NACHHALTIGKEIT

Gesund für Mensch & Klima?

Welche Ernährungsweise brauchen wir für unsere Gesundheit? Und was kann jede und jeder Einzelne in Sachen Ernährung für einen nachhaltigen Lebensstil tun?

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25 bis 30 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen hängen mit unserer Ernährung zusammen. Etwa 1,9 Kilo Fleisch essen wir laut AMA pro Woche pro Person: Schnitzel, Faschiertes, Huhn, Bratwürstchen und Kotelett sind nur wenige Beispiele. Gleichzeitig gehört Österreich zu den Ländern mit dem höchsten Anteil an Vegetarierinnen und Vegetariern: Neun Prozent verzichten auf Fleisch. Zwei von hundert Men- schen verzichten sogar völlig auf tierische Produkte, konsumieren also auch keinen Honig und kein Jo- ghurt. Außerdem gibt es generell immer mehr Menschen, die weniger Fleisch essen wollen – sogenannte Flexitarier. Die Gründe für den Trend hin zu einem geringeren Fleischkonsum sind vielfältig. Sie reichen von Umwelt- und Klimaschutz und der Ablehnung von Massentierhaltung bis hin zu gesundheitlich bedingten Entscheidungen.


Frage des Reichtums

In unserer westlichen Welt scheint es zu einem hohen Maß wohlstandsbedingt, dass wir uns leisten können, darüber nachzudenken, wie wir unsere Ernährung gestalten. In anderen Weltgegenden resultiert Veganis- mus aus der Nicht-Verfügbarkeit. Das bestätigt auch die Ernährungs- und Gesundheitswissenschafterin Dr. Theres Rathmanner: „Je reicher eine Gesellschaft ist, desto komplexer werden die Fragen, die wir uns rund um unsere Ernährung stellen.“ Und: „Heute erfahren wir viel mehr über Themen wie Massentierhaltung oder Umweltprobleme, wodurch wir oft bewusster und reflektierter handeln.“


Fleischlose Wurst?

Ist es moralisch zu rechtfertigen, Tiere zu halten, um sie zu essen? Über diese Frage gehen die Meinungen auseinander.  Wer zwar weniger Fleisch essen, aber auf den gewohnten Geschmack nicht verzichten will, setzt auf Fleischersatz-Produkte. In den letzten Jahren tüftelten Lebensmittelhersteller an immer neuen Imi- tationen von Fleisch, sodass mittlerweile sogar vegetarische Wurst oder fleischlose Burger-Pattys in den Supermärkten gekauft werden können. Gerade diese Fleisch-Imitate enthalten jedoch oft künstliche Ge- schmackstoffe und hohe Mengen an Zucker, Salz und Fett. Obwohl Lebensmittel auf pflanzlicher Basis grundsätzlich hochwertiges Eiweiß und wertvolle Inhaltsstoffe enthalten, gehen diese durch die hochgradi- ge Verarbeitung verloren, die es für die Herstellung von fleischlosen Würsteln und Schnitzeln braucht. Wer auf echtes Fleisch nicht verzichten möchte, sollte auf die Produkte von heimischen Bauern aus der Region zurück greifen.


Wie gesund ist vegan?

Durch ihren eingeschränkten Speiseplan müssen Veganerinnen und Veganer besonders darauf achten, alle wichtigen Nährstoffe und Vitamine zu sich zu nehmen. „Man kann sich sowohl vegetarisch als auch vegan bedarfsdeckend ernähren“, sagt Ernährungswissenschafterin  Rathmanner. „Je mehr man aber weglässt, desto besser muss man sich auskennen, um keine Mängel zu riskieren. Die Eiweiß-Versorgung beispiels- weise kann für Veganerinnen und Veganer ein Problem werden, da pflanzliches Eiweiß in der Regel weniger hochwertig ist als tierisches. Da sollte man sich erkundigen, welche Eiweißquellen man kombinieren kann, um die Qualität zu erhöhen.“ Laut „Medizin transparent“, der Informationsplattform des Departements für evidenzbasierte Medizin und Evaluation auf der Donau-Universität Krems, müssen Menschen, die fleischlos leben, zusätzlich Vitamin B12 zu sich nehmen, da dieses praktisch nur in tierischen Lebensmitteln vor- kommt. Ohne Vitamin B12 könnte es über die Jahre zu Blutarmut und schließlich zu bleibenden Nerven- schäden kommen. Ebenfalls wichtig sei es für Veganerinnen und Veganer, ihren täglichen Kalziumbedarf gezielt zu decken, um den Knochenaufbau zu sichern. Große Mengen an Kalzium findet sich in Milchpro- dukten. Wer sich vegan ernährt, kann Kalzium über grünes Gemüse wie Grünkohl, Brokkoli, Pak Choi, Tofu oder getrocknete Feigen zu sich nehmen. Produkte wie Sojamilch oder Fruchtsäfte sind oft mit Kalzium angereichert.

Dass eine vegetarische oder vegane Ernährung zu einem längeren Leben führt, konnte bislang nicht be- wiesen werden. „Medizin transparent“ berichtet über mögliche Gesundheitsvorteile einer vegetarischen Er- nährung, beispielsweise ein geringeres Herzinfarkt-Risiko. Außerdem erkranken sowohl vegan als auch ve- getarisch lebende Menschen laut Studien seltener an Krebs. „Die gesundheitlichen Vorteile gelten aber auch für Menschen, die zwar Fleisch essen, aber nur in geringen Mengen. Nicht geklärt ist, ob es nur an der Ernährungsweise liegt, dass Vegetarierinnen und Vegetarier gesünder sind, oder daran, dass sie oft insgesamt gesünder leben, sich mehr bewegen, seltener rauchen oder Alkohol trinken“, erklärt Rathman- ner. Eine vegane Ernährung scheint generell nicht mehr Gesundheitsvorteile zu bringen als eine vegetari- sche – allerdings auch nicht mehr Nachteile. Ungesunde Ernährung ist aber bereits heute eines der größ- ten Risiken für die Klimastabilität.


Nachhaltige Ernährung

Anfang 2019 wurde eine Publikation von weltweit führenden Ernährungsepi- demiologen und Wissenschaftlern unterschiedlicher Nationen veröffentlicht. Herzstück ist eine Ernährungsweise, die bis 2050 und darüber hinaus die Gesundheit einer wachsenden Bevölkerung von zehn Milliarden Menschen und den Fortbestand unseres Planeten sicherstellen soll – die sogenannte planetarische Gesundheitsdiät. Doch diese Ernährung ist weder vegetarisch noch vegan: Die „EAT-Lancet-Kommission“ spricht sich für eine Verdopplung des Gemüseanteils auf dem Teller und eine Halbierung des Konsums von ro- tem Fleisch und Zucker aus.

Das tägliche Ernährungsmuster der planetarischen Gesundheitsdiät besteht aus 2.500 täglichen Kalorien, wovon etwa 35 Prozent Vollkornprodukte und Knollen ausmachen. Zirka 15 Prozent der täglichen Kalorien sollen durch Ei- weißquellen zugeführt werden, die hauptsächlich aus Pflanzen stammen – aber auch 14 Gramm rotes Fleisch (also etwa die Hälfte unseres derzeitigen Fleischkonsums) sind in dieser Ernährungsform enthalten. Die Umstellung auf dieses planetarische Ernährungsmuster führe dazu, dass der weltweite Verbrauch von Nahrungsmitteln wie rotem Fleisch und Zucker um etwa 50 Prozent sinke, während der Verbrauch von Nüssen, Früchten, Gemüse und Hülsenfrüchten verdoppelt werde, meinen Forscher. Mit dieser Gesundheits- diät könnten weltweit pro Jahr über elf Millionen vorzeitige Todesfälle vermie- den werden, sind sich die Autoren sicher.


Neue Strategien

Obwohl diese neue Diät von vielen Seiten befürwortet wird, sind doch einige Wissenschaftler skeptisch, ob die Ernährungsweise der globalen Bevölke- rung in diesem Ausmaß umgestellt werden kann. Besonders wichtig sei, ge- sunde Ernährung zugänglicher zu machen und einkommensschwache Be- völkerungsgruppen zu unterstützen, um eine anhaltend schlechte Ernährung zu vermeiden. Insgesamt, da sind sich Experten sicher, müssen wir unsere Verhaltensweisen und Strategien verändern: die Ernährung umstellen, mehr regionale und saisonale unverarbeitete Produkte genießen, mehr naturnahe Landwirtschaft und weniger Lebensmittel verschwenden. Maßnahmen, die wir alle Tag für Tag wählen können. Man muss nur den ersten Schritt machen.


Michaela Neubauer

Pflanzliche Nährstoffquellen


-Eisen: Vollkorn-Getreideprodukte,

Hülsenfrüchte, grünes Blattgemüse, getrocknete Früchte, Sojaprodukte, Rohrzuckermelasse, Weizenkeime

-Eiweiß und Aminosäuren: sind in pflanzlicher Nahrung in ausreichen- der Menge vorhanden, jedoch be- inhalten nur wenige pflanzliche Le- bensmittel alle essentiellen Amino- säuren auf einmal. Eine Ausnahme ist Soja. Vegan lebende Menschen sollten daher mehrere unterschiedli- che pflanzliche Eiweißquellen mit- einander kombinieren.

-Kalzium: Grünkohl, Brokkoli, Pak Choi, Tofu getrocknete Feigen

-Omega-3-Fettsäuren: Leinöl, Wal- nüsse, Rapsöl, Soja

-Zink: Vollkorn-Getreideprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse, Weizenkeime


Quelle: www.medizin-transparent.at/veganismus-ge- sund-oder-riskant

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 10/2019