IM PORTRÄT

Ein Sport für jedes Alter

NÖ Seniorensportlerin des Jahres: Margit Schieder tritt mit 94 Jahren zu Tischtennis-Turnieren an – und spielt gegen Damen, die um Jahrzehnte jünger sind- .

Tischtennis als Leidenschaft und Lebenselixier: Margit Schieder spielt seit ihrer Jugend und fühlt sich um Jahrzehnte jünger.

Margit Schieder tritt mit ihrer Tochter Eva Graser regelmäßig bei Turnieren im Doppel an. Stolz auf seine Spielerinnen ist TTV- Sierndorf-Obmann Albert Wilder.



FotoS: Imre Antal

Tock – tock – tock – tock. Der winzige weiße Plastikball flitzt blitzschnell über den grünen Tisch. Man muss sich konzentrie- ren, um ihn im Auge zu behalten. Auf der einen Seite der Tischplatte huscht eine Frau mittleren Alters hin und her, auf der anderen Seite eine älter wirkende Dame. Es ist Mittwochabend, der wöchentliche Trainingstag von Margit Schieder und ihrer Tochter Eva Graser bei ihrem Tischtennisverein TTV Sierndorf. Das klingt nicht weiter ungewöhnlich; ins Staunen kommt man allerdings, wenn man das Alter von Margit Schieder erfährt: Sie wird am 24. Mai 94 Jahre alt. Und sie ist rüstig. Unglaublich rüstig sogar.

Beim Spielen ist sie laufend in Bewegung. Rasch reagiert sie mit dem kleinen Schläger auf den fliegenden Punkt. Der Ball- wechsel geht lange von einer Seite auf die andere. Margit Schieder und ihre Tochter (59) sind gut aufeinander eingespielt. Das merkt man. Regelmäßig treten die beiden Hollabrunnerinnen im Doppel zu Wettkämpfen an und sind dabei erfolgreich. Margit Schieder ist in Niederösterreich keine Unbekannte. 2016 und 2018 wurde sie als NÖ Seniorensportlerin des Jahres ausgezeichnet. Sie gibt regelmäßig Interviews und tritt in Talkshows auf.


„Im Winter den Betrieb einstellen“

Wie ist sie zu diesem Sport gekommen? „Meine Eltern haben mit zwei anderen Ehepaaren oft Tischtennis gespielt“, blickt sie auf ihre Jugend zurück: „Eines Tages wollte ich mitgehen und da hat mich der Sport vom ersten Tag an so fasziniert, dass ich dabeigeblieben bin.“ Im Jahr 1946 gründete sie im Alter von 21 Jahren schließlich eine Tischtennis-Sektion, die es in der Sportunion Hollabrunn noch heute gibt. Die Anfänge waren bescheiden: In einem Gasthaus stand nur ein einziger Tischten- nistisch. Danach zog der Verein in ein Hotel weiter. „Dort mussten wir im Winter den Betrieb einstellen, weil wir nichts zum Heizen hatten“, erinnert sie sich. Es ging dann weiter ins nächste Gasthaus, bis man schließlich in der Jahn-Turnhalle lande- te. Der Sport sorgte in Hollabrunn schnell für Furore und 1947 gab es in der Turnhalle die erste Stadt-Vereinsmeisterschaft. An der zwölften Stadtmeisterschaft in den 1970er-Jahren nahmen bereits 254 Personen teil.


Um Jahrzehnte jünger

„Aktuell gibt es in NÖ vom Alter her für mich keine Gegnerin mehr“, bedauert sie: „In der Alterskategorie 70 plus mussten die Seniorenmeisterschaften im Vorjahr und auch heuer abgesagt werden. Außer mir hat sich niemand angemeldet.“ Bei Tur- nieren muss sie regelmäßig in eine andere Alterskategorie ausweichen und gegen Damen spielen, die um Jahrzehnte jünger sind. Doch sogar hier kann sie Schritt halten: Vor wenigen Jahren erkämpfte sie sich – gemeinsam mit ihrer Tochter – bei ei- nem Turnier in Tulln im Damendoppel den zweiten Platz. Die hohe Geschwindigkeit des Sports macht ihr nichts aus: „Ich füh- le mich wie 70!“ Sie ist überzeugt: „Tischtennis ist ein Sport für jedes Alter.“


Das Geheimnis der Fitness

Was ist das Geheimnis ihrer exzellenten Verfassung? „Ich achte auf meinen Körper und lasse mich jedes Jahr ärztlich durch- checken“, sagt sie. Zudem passt sie bei ihrer Ernährung gut auf: „Ich esse nicht viel, dafür vier bis fünf Mal am Tag. Ich liebe Obst und Hausmannskost, aber kein fettes Fleisch. Ab und zu trinke ich auch ein Achterl Rotwein oder ein Bier zum Gu- lasch.“ Körperliche Betätigung an der frischen Luft steht täglich am Programm. Denn Margit Schieder, die in Hollabrunn zen- trumsnah alleine wohnt, erledigt alle Einkäufe eigenständig zu Fuß: „So laufe ich pro Tag mindestens einen bis zwei Kilome- ter.“ Dazu kommt das wöchentliche Tischtennis-Training. Auch geistig hält sich die flotte Dame fit: „Ich schreibe viel. Ich habe Briefverkehr mit Freunden und Verwandten in Oberösterreich, Wien, Ungarn, Tschechien und Kanada.“ Zudem ist sie bei insgesamt vier Vereinen aktiv.

Was Margit Schieder traurig macht, ist der aktuelle Stellenwert ihres Lieblingssports: „Tischtennis ist in Österreich als Brei- tensport momentan nicht aktuell.“ Das wäre aber wichtig. Denn letztlich würde eine Förderung des Breitensports auch dem Spitzensport nutzen, indem Talente überhaupt erst entdeckt werden könnten, sagt Schieder. „Der Verband müsste in den Schulen etwas tun“, meint sie. Vorbildlich in der Jugendarbeit wäre etwa der TTV Sierndorf, streut sie ihrem Verein Rosen. Und noch ein unschlagbares Argument hat Margit Schieder, das für ihre große Leidenschaft spricht: „Tischtennis ist der bil- ligste Sport. Man kann sogar auf jedem Tisch zuhause spielen – man muss nur ein kleines Netz spannen.“


Heinz Bidner

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 05/2019