gesunde füsse

FotoS: zvg, AVO , istockphoto: jacob lund, blackred

Barfuß durch den Sommer

Ohne Schuhe zu gehen, ist eine Wohltat für Körper, Geist und Seele.

Barfußgehen ist das Natürlichste auf der Welt. Trotzdem haben wir uns mittlerweile so an festes Schuhwerk gewöhnt, dass wir beim Barfußgehen Schmerzen empfinden oder uns sorgen, uns etwas einzutreten. Dabei würde es uns körperlich und mental sehr guttun, wenn wir öfters barfuß durch die Welt gingen. Denn es fördert unter ande- rem die Durchblutung der Beine und Venen und regt die Fußmuskulatur an. Die Füße können sich in ihrer natürlichen Form ausdehnen und atmen, was Schweißfüße gar nicht erst entstehen lässt. Damit nicht genug, tut es dem gesamten Körper gut, wenn wir ohne Schuhe vor die Tür gehen, denn die Stimulierung des so oft vernachlässigten Fußgewölbes trägt zu einer gesunden Körperhaltung bei und beugt Knie-, Hüft-, Rü- cken- und sogar Nacken- sowie Kopfschmerzen vor. Trotzdem scheuen viele den ers- ten Barfußschritt. Matthias Zuckerhut, ganzheitlicher Physiotherapeut und Certified Barefoot Coach aus Wien, kann das durchaus verstehen: „In unserer schnelllebigen Zeit tendiert der Körper dazu, in einer ständigen Anspannung zu sein. Wir sind poten- ziell immer aufgeregt, was mit der Zeit zu stressbedingten Verspannungen führt. Das

Gleichgewicht zwischen dem aktiven Teil und passiven Teil unseres vegetativen Nervensystems ist gestört. Ersterer dient der Freisetzung von Kraft und Anspannung. Letzterer ist wichtig für Entspannung, Regeneration und Stoffwechsel. Und dieses Un- gleichgewicht zugunsten der Anspannung spürt man auch beim Laufen – insbesondere beim Barfußlaufen.“ Daher empfiehlt der Experte, dass man bewusst auf die Atmung achtet und achtsam einen Schritt nach dem anderen setzt: „Durch bewusste Ent- spannung, bewusstes Lockerlassen der Füße und bestimmter anderer Zonen im Körper wirken wir dem durch Stress und An- spannung aktivierten Zustand des Körpers entgegen und sorgen so für Balance, die sich letztlich sogar mental auswirken kann.“


Lockerheit in Perfektion

Das funktioniert allerdings selten auf Anhieb. Doch je besser man seinen Körper kennt, umso schneller klappt es mit dem schmerzfreien Barfußgehen oder -laufen. „Barfuß ist man direkt mit der Beschaffenheit des Bodens konfrontiert. Je härter der Boden, desto weicher und lockerer muss der Körper sein“, sagt Zuckerhut. Um diese innere Stabilität zu erreichen, kann man sich beispielsweise vorstellen, man hätte eine solide und gleichzeitig flexible Schnur durch die Mitte des Körpers gespannt, die einen an der Krone des Kopfes stetig nach oben zieht.

Derart „stabil“ und locker zugleich beginnt man idealerweise auf einem möglichst harten Untergrund barfuß zu laufen. Dann nämlich muss man sich erst einmal keine Sorgen machen, dass man auf spitze Steine, Wurzeln oder kleine Ästchen tritt. Statt- dessen kann man sich darauf konzentrieren, dass prägnante Regionen wie Rücken und Leiste locker werden oder bleiben, dass

man die Schultern sinken lässt und in eine fließende Laufbewegung kommt. Zudem gilt es, ein direktes sensorisches Feedback diverser Rezeptoren im Körper zu be- kommen, so die Interaktion des Körpers mit dem Boden wahrzunehmen und zu spüren, ob man ungünstig auftritt.


Keine Angst vor Schmerzen

Tun einem die Füße weh, hat das in den seltensten Fällen damit zu tun, dass man (noch) zu wenig Hornhaut hat. „Oft stecken dahinter starke Verspannungsmuster. Vom vegetativen Nervensystem her spannt der Körper an, wenn ‚Gefahr in Verzug‘ ist. Spitze Steinchen oder Äste stellen zwar keine wirkliche Gefahr dar, doch Schmerz triggert in diesem Fall eine Schutzreaktion des Körpers in Form von Ver- spannung. Die Erwartung auf Schmerz bewirkt dies ebenso“, so der passionierte Barfußläufer Zuckerhut, dessen Füße sich übrigens nach jedem Winter wieder dar- an gewöhnen müssen, ohne Schuhe unterwegs zu sein. Oder vielmehr müssen sich Körper und Geist darauf einstellen: „Während man die nervale Kapazität darauf lenkt, was Füße und Körper wahrnehmen – also die Nerven mehr ‚sensorisch‘ nutzt –, muss der Körper Kapazität von der Anspannung abziehen. So wird die ‚motori- sche‘ Ansteuerung verringert. Das geht allerdings nur, wenn der gesamte Körper in der richtigen, sprich in einer stabilen Position ist, und es keine Notwendigkeit für ‚stabilisierende‘ Verspannungen gibt“, erklärt Zuckerhut.

Je mehr man also spürt, umso weniger spannt man an und umso weniger schmerzt es. Das funktioniere für Fortgeschrittene sogar auf einem Schotterweg, so der Ex-

perte, der aber auch betont, dass „man langsam über kleine Schotterstei- ne gehen oder vielmehr schreiten sollte. Natürlich spürt man die spitzen Steine. Wenn man dann angespannt ist, tut es weh. Lässt man es aber be- wusst zu, wird der Körper immer weicher.“


Richtig laufen lernen

Dennoch sollte man nicht einfach draufloslaufen und den Schmerz ertra- gen. Das führt nämlich meist nicht nur zu schmerzenden Fußsohlen, son- dern kann weitreichende Folgen haben: von Knieverletzungen über Rü- ckenbeschwerden bis zur Nackensteife. Nicht zuletzt aus diesem Grund bietet Zuckerhut Lauf-Coachings an – sowohl im Bereich der Barfuß-Lauf- technik als auch für, wenn man so möchte, „normales Laufen“ mit Schuhen. Zu Beginn wird die Dysbalance der Haltung auf dem Laufband analysiert. Dazu bedient sich Zuckerhut einer App, mithilfe derer er der Klientin, dem Klienten visuell aufzeigen kann, wie gerade bzw. schief der Körper wäh- rend des Laufens ist. Diese Dysbalance wird dann im Stehen und auf dem Boden liegend trainiert und korrigiert. Je nach Körpergefühl geht das beim einen schneller und dauert beim anderen etwas länger. Danach schaut man die Veränderungen beim Springen und schlussendlich wieder beim Laufen an. Dieses 90-minütige Coaching ist eine Kombination von Analyse, Reflex- und Beweglichkeitstraining sowie Haltungsschulung. Dabei ent- wickle man außerdem ein Verständnis dafür, dass während des Laufens ein ständiger, jedoch unbewusster Informationsfluss zwischen Hirn und Körper stattfindet, erklärt Zuckerhut: „Da der Körper dazu neigt, in alte Muster zu- rückzufallen und wieder anzuspannen, ist es wichtig, dass man lernt, be- wusst auf die Statik und zugleich die Entspannung zu achten: Wo stabili- siere ich beim Laufen? Wo lasse ich locker? Wo muss das Becken hin, wo die Brust? Und wie entspannt bin ich? Sich all dieser Dinge bewusst zu werden, trägt wesentlich dazu bei, langfristig Freude am Laufen zu haben.“


Christiane Mähr

erschienen in GESUND & LEBEN 06/2021