge aller Nervenbahnen im Gehirn: 5,8 Millionen Kilometer (entspricht 145 Erdumrundungen)

-Speicherkapazität: 10150 Wahrnehmungs- und Bedeutungsinhalte (Vergleich: Die Anzahl der Elementarteilchen im Universum beträgt 1079)

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 09/2019