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Signalisieren Sie Ihrem Kind, dass der Umgang mit Medien auch eine Ressource ist.

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Wie geht es unseren Kindern?

Grundsätzlich meistert die junge Generation die Krise gut. GESUND & LEBEN fragt Expertinnen und Experten, wie Eltern ihre Kinder unterstützen können.

Je länger die Corona-Krise andauert, umso deutlicher werden die Kollateralschäden, die sie verursacht. Vor allem Kinder und        Jugendliche – die selbst nicht zur Covid-19-Risikogrup- pe gehören – haben mit den Folgen der Pandemie zu kämpfen. Expertinnen und Experten schlagen bereits Alarm: Die Zahl junger Menschen, die an Depressionen, Einsamkeit oder Angstzuständen leiden, nimmt zu. Das sei besorgniserregend, sagt Prim. Assoc. Prof. Dr. Paulus Hochgatterer, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Uni- versitätsklinikum Tulln. „Es gibt bestimmte Gruppen, die für problematische Umweltbedingun- gen – in diesem Fall Corona – empfänglicher sind als andere.“ Dazu komme, dass das sozia- le Umfeld junger Menschen zurzeit stark reduziert ist, und psychische Probleme, auf die sonst Freunde, Schulkollegen oder Lehrkräfte aufmerksam würden, häufig unentdeckt blei- ben. „Normalerweise würde es auffallen, wenn ein junges Mädchen zu wenig isst. Jetzt fällt

diese Form der sozialen Wahrnehmung weg, und das wirkt sich aus.“ Jugendliche, die auch ohne Corona dazu neigen, sich zurückzuziehen, würden jetzt im Online- unterricht oft gar nicht mehr auftauchen. Sie seien kaum greifbar, sagt Hochgatte- rer: „Es fehlen die Angebote aus der Peer Group, die diese Jugendlichen motivie- ren würden.“


Ressourcen & Resilienz

So dramatisch Fälle wie diese auch sind: Paulus Hochgatterer sieht keinen Grund, Kinder und Jugendliche pauschal als „verlorene Generation“ abzuschreiben: „Ich halte die Rede von einer ‚lost generation‘ für völlig überzogen.“ Der Psychiater plä- diert für einen differenzierten Blick auf junge Menschen: „Ja, es gibt eine bestimm- te Gruppe von Kindern und Jugendlichen, denen es schlecht geht. Grundsätzlich mache ich mir um die jungen Menschen angesichts von Corona aber keine Sor- gen.“ Die meisten würden mit dem, was Corona mit sich bringt, gut umgehen kön- nen. Oft sogar besser als manche Erwachsene. „Junge Menschen verfügen über viele Ressourcen, über ein hohes Maß an Resilienz und über ganz viele Anpas- sungsmechanismen. Sie zeigen zum Beispiel eine hohe Bereitschaft, Regeln zu

befolgen. Das Tragen von Masken, das Halten von Distanz ist für sie schnell selbstverständlich geworden.“ Wie gut Kinder und Jugendliche mit den Ein- schränkungen zurechtkommen, hänge zu einem hohen Ausmaß von ihren Bezugs- personen ab: „Kinder und Jugendliche identifizieren sich stark mit ihren Eltern. Entscheidend ist das, was sie bei ihren Eltern sehen: Pflegen diese einen rationa- len Umgang mit Corona, orientieren sie sich an Fakten? Dann tun die Kinder das auch.“


Krisenkompetenz

Auch die Psychotherapeutin Dr. Karin Skop vom Hilfswerk Niederösterreich be- tont die generelle Krisenkompetenz von Kindern und Jugendlichen. Wie belastend die Pandemie und ihre Folgen sind, hän- ge stark vom Alter ab, sagt Skop. Es mag überraschen: „Jüngere Kinder nehmen es oft leichter. Sie haben dieses langfristige Denken noch nicht. Das Wichtigste ist für sie, dass ihre Bezugspersonen gut ver- fügbar sind.“ Kinder könnten mit vielem umgehen, solange Mama, Papa und die Geschwister bei ihnen sind und sie sich geliebt fühlen. Für Jugendliche stelle die aktuelle Situation hingegen eine größere Herausforderung dar. „Eigentlich sollten sie sich vom Elternhaus loslösen und sich abgrenzen, sind aber massiv einge- schränkt“, erklärt Skop. „Würde das ein paar Wochen dauern, wäre das kein The- ma. Mittlerweile verlieren viele aber ihren Optimismus, und man merkt, wie sich Hoffnungslosigkeit breit macht.“ Dass prägende Ereignisse wie eine Maturafeier, der Führerschein oder die erste Reise

ohne Eltern derzeit nicht möglich sind, sei bitter. Die Erkenntnis, dass so manches nie mehr nachzuholen ist, auch.


Dranbleiben

Auch wenn Eltern angesichts von Corona besonders aufmerksam auf die Stimmungen ihrer jugendlichen Kinder achten sollen, warnt Skop davor, jedes auffällige Verhalten sofort zu pathologisieren. Dass sich Jugendliche zurückziehen, schlecht gelaunt sind und unter Stimmungsschwankungen leiden, seien übliche Begleiterscheinungen der Pubertät, die es vermutlich auch ohne Corona geben würde. Außerdem sei es nach- vollziehbar und völlig legitim, dass die derzeitige Situation für Frust und Traurigkeit sorgen kann. „Man muss schauen, wie lange so ein Zustand anhält. Wenn er chro- nisch über mehrere Wochen bleibt, besteht Handlungsbedarf“, sagt Skop. Merken El-

tern, dass es ihren Kindern nicht gut geht, sollten sie es ansprechen und dem Kind ihre Beobachtungen mitteilen. Ohne ihm Vorwürfe zu machen. „Am besten man beschreibt, was man wahrnimmt und sagt, dass man sich Sorgen macht. Wich- tig ist auch, Zuversicht zu vermitteln, zu sagen ‚Es wird wieder besser werden!‘. Und immer dran bleiben! Irgendwann lässt sich der Jugendliche dann vielleicht zum Spaziergang motivieren.“ Manchmal, sagt Karin Skop, sei es notwendig, sich als Eltern professionelle Hilfe zu holen. Ein Anruf bei einer Beratungsstelle könne sinnvoll sein. Wenn es notwendig ist, ma- chen Sozialarbeiterinnen und Sozialarbei- ter auch Hausbesuche. „Wenn Eltern nicht weiterwissen, weil ihr Kind nicht mehr aus dem Zimmer kommt, kommt eine Sozialarbeiterin oder ein Sozialarbei- ter nach Hause und nimmt auf einer freundschaftlichen Ebene Kontakt mit dem Jugendlichen auf. Das kann viel be- wirken.“


Sandra Lobnig

erschienen in GESUND & LEBEN 05/2021