Gastritis

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Kranker Darm – kranker Körper!

Ist die Darmflora gestört, leidet der gesamte Körper – und die Psyche

Wussten Sie, dass der Darm maßgeblichen Einfluss auf unser Immunsystem hat? „70 Pro- zent aller Immunzellen, sprich: zwei Drittel unseres Immunsystems, befinden sich im Darm“, weiß der Wiener Gastroenterologe Dr. Marcus Franz.

Um die Bedeutung des Darms für unsere Gesundheit besser zu verstehen, müssen wir eine Reise tief in das Innere unseres größten Organs unternehmen – übrigens eine Reise in eine „komplexe, mehrdimensionale Welt, die wir gerade erst im Begriff sind, wirklich zu verste- hen“, meint Franz. Genau genommen sitzen die 70 Prozent unserer Immunfollikel im Dünn- darm. Die Schleimhaut des Dünndarms besteht sowohl aus Enterozyten – also Zellen, die der Nährstoffaufnahme dienen – als auch aus Abwehrzellen, die schädliche Erreger wie Vi- ren oder Bakterien erkennen und abtöten. „Die Darmschleimhaut spielt für die Bekämpfung von Krankheitserregern eine wichtige Rolle“, betont der Experte. Die „wichtigste Zone“ im Darm, so Franz, wenn es um die Unterstützung des Immunsystems geht, befinde sich aber im unteren Dünndarmbereich, „nämlich beim Übergang vom Dünn- in den Dickdarm. Dort ist die höchste Konzentration an Darmkeimen zu finden. Hier werden die meisten Feinde er- kannt und eliminiert.“


In Symbiose

Zusammengefasst mache erst „das perfekte Zusammenspiel aus Darmschleimhaut, Darm- wand, Mikrobiom, Lymphsystem und körpereigenen Abwehrzellen die Immunkompetenz des Darms aus“, sagt Franz. Unter Mikrobiom versteht man die Darmflora, also die Gesamt- heit aller Mikroorganismen im Darm, nämlich: gute sowie schädliche Bakterien, Viren und Pilze. „Der Mensch und die Darmkeime leben in Symbiose miteinander. Ist diese nicht (mehr) gegeben, bricht unser Immunsystem zusammen.“ Prinzipiell merkt man schnell, ob

der Darm im Ungleichgewicht ist. Neben Verdauungsstörungen kann ein kranker Darm Hauterkrankungen, Migräne, Müdigkeit, Allergien und sogar Typ-2-Diabetes, Asthma und diverse Autoimmunerkrankungen auslösen.

Sogar die Psyche kann darunter leiden, wenn im Darm das Mikrobiom durcheinandergeraten ist, bestätigt Franz: „Nicht um- sonst wird der Darm auch als unser Bauchhirn bezeichnet.“ Vor allem über den Vagus-Nerv werden wichtige Signale in beide Richtungen transportiert. Im Darm werden immerhin 90 Prozent des Glückshormons Serotonin produziert – nicht überraschend also, dass Darmkeime „sehr stark in den Transmitter-Stoffwechsel eingreifen“, gibt der Facharzt zu bedenken.

Psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Schizophrenie oder auch „nur“ eine allgemeine Neigung zu Ner- vosität können durch ein aus dem Gleichgewicht geratenes Mikrobiom beeinflusst werden. „Chronische Darmentzündungen beispielsweise erschweren eine Behandlung von Depressionen.“ Zudem gäbe es zahlreiche Studien, fährt der Gastroenterolo- ge fort, die klar belegen, dass eine gestörte Darmflora Depressionen nicht bloß verstärken, sondern sogar auslösen kann. „Des- halb ist es wichtig, immer ganzheitlich zu behandeln!“


Gesunde Ernährung

Was können wir tun, um den Darm und somit unser Immunsystem zu stärken? Eine gesunde Ernährung ist das Um und Auf, um den Körper nicht nur mit allen wichtigen Nähr- und Mineralstoffen zu versorgen, sondern auch, um möglichst viele gesunde Darmbakterien zu erhalten, meint Franz: „Die beste Ernährung ist eine mediterrane, ausgewogene Mischkost. Studien zufolge birgt diese das geringste Risiko für chronische Darmerkrankungen.“ Bestimmte Vitamine und Spurenelemente, die besonders gut für den Darm sind, gibt es nicht, betont der Experte. Jedoch weiß man, dass fermentierte Lebensmittel wie Sauerkraut oder Rote Rüben die Funktionsfähigkeit des Darms unterstützen – genauso wie ballaststoffreiche Kost (Nüsse, Samen, Hülsenfrüch- te, Getreide, Haferflocken etc.), die dafür sorgt, dass sich „gute“ Darmbakterien vermehren und die „schlechten“ in Schach ge- halten werden. „Apfelessig wiederum hilft, den Darm von schädlichen Bakterien zu befreien“, rät Franz.

Gemüse, helles Fleisch und Fisch sind „in der Regel zu empfehlen, da sie viele wichtige Vitamine und Spurenelemente wie bei- spielsweise Omega-3-Fettsäuren, Eisen und Zink enthalten“. Und natürlich ist es wichtig, ausreichend zu trinken – zweieinhalb Liter täglich, am besten Wasser oder ungesüßte Tees.


Prä- und Probiotika

Präbiotika und Probiotika eignen sich sowohl als Prophylaxe als auch für Therapiezwecke bei einem kranken Darm. „Unter Prä- biotika versteht man alle Substanzen, die die Darmflora zum Aufbau braucht“, erklärt Franz. Diese sind beispielsweise in Floh- und Leinsamen, Chicorée, Artischocken oder Schwarzwurzeln enthalten.

Als Probiotika wiederum werden bestimmte Bakterienstämme wie Milchsäurebakterien bezeichnet. „Probiotika sind grundsätz- lich alle Keime, die unserem Darm guttun.“ Sie entstehen durch Fermentation und sind deshalb unter anderem in Roten Rüben, Sauerkraut, Natur-Joghurt oder Kefir enthalten. Für den Darm schädlich sind (neben einer ungesunden Ernährung) mangelnde Bewegung, chronischer Stress, zu wenig Schlaf sowie die Gabe von Antibiotika. „Antibiotika bringen die Darmflora durcheinan- der, da sie nicht nur schädliche, sondern auch gesunde Darmbakterien zerstören“, erläutert Franz. Ist eine Antibiotika-Therapie dennoch notwendig, rät der Facharzt, während der Behandlung ausreichend Joghurt zu essen und nach der Therapie einige Tage lang probiotische Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen. „So kann sich der Darm schneller erholen.“


Manuel Simbürger

erschienen in GESUND & LEBEN 05/2021