ERGOTHERAPIE

FotoS: therapeihof Glasermühle

Ergotherapie soll für das Kind möglichst spielerisch funktionieren. Der Be- handlungsraum im Therapiezentrum Glasermühle bietet der Ergotherapeutin zahlreiche Möglichkeiten, die für das jeweilige Kind passenden Therapie- Spiele zu entwickeln.

Viele kleine Erfolgser- lebnisse schaffen

Ergotherapie ist dazu da, um Kinder dort abzuholen, wo sie sich in ihrer Entwicklung befinden und Fähigkeiten weiter auszubauen bzw. zu erwerben und damit ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Das klappt wunderbar durch spielerische Therapieangebote.

Martin ist ein Pirat. Er zieht sich an einem Seil mit dem Rollbrett über die Rutsche an der Sprossenwand hoch. Da obe- n liegen verschiedene Säckchen voll Gold, die wird er sich jetzt holen. Er greift nach einem, nimmt es an sich und läs- st sich wieder auf die Matten zurückrollen. Dann zieht er sich wieder hoch, nimmt das nächste Goldsäckchen. Martin i- st völlig konzentriert. Und merkt gar nicht, dass er gerade an seinen Schwächen arbeite- t.

Das freut Verena Stix, die Martin durch seine Ergotherapie-Stunde leitet. Denn Martin kann sich eigentlich nicht gut kon- zentrieren. In der Schule hat der Achtjährige dadurch viele Probleme. Oft wird er sauer, weil er nicht so schnell schrei- ben kann wie die anderen Kinder. Und er verletzt sich häufig, weil er ständig in Bewegung ist, herumhampelt und nicht genug aufpasst, was er tut. Er schüttet oft aus, patzt seine Kleidung an, zerbricht immer wieder etwas. Seine Elter- n

spüren schon länger, dass Martin sich mehr plagt als seine große Schwester. Als die Lehrerin sie auf die Schreib- und Konzentrationsprobleme anspricht, holen sie bei ihrem Kinderarzt Rat. Martin bekommt eine Überweisung zur Ergother- apie und landet bei Verena Stix. Die junge Ergotherapeutin, die an der Fachhochschule Wiener Neustadt studiert hat, a- rbeitet als Selbstständige im Therapiehof Glasermühle in Steinebrunn bei Drasenhofen- .


Den Alltag besser bewältigen

Stix ist fasziniert davon, wie Kinder von ihren Therapien profitieren können. Ergotherapie dient vor allem der Bewälti- gung des Alltags und der Handlungsfähigkeit. Bei ihren kleinen Patienten geht es häufig um Verzögerungen oder Störu- ngen in der Entwicklung. Diese können sich auf vielfältige Art und Weise zeigen – und nicht alle sind tatsächlich behan- dlungsbedürftig, denn jedes Kind entwickelt sich nach seinem eigenen Plan, betont Sti- x.

Manche Kinder kommen zu ihr, weil sie ungeschickt und langsam sind, zum Beispiel beim Umziehen für die Turnstunde in der Schule. Andere plagen sich beim Schreiben und können den Stift nicht richtig halten. „Die Kinder spüren selbst, dass sie sich schwerer tun als die anderen, und sie leiden darunter und haben ein schwächeres Selbstwertgefühl. Oder sie wirken dann besonders selbstbewusst, aber das ist meist nur an der Oberfläche so, denn eigentlich sind sie verun- sichert.“


Stärken stärken

Derartige Probleme wirken sich bei Kindern (und auch Erwachsenen) auf viele Lebensbereiche aus und schwächen auf der psychischen Ebene ebenso wie auf der emotionalen und sozialen. Dann ist es für Verena Stix wichtig, dem Kind ganz viele kleine Erfolgserlebnisse zu verschaffen – wie gerade dem kleinen Martin, der als tapferer, starker Pirat schon drei unterschiedlich schwere Goldsäckchen eingesammelt hat. Was für ein Erfolg! Diese Stoffsäckchen, gefüllt mit Reis oder Sand, wird  Verena Stix ihm anschließend auf den Rücken legen, wenn er sich nach der Anstrengung des Seilzie- hens und Loslassens entspannt. Dann kann er das unterschiedliche Gewicht seiner Beute spüren – und damit sich selbst.


Gemeinsam mit den Eltern

Stix nimmt sich für jedes Kind erst einmal zwei Therapieeinheiten lang Zeit, es in seiner Ganzheit zu erfassen: Das Kind darf ein Bild von sich selbst zeichnen. Dabei beobachtet Stix schon eine Menge – wie hält das Kind den Stift? Wie sieht es sich selbst? Wie geht es mit seinen Gefühlen um? Beim freien Spielen beobachtet sie dann sehr genau, nach wel- chen Materialien und Dingen das Kind greift, was es mag, was nicht. So bekommt sie einen guten Gesamteindruck. En- tscheidend ist dabei, genau auch die Stärken des Kindes zu erkunden, nicht nur seine Schwäche- n.

In der dritten Therapieeinheit spricht sie alleine mit den Eltern darüber, wie der Alltag mit dem Kind genau ist. Bei Bedarf kontaktiert sie die zuständigen Pädagoginnen, Pädagogen in Kindergarten und Schule. Sie tauscht sich auch mit den anderen Therapeuten im Team aus, wenn ein Kind weitere Therapien braucht. Manchmal ist es nämlich sinnvoll, erst einmal Logopädie zu machen, manchmal braucht es zuerst die Ergotherapie, damit das Kind überhaupt die nötige Ko- nzentrationsfähigkeit für die Logopädie entwickelt- .

Schließlich vereinbart sie mit Eltern und Kind drei Ziele, zum Beispiel Rad fahren können. „Viele Kinder wissen sehr ge- nau, was sie selber besser können möchten. Ich gebe dem Kind dann das Gefühl, dass es das selber macht und ich ihm genau die Menge Unterstützung gebe, die es braucht- .“


Konzept für jede Therapieeinheit

Dafür macht sich Stix für jede Therapiestunde einen Plan, was sie mit dem Kind erreichen will. Wie für Martin. Der hat Probleme mit der Wahrnehmung, spürt seine Körpergrenzen nicht. „Er benötigt Druck und Zug, um sich selbst wirklich zu spüren.“ Deshalb ist Martin nun Pirat, zieht, spürt die Gewichte, darf seine Kraft einsetzen und gleichzeitig ganz b- ehutsam wahrnehmen. Martin hat heute jede Menge Erfolgserlebnisse und ist zufrieden mit dem schönen Spiel – und Ve- rena Stix auch, Martin hat super gearbeitet. Stix wird, wie bei allen Kindern, auch mit Martins Eltern laufend im Aus- tausch bleiben. Im Schnitt zehn bis 20 Therapieeinheiten brauchen Kinder, jeweils einmal pro Woche. Martins Mama be- kommt heute den Tipp, mit Martin mit verschieden schwer befüllten Stoffsäckchen als Belag „Pizza belegen“ zu spielen: Mama tut so, als ob sie auf Martins Rücken Tomatensauce verteilen würde. Dann kommt die Salami drauf und alles, was Martin gern auf seiner Rücken-Pizza haben möchte, und zum Schluss dann noch Käse. Für den kleinen Piraten un- d seine Mama bedeutet das Spiel Zuwendung und Training zugleich – und bestimmt jede Menge Spaß- .


Riki Ritter-Börner

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 03/2019