IM PORTRÄT

FotoS:  ZVG, istockphoto: Deagreez, FooTToo

Das Geschäft mit den Kleidern

Menschen in westlichen Ländern kennen es meist: Der Kleiderschrank quillt über. Schnell produzierte Kleidung und die verwendeten Kunstfasern schaden aber der Umwelt.

Wer kann wirklich von sich behaupten, dass ihm etwas in seinem Kleiderschrank fehlt? Dass er gar zu wenig zum Anziehen hat? Wohl kaum jemand. Die Zahlen belegen es: Durchschnittlich 60 neue Kleidungsstücke kaufen Österreicherinnen und Österreicher im Jahr ein. Demgegenüber stehen 40 Kleidungsstücke, die nie getragen werden. Selten birgt etwas anderes in den eigenen vier Wänden so viel Ungenütztes wie der Kleiderschrank. Das Fatale daran: Kleidung trägt einen großen Teil zur Klimakrise bei.


Endstation: Mikroplastik

Acht Prozent der weltweiten Treibhausgase werden von der Textilindustrie produziert. Noch dras- tischer ist der Wasserverbrauch. Baumwolle benötigt viel Wasser (15.000 Liter pro Kilo) und wird in trockenen Weltgegenden angebaut. Das heißt: In Europa wird viel „verstecktes Wasser“ über die Kleidung importiert. Der Grund für den enormen Baumwoll-Verbrauch: In den letzten 30 Jah-

ren verdoppelte sich die Herstellung von Kleidung beinahe. Anstatt zwei Kollektionen, wie es früher der Fall war, findet man mittlerweile fast monatlich neue Teile im Sortiment. Diese Klei- dung wird aber nicht nur aus Baumwolle, sondern hauptsäch- lich aus Kunstfasern wie Polyester hergestellt. Wir tragen damit Plastik am Körper, das sich vor allem dann auswirkt, wenn wir es in die Waschmaschine geben: Die darin enthaltenen Fasern gelangen ins Wasser und gehören zum Mikroplastik. Wäscht man beispielsweise eine Fleecejacke, gelangen eine Million Fasern ins Wasser. Und nicht zuletzt spielt auch der Transport eine große Rolle: 20.000 Kilometer legt ein T-Shirt durchschnit- tlich zurück, bis es endlich im Geschäft landet. Wer online shoppt und sich eine Auswahl an Kleidern bestellt, dem sollte bewusst sein: Retour-Ware wird häufig sofort weggeworfen und nicht wiederverwendet. Von der Verpackung ganz zu schweigen.


Bewusst einkaufen

Gehört Shoppen also künftig der Vergangenheit an? Nicht unbedingt. Es geht darum, vor dem Einkauf gut zu überlegen, was man wirklich braucht. Es gibt Alternativen zur „Fast Fash- ion“. Christa Ruspeckhofer von der NÖ Energie- und Umwelta- gentur findet: „Ich habe den Eindruck, dass uns das Thema Textilien und die Folgen für Umwelt und Menschen bewusster geworden sind. Die Auswahl an Alternativen zur schnellen Wegwerfmode wird größer – sei es durch mehr Angebote an Öko-Textilien oder durch eine andere Form der Kleidernutzung – Stichwort Kleidertausch oder Secondhandmode.“

Auch Kleidertauschpartys oder Secondhand-Geschäfte gibt es immer häufiger. Welches Material am besten ist, sollte man indi- viduell abwägen, rät die Expertin: „Das ist eine individuelle Entscheidung. Bio-Baumwolle, Hanf, Leinen oder Viskose sind gute Alternativen zur konventionellen Baumwolle. Auch Kunst- faser aus recyceltem Plastik ist nachhaltiger als neu pro- duzierte. Am besten ist – lange nutzen!“ Noch stehen sie sich gegenüber: der bewusste Konsum und Fast Fashion. Es wird gesellschaftstauglicher und hipp, Secondhand zu tragen. Und es ist verlockend auf der anderen Seite, jedem Trend zu folgen und dem günstigen Preis zu erliegen. Vielleicht hilft zuallererst

ein Blick in den eigenen Kleiderkasten – dann erübrigt sich womöglich die Frage, ob man wirklich nichts zum Anziehen hat.



Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN 05/2020