Im porträt

Albert Reiter ist

Österreichs ältester

aktiver Notarzt.

Ein Held, der keiner sein möchte

Von Innsbruck über Amstetten in die USA: Albert Reiter führt ein bewegtes Leben.

Seine große Liebe gehört der Notfallmedizin, der er seit 38 Jahren als Notarzt treu ist.

Flugkapitän wollte er werden. Wie jeder Bub damals, erinnert sich Albert Reiter. Damals, das ist in den 1950er-Jahren in Inns- bruck, wo er aufwächst. Und wo er 1968 bei einer Katastrophenübung zusieht, die sein berufliches Leben bestimmen wird: Denn als ihm schlecht wird beim Anblick der verletzt geschminkten Teilnehmer, beschließt Albert Reiter, einen Erste-Hilfe-Kurs zu besuchen – und selbst Rettungssanitäter zu werden.


Notarzt in den Schweizer Bergen

Albert Reiter ist 19 Jahre alt, als er dem Rettungsdienst beitritt. Kurz darauf maturiert er und verbringt im Sommer darauf viel Zeit im Rettungswagen. In dieser Zeit wird für den Tiroler klar, dass er Medizin studieren möchte. Damit setzt er sich gegen den Wil- len seines Vaters durch, der eigentlich möchte, dass sein Sohn Lehrer wird. Reiter absolviert erfolgreich das Studium und seinen Turnus im LKH Innsbruck. Danach zieht es ihn nach Vorarlberg, denn dort hat er die Chance, als Allgemeinmediziner eine Ordi- nation zu übernehmen. Das macht er auch fast – doch kurz zuvor bekommt er das Angebot, im LKH Feldkirch die Ausbildung zum Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin zu beginnen. Reiter, der in den Semesterferien schon als Pfleger auf der Inten- sivstation gearbeitet hat, willigt ein. Seine große Liebe zur Notfallmedizin wird geweckt, als er eines Tages im schweizerischen St. Gallen dabei ist, als der Rettungshubschrauber für die neue Basis vorgestellt wird.  Der Mediziner meldet sich für den Hub- schrauberdienst und fliegt das erste Mal im April 1982 mit. Es geht ins Gebirge, um einen abgestürzten Drachensegler zu ber- gen. Reiter ist damals ein „unbeschriebenes Blatt“, er kennt weder Pilot noch Notfallsanitäter, als er gefragt wird: Willst du aus- steigen oder die Winde bedienen? Der Arzt entscheidet sich dafür, die Winde zu bedienen und den Flugretter hinab zu lassen. Danach war das Eis gebrochen: „Ich wurde dann als Österreicher in der Schweiz akzeptiert. Ich habe in zehn Jahren als Notarzt im Hubschrauber sehr viel gelernt“, sagt Reiter. Physisch und psychisch belastbar müsse man sein und Ruhe bewahren können, sagt der mehrfache Vater. Ein Notarzt müsse außerdem empathisch sein und manche Dinge im Schlaf beherrschen, fügt er hinzu.


Toiletten putzen in Texas

1985 gibt es dann auch in Feldkirch den ersten Notarztwagen, kurz darauf eine offiziel- le Notarztausbildung. Reiter bringt die Ausbildung nach Vorarlberg und gibt Notarztkur- se. Mittlerweile ist er fertiger Facharzt und sein Chef überträgt ihm die Notfallmedizin im Klinikum. Ein Vortrag im oberösterreichischen Steyr – Reiter ist mittlerweile auch Sekre- tär der österreichischen Notfallgesellschaft – zeigt ihm neue Perspektiven auf. „Ich wur- de damals gefragt, wieso ich nicht ein Primariat anstrebe“, erinnert er sich. Reiter be- wirbt sich österreichweit und kommt so 1992 ins Landesklinikum Amstetten. 1993 wird er Primar der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin. Notarztdienste macht er zu dieser Zeit wenige – er sei eher eingesprungen, sagt er. Der engagierte Mediziner ist von 2007 bis 2015 außerdem Transplantationsreferent für NÖ und das Burgenland. 2015 geht Albert Reiter in Pension. Statt Ruhestand warten aber jede Menge Abenteuer auf ihn: Kurz nach seiner Pensionierung wandert der lebensfrohe Mediziner in die USA aus. Dort kommt wieder der Wunsch auf, Notarzt zu sein. Als Österreicher darf er aber in den USA nicht als Arzt arbeiten. Deshalb tritt er dem amerikanischen Roten Kreuz bei und meldet sich als Freiwilliger. Als im Sommer 2017 der Hurrikan „Harvey“ über Te- xas fegt, bekommt der pensionierte Arzt den Befehl, nach Texas zu fliegen und dort 14 Tage lang in einer Notunterkunft mitzuhelfen. 20 Duschkabinen und 40 mobile Toiletten putzt der heute 70-Jährige gemeinsam mit zwei Freiwilligen. „Es war eine harte Arbeit bei 35 Grad. Trotzdem war es ein tolles Erlebnis. Man arbeitet von einer Minute auf die nächste in einem fremden Land als Team zusammen. Die Menschen in der Notunter- kunft haben unsere Arbeit sehr geschätzt“, sagt Reiter. Kurz darauf hilft er wieder in ei- ner Notunterkunft, dieses Mal nach Waldbränden in Kalifornien.


„Muss am Ball bleiben“

Ende 2017 kehrt der Arzt ins Mostviertel zurück. Und wird prompt vom Notarztkoordina- tor in Ybbs gefragt, ob er nicht wieder als Notarzt einsteigen möchte. Reiter erneuert sein Notarztdiplom und steigt im Dezember 2018 als Freelancer wieder ein. In Scheibbs und Persenbeug fährt er seither wieder mit dem Notarztwagen zu Notfällen. Zusätzlich macht er Ambulanzdienste. Unter anderem beim Wiener Eistraum am Rat- hausplatz. Dort sitzt er in einem Container und verarztet die Verletzten. Eine besondere Freude machen ihm Dienste in der Staatsoper oder im Theater. Denn die Musik zählt zu seinen liebsten Beschäftigungen, wenn er nicht gerade Leben rettet. Und so war Albert Reiter auch als Leibarzt der Wiener Philharmoniker tätig und begleitete sie nach Ham- burg zu einem Auftritt. Gründe, warum er auch in seiner Pension als Notarzt tätig ist, gibt es viele: „Ich bleibe geistig frisch, muss am Ball bleiben und es macht mir Spaß. Ich kann meine Zeit sinnvoll nutzen.“ Zu helfen bedeutet ihm sehr viel. Und trotzdem: „Meine Notarzttätigkeit wird auch honoriert. Ich möchte nicht als Hero dastehen.“ Jeder könne etwas für die Gesellschaft beitragen und sich nützlich machen.

Prägende Momente gibt es viele in seiner langen Laufbahn. An manche Einsätze kann er sich bis heute bis ins kleinste Detail erinnern: „Am 26. Dezember 1985 gab es eine Massenkarambolage auf der Autobahn in Bregenz. Ich habe mir damals mehr Ausrüs-

tung gewünscht, einen Koffer mit Infusionen. Am Unfallort wurde ich dann vom Fernsehen interviewt und habe erzählt, dass das Material für mehr Verletzte nicht gereicht hätte.“ Er habe daraufhin einen „Maulkorb“ verpasst bekommen, sagt Reiter. Aber auch das gewünschte Material. Das schlimmste Erlebnis in seinen fast 40 Jahren als Notarzt war ein Busunglück auf der Westauto- bahn, bei dem acht Jugendliche ums Leben gekommen sind. Gemeinsam mit einem Feuerwehrmann barg Reiter die Toten aus dem Bus. Zwei Insassen überlebten – mit ihnen und ihren Eltern blieb Reiter lange in Kontakt. Albert Reiter ist heute der längst- dienende Notarzt Österreichs. Aber auch mit 70 Jahren denkt er nicht daran, aufzuhören: 2020 hat er seinen Notarzt-Refresher gemacht. Drei Jahre lang darf er nun wieder im Einsatz sein. Wenn es ihm gut geht, verlängert er vielleicht wieder. Eines aber ist für den rüstigen Mediziner klar: „Wenn ich einen Rollator brauche, höre ich auf!“


Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN 01+02/2021