BERUFSBILD

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Ein neuer Alltag

Klinische Sozialarbeit hilft Patientinnen und Patienten dabei, nach einer Erkrankung wieder einen gesunden Einstieg ins

Leben zu finden.

Sie beschäftigen sich mit der Alltagssituation und Lebenswelt der Patientinnen und Patienten, informie- ren über Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten

ebenso wie über alternative Wohn- und Beschäftigungsformen und arbeiten bei Bedarf mit der ganzen Fa- milie zusammen. Die Rede ist von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern in den NÖ Kliniken.

Eine von ihnen ist Mag. (FH) Veronika Hadl, Klinische Sozialarbeiterin im LK Waidhofen/Thaya. Die Leistun- gen ihres Berufsstandes erklärt sie so: „Klinische Sozialarbeit ergänzt die medizinische, psychologische und pflegerische Diagnostik durch eine mehrdimensionale soziale Diagnostik. Denn soziale Schwierigkeiten und Umstände sind oft ein Grund für eine verzögerte Genesung oder gar für eine Erkrankung.“ Hadl arbeitet daher immer an mehreren verschiedenen Aspekten, die den Alltag der Patienten betreffen. Dabei stellt sie unter anderem die Frage, was Betroffene und Angehörige „zum Beispiel an der beruflichen und/oder priva- ten Situation verändern können, damit Gesundheit und/oder zumindest ein besseres Leben mit den gesund-

heitlichen Einschränkungen wieder möglich wird.“ Denn oft gehe es sowohl bei psychischen Erkrankungen als auch bei vielen körperlichen Krankheiten um akute oder chronische Ereignisse und Belastungen, um Verluste, Bedrohungen oder Ungewissheiten, andererseits aber auch um materielle und rechtliche Fragen – und auch um die Wünsche, Vorstellungen und Möglichkeiten für die Betroffenen.


Hilfe für Kinder & Jugendliche

Was das in der Praxis bedeutet, erklärt Mag.(FH) Teresa Wailzer, die an der Tagesklinik für Kinder- und Ju- gendpsychiatrie und Psychotherapie im LK Mistelbach-Gänserndorf arbeitet: „Ich begleite unter anderem Kinder und Jugendliche mit Schulangst, entwickle gemeinsam mit den Familien neue Perspektiven und or- ganisiere Helferkonferenzen.“ Darüber hinaus arbeitet sie eng mit den Eltern zusammen, denn nur so lasse sich eine tragfähige Lösung und Basis für das Kind finden. Wailzer nennt ein Beispiel: Ein 15-jähriges Mäd- chen ritzt sich und geht wegen Mobbing schon lange nicht mehr zur Schule. Die Sozialarbeiterin berät die Mutter hinsichtlich ihrer finanziellen sowie psychischen Lage und vermittelt sie an geeignete Stellen weiter, die ihr weiterhelfen können. „Während die Mutter Hilfe annimmt, entwickelt die Jugendliche neue Hand- lungsstrategien und Pläne. Zur Vorbereitung auf eine Lehrstelle organisieren wir einen Platz in der Produkti- onsschule und ich begleite das Mädchen, damit der Einstieg gelingt.“ Die Suche und Weitervermittlung an eine kassenfinanzierte Psychotherapie garantiert, dass sie auch längerfristig Probleme ansprechen und be- arbeiten kann. Sozialarbeiterin Wailzer bringt die Leistungen der Klinischen Sozialarbeiter im Team mit Ärz- tinnen und Ärzten, Pflegekräften und den verschiedenen Therapeutinnen und Therapeuten so auf den

Punkt: „Wir machen, was der jeweilige Patient braucht, damit ein besserer Alltag lebbar wird.“


Umfassende soziale Beratung

Das tut auch Mag. (FH) Michaela Schwandl. Sie leitet das Team der 13 Sozialarbeiterinnen im Landeskli- nikum Mauer – das größte aller NÖ Kliniken. Die klinische Sozialarbeit ist dort in allen sechs Abteilungen implementiert. „Wir setzen uns in der klinisch-sozialen Fallarbeit mit den sozialen Folgen einer psychiatri- schen Erkrankung auseinander und mit den sozialen Ursachen, die zur Entstehung von seelischer Er- krankung beitragen“, erklärt Schwandl. „Wir beraten in finanziellen, wirtschaftlichen und administrativen Angelegenheiten, unterstützen beim Bewältigen des Alltags sowie der Re-Integration ins individuelle so- ziale Netz und koordinieren die Bereiche Existenzsicherung, Arbeit oder berufliche Rehabilitation, Pflege- sicherung, Nachbetreuung, soziale Beratung und Begleitung und rechtliche Kontextklärung.“


Mehr Angebote gefragt

Alle drei Sozialarbeiterinnen berichten von fehlenden Ressourcen außerhalb der Kliniken. So fehlen zum Beispiel in einigen Bezirken

Niederösterreichs noch die Angebote der „Frühen Hilfen“ – ein Unterstützungsprogramm für Schwange- re und Babys bis zum dritten Lebensjahr, das es derzeit Krems, St. Pölten, Tulln, Lilienfeld, Baden, Möd- ling, Neunkirchen und Wiener Neustadt gibt und das laut Wailzer „unschätzbar wichtige Arbeit leistet“. Herausfordernd sei auch die Organisation der Pflegesicherung, weil Pflegeplätze

fehlen und es immer wieder zu wenig Ressourcen im ambulanten Bereich gibt. Und schließlich wün- schen sich die drei Sozialarbeiterinnen in den NÖ Kliniken mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihrer Berufsgruppe. „In den letzten Jahren hat sich gezeigt, dass die Problemlagen unserer Patientinnen und Patienten in der Existenz- und Pflegesicherung immer umfangreicher und komplexer werden. Durch die Ressourcenknappheit in den extramuralen Versorgungseinheiten wird es zunehmend schwieriger, die Patienten bestmöglich zu unterstützen. Zudem hat sich dadurch der zeitliche Aufwand pro Patientin, pro Patient erhöht. Klinische Sozialarbeit trägt einen wesentlichen Teil zu einer qualitativ hochwertigen Ver- sorgung der Patientinnen und Patienten bei. Genauso wollen wir diesen Beitrag auch in Zukunft leisten. Dafür müssen aber auch ausreichende personelle Ressourcen zur Verfügung gestellt werden“, sagt Schwandl.



Riki Ritter-Börner

erschienen in GESUND & LEBEN 04/2020