FORSCHUNG

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Das Virus verstehen

Wie ansteckend ist Covid-19? Wie schnell bilden sich Antikörper? Welche Tests sind zuverlässig? In Niederösterreich laufen Studien dazu.

Wir wissen noch nicht allzu viel übers Coronavirus. Weltweit laufen Studien und Untersuchungen, um das Virus besser zu verstehen und damit eindämmen zu können. Auch Niederösterreich liefert einen wertvollen Beitrag. Bei einer sogenannten Prävalenzstudie (Prävalenz: Quote der zu einem bestimmten Zeitpunkt oder Zeitabschnitt an einer bestimmten Krankheit Erkrankten) wurde festgestellt, wie viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der NÖ Kliniken und Pflegezentren viruspositiv sind. Das Ergebnis: Bei circa 4.000 stichprobenartig untersuchten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wurde eine niedrige Prä- valenz von 0,19 Prozent festgestellt. Damit steht fest, dass sich bisher tatsächlich nur ein Bruchteil mit dem Coronavirus infiziert hat. Und das, obwohl sie wegen ihrer Tätigkeit einem höheren

Infektionsrisiko ausgesetzt sind, sagt Studienleiter Univ.-Prof. Dr. Ojan Assadian: „Zudem ließ sich kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen Covid-19-Stationen und Stationen, die keine Covid-19- Patienten behandeln, feststellen.“ LH-Stellvertreter Dr. Stephan Pernkopf bestätigt: „Die Dunkelziffer der Infektionen ist sehr niedrig. Das ist auch deshalb eine gute Nachricht, weil das Ergebnis beweist, dass die umfangreichen Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und damit auch der Patientinnen und Patienten wirken.“


Angesteckt?

Eine weitere aufschlussreiche Studie lief im Universitätsklinikum Krems: Dort wurden 135 Mitarbeiterin- nen und Mitarbeiter getestet, die Anfang März – zu Beginn der Krise – nachweislich Kontakt zu Covid- 19-positiven Personen hatten. Sie wurden auf Antikörper untersucht. Dieser Test, für den Blut oder Blutserum herangezogen wird, zeigt, ob man in der Vergangenheit einmal infiziert war und daher mög- licherweise bereits immun ist. Im Vergleich dazu zeigen PCR-Tests (Rachen-Nasen-Abstrich), ob man aktuell infiziert ist. „Was wir herausgefunden haben, ist, dass relativ wenige Mitarbeiter bereits Antikör- per gebildet haben“, sagt Prim. Assoc. Prof. Dr. Peter Errhalt, Leiter der Lungenfachabteilung.

Er hat gemeinsam mit Ojan Assadian diese immunologische Studie geleitet. „Uns hat überrascht, wie wenige Mitarbeiter sich angesteckt haben, obwohl sie ungeschützten Kontakt zu Covid-19-Patienten hatten“, sagt Errhalt.


Tests im Test

Außerdem wurde die Zuverlässigkeit von kommerziell erhältlichen Schnelltests untersucht, die bereits nach zehn Minuten ein Ergebnis anzeigen. Laut Errhalt liefern diese Schnelltests dann valide Ergebnis- se, wenn sie nicht zu früh angewendet werden. „Unter 14 Tagen ab einem vermuteten Kontakt mit ei- nem Covid-19-Patienten macht eine Antikörpertestung wahrscheinlich gar keinen Sinn. Wir sind der Meinung, dass eher 21 Tage vergehen sollten.“ Infiziert man sich nämlich mit dem Coronavirus, dann bildet der Körper zunächst IgM-Antikörper. Dabei handelt es sich um akute Antikörper, die im Blut aber nicht langfristig nachweisbar sind. So hätten die Tests in einem Drittel der Fälle ein falsch negatives Er- gebnis angezeigt. Der Schnelltest war also negativ, obwohl im Labor (ELISA-Test) bereits Antikörper nachgewiesen wurden. Anders stellt sich die Situation dar, wenn es sich um IgG-Antikörper handelt, die im Körper erst nach einiger Zeit gebildet werden. „Das ist das immunologische Gedächtnis. Das sind die Antikörper, von denen wir annehmen, dass sie uns gegen eine Zweitinfektion immun machen“, sagt Errhalt. „Da funktionieren die Tests sehr gut und die Ergebnisse decken sich auch mit den Labor- ergebnissen.“ In Krems will man die Tests nach einigen Wochen wiederholen, unter anderem um her- auszufinden, wie schnell der Anteil der IgM-Antikörper im Blut nach einer Infektion abnimmt und statt- dessen durch IgG-Antikörper ersetzt wird. Die Untersuchungen dazu sind in Vorbereitung.



Karin Schrammel



erschienen in GESUND & LEBEN 07+08/2020