MEDINKLUSIONS-AMBULANZ

Die Impulsgeber der Medinklusions-Ambulanz im Landesklinikum Melk: (v.l.) Ärztlicher Direktor Prim. Dr. Rupert Strasser, MLS, DGKP Johann Mosch, Pflegedirektorin DGKP Doris Roislehner, BSc, und Prim. Dr. Walter Fuchs

Schon bevor eine Patientin oder ein Patient ins Klinikum kommt, bespricht das Team der MIA den jeweiligen Fall genau durch.

FotoS: katharina gossew

Gesundheit ohne Einschränkung

Für Menschen mit Beeinträchtigungen sind Klinikums-Aufenthalte eine große Herausforderung. Im Landesklinikum Melk wer- den diese Personen von einem eigenen Team betreut.

Blutabnehmen, eine Computertomographie oder die Kontrolle beim Frauenarzt – das sind Routineuntersu- chungen, die ab und zu anfallen und rasch vorbeigehen. Doch für Menschen mit kognitiven Beeinträchti- gungen werden Besuche im Klinikum schnell zur traumatischen Tortur. Wie kann man Untersuchungen für diese Personen so angenehm wie möglich gestalten? Diese Frage stellte sich DGKP Johann Mosch. Selbst Vater eines 27-Jährigen mit kognitiver Beeinträchtigung dachte der seit über 30 Jahren am Landesklinikum Melk Beschäftigte viel über die Krankenversorgung von behinderten Menschen im Klinikum nach. Schnell wurde ihm klar, dass Ansprechpersonen vor Ort fehlen, die Aufenthalte für eingeschränkte Menschen orga- nisieren können. Darum nahm er diese Aufgabe selbst in die Hand.


Im Landesklinikum Melk stieß Moschs Vorhaben auf viel Zuspruch. Unterstützt wurde er dabei unter ande- rem von Prim. Dr. Walter Fuchs. Der Anästhesist arbeitete lange Zeit mit einer zahnmedizinischen Ordinati- on zusammen. Dort kamen oft kurze Narkosen oder ein Dämmerschlaf zum Einsatz, um Menschen mit Be- hinderungen untersuchen zu können. Ihm war bewusst, dass es solche Methoden auch für viele Untersu- chungen im Klinikum braucht: „Wir haben zum Beispiel 50-Jährige Patientinnen mit einer kognitiven Beein- trächtigung, die noch nie gynäkologisch untersucht wurden. Ein einfacher Ultraschall oder Krebsabstrich würde sie traumatisieren. Deshalb führen wir bei Menschen mit besonderen Bedürfnissen auch diese Un- tersuchungen in Narkose durch“, erklärt Walter Fuchs, der heute Leiter der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Landesklinikum Melk ist. Gemeinsam mit engagierten Kolleginnen und Kollegen aus Pflege und Medizin, dem Land NÖ, der NÖ Landeskliniken-Holding und dem NÖ Gesundheits- und

Sozialfonds (NÖGUS) entwickelten die beiden engagierten Experten Strukturen, um die

Klinikaufenthalte für behinderte Menschen zu planen. Das Ergebnis: Eine Medinklusions-Ambulanz, kurz MIA.


Mit Herzblut dabei

Wie sieht der Alltag einer Medinklusions-Ambulanz aus? „Immer anders“, schmunzelt Mosch. „Das ist ein Feld, in dem jeder

Patient eine neue Erfahrung ist und man sich auf alle möglichen Szenarien einstellen muss.“ Um sich trotz- dem bestmöglich auf jede

Patientin und jeden Patienten vorzubereiten, ist Johann Mosch bemüht, schon alle wichtigen Informationen zu sammeln, bevor sie oder er überhaupt ins Klinikum kommt. „Sobald sich Angehörige oder Betreuungs- personen an uns wenden, klären wir mit ihnen alle wichtigen Punkte: Welche Beschwerden liegen vor? Gibt es schon Befunde von außen? Gab es bereits Narkosen? Wie schwierig wird es sein, die Patientin oder den Patienten überhaupt ins Klinikum zu bekommen? Es gibt Patienten, die monatelang das Einsteigen ins Auto trainieren müssen. Viele von ihnen haben große Angst“, erklärt der diplomierte Krankenpfleger.

Sobald Johann Mosch die wichtigsten Informationen über seine Patienten beisammen hat, berät er mit dem Ärzte-Team,

welche Untersuchungen notwendig sind und welche Abteilungen gebraucht werden. Auch um alle rechtli- chen Angelegenheiten und Einverständniserklärungen kümmert sich die MIA im Vorfeld. „Es ist uns ein großes Anliegen, die Patienten so lange wie möglich im gewohnten Umfeld zu lassen, um ihnen Stress und Aufregung zu ersparen.“ Diese Vorkehrungen brauchen teilweise bis zu sieben Stunden. Zeit, die sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des MIA-Teams neben ihren normalen Aufgaben nehmen. „Das ist eine Tätigkeit, für die man viel Engagement und Herzblut benötigt. Doch es lohnt sich. Die Arbeit mit diesen Menschen erweitert den Horizont“, betont Mosch.


Gleiches Recht für alle

Hat es die Patientin oder der Patient ins Klinikum geschafft, muss alles ganz schnell gehen: „Wenn  der Pa- tient bei uns eintrifft, steht schon alles bereit. Wir versuchen, möglichst viele Untersuchungen in einer Art Diagnosestraße zu erledigen. Der Patient bekommt dank einer Narkose davon gar nichts mit. Diese ist fast immer nötig, da wir nicht wissen, wie die Menschen reagieren. Schon eine kleine Untersuchung, wie eine Blutabnahme, könnte eine Stunde dauern, weil der Patient sich so dagegen wehrt“, erzählt Primarius Fuchs. Ausruhen kann sich der Patient nach der Untersuchung auf der Überwachungsstation. Dort neh- men ihm seine Begleitperson und die Pflegekräfte die Angst.

„Durch die MIA hat sich in der Gesundheitsversorgung von Menschen mit Behinderungen viel getan: Bei Untersuchungen werden Krankheiten entdeckt, die man früher nie erkannt hätte, weil sich die Patienten nicht untersuchen ließen. Dadurch steigt ihre Lebenserwartung. Doch es ergeben sich auch viele neue Herausforderungen“, weiß Fuchs. Denn sobald es nicht mehr nur um eine Untersuchung geht, sondern die Patientin oder der Patient stationär aufgenommen werden muss, werden alle Schritte noch komplexer. Und Fuchs weist noch auf ein anderes Problem hin: „Es gibt viele Dinge, die wir zwar diagnostizieren, aber nicht weiterbehandeln können. Man muss immer überlegen, ob ein Patient von einer bestimmten Operation profitiert oder ob er danach zum Vollpflegefall wird. Manche

Wunden oder Brüche würden nicht verheilen, weil Patienten nicht verstehen, dass sie sich schonen müs- sen. Oder weil sie sich Verbände sofort herunterreißen würden.“

Der Anästhesist freut sich darüber, dass sich der Zugang zu Menschen mit Beeinträchtigungen in den ver- gangenen Jahren stark verbessert hat. Im Landesklinikum Melk wurden die Mitarbeiterinnen und Mitarbei- ter der MIA im Umgang mit kognitiv und mehrfach behinderten Menschen speziell geschult. Engagierte Betreuungskräfte und spezielle Einrichtungen nehmen betroffenen Angehörigen eine große Last ab. „Wir sind einfach da, wenn es anders nicht mehr funktioniert“, sagt Fuchs. Für die Zukunft erhofft er sich, dass der Bereich in ganz Österreich ausgebaut wird: „Menschen mit Behinderungen haben das gleiche Recht auf Gesundheit wie alle anderen. Doch es fehlt an Möglichkeiten für einen niederschwelligen Zugang zu klinischen Leistungen. Nötig wäre ein Netzwerk in Österreich, das sich diesem Bereich widmet. Damit könnten wir noch viel mehr Menschen helfen.“


Michaela Neubauer

erschienen in GESUND & LEBEN 01/2020