ABTEILUNG

FotoS: Philipp Monihart





Wie in einer Waschstraße wird das Operationsbesteck in mehreren Stationen gereinigt. Die Aufbereitungseinheit für Medizin- produkte in St. Pölten ist für fast alle Instrumente der Kliniken im nordwestlichen Nieder-österreich zuständig.

Bereichsleiterin Natascha Krippel führt das Team von GESUND&LEBEN durch die Waschstraße.

Die beiden runden Dampf-filter am Deckel der Sterilgut-Box verfärben sich bei der Sterilisation.

Universitätsklinikum St. Pölten; Dunant-Platz 1, 3100 St. Pölten, Tel.: 02742/9004-0, www.stpoelten.lknoe.at

Klinisch rein

Skalpelle, Scheren oder Klemmen, die für Operationen verwendet werden, sind nur selten Wegwerf-Instrumente. Sie werden vor dem nächsten Patienten gereinigt. Doch wie bekommt man sie wirklich klinisch rein?

Rund um die OP-Clipzange PB220-E ist es stockdunkel. Nur das Surren des Lastenaufzuges ist zu hören. Gerade noch war sie im Operationssaal der Kardiologie des Universitätsklinikums St. Pölten, da bei einer Herzoperation eine Vene entnommen werden muss- te. Eine blutige Sache, aber nun einmal ihre Spezialität. Plötzlich ein Ruck und ein metallisches Scheppern, dann fahren die Aufzug- türen zur Seite und ein Förderband zieht den großen Rollwagen, in dem sich PB220-E nun befindet, heraus. Hier, im unreinen Be- reich der Aufbereitungseinheit für Medizinprodukte, öffnet eine Frau in grüner Kleidung und rosa Mütze den Rollwagen. PB220-E wird bald aus der 30 x 60 Zentimeter großen Box befreit, in der sie liegt. Denn in wenigen Stunden muss sie wieder in den OP, wo wieder ein Patient auf sie wartet.


Zentrale Stelle

Im Jahr 2014 wurde das Logistikzentrum im Universitätsklinikum St. Pölten eröffnet, das neben dem Klinikum auch vier weitere Klini- ken mit Produkten und Medikamenten beliefert. Hier, im zweiten Stock, reinigen Fachkräfte das gesamte Operationsbesteck des Krankenhauses und das der Kliniken Lilienfeld, Melk, Waidhofen/Ybbs und Hollabrunn. Früher erledigte das jedes niederösterreichi- sche Klinikum selbst. Heute ist die AEMP, die Aufbereitungseinheit für Medizinprodukte, die zentrale Stelle, und schon bald soll sie diesen Service auch für die Kliniken Scheibbs und Amstetten übernehmen. Ein weiteres Logistikzentrum in Wiener Neustadt versorgt mit seiner AEMP den Südosten des Bundeslandes. In St. Pölten arbeiten 33 Beschäftigte im Turnusdienst rund um die Uhr.

Eine davon ist Bereichsleiterin Natascha Krippel. „Dieses Set kommt vom Herz-OP. Da muss man besonders genau arbeiten, denn der Bereich ist sehr heikel“, sagt sie. Die 20 Zentimeter lange Clipzange „Vitalitec Medium“ mit der Produktnummer PB220-E befin- det sich in einem Instrumentensieb. 150 solcher Einheiten werden hier täglich mit dem Lastenaufzug angeliefert. Die Rollwägen, in denen sie ankommen, sind mit roten Etiketten gekennzeichnet. Rot steht für unrein. Krippel scannt die Bestandsliste des Rollwagens, wie an einer Supermarktkassa. Dann kontrolliert sie, ob Instrumente fehlen. Alleine in diesem Wagen befinden sich hunderte kunst- voll gebogene Zangen, Messer und Scheren. Krippel braucht eine halbe Stunde.


Selbstschutz

Operationsbestecke werden in Metalltassen aufbewahrt. „Wenn man die herausnimmt, ist der Selbstschutz sehr wichtig. Wir sind zwar alle gegen Hepatitis B geimpft und werden von den Abteilungen vorgewarnt, wenn Patienten mit übertragbaren Krankheiten operiert wurden, aber an den spitzen Geräten kann man sich schnell einmal ritzen oder stechen“, sagt Petra Filzwieser. Die diplo- mierte Pflegekraft hat 30 Jahre Erfahrung im Medizin-Bereich und war bereits vor der Eröffnung der zentralen AEMP mit der Reini- gung der St. Pöltner OP-Werkzeuge beschäftigt. Die Angestellten tragen neben der Kleidung auch einen Mundschutz, eine Schutz- brille und zwei Paar Handschuhe. „Die bunten auf der Haut und die weißen darüber“, erklärt Filzwieser, „dann sehen wir sofort, ob die weißen Handschuhe kaputt sind. So ist das sicherer.“


Sorgfalt

Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter absolviert in den ersten zwei Jahren einen Steril-Fachkundelehrgang. Fachliche Vorausset- zungen gibt es für den Job nicht. Krippel legt die Tasse, in der sich PB220-E befindet, vorsichtig in ein Waschbecken und zieht eine Plexiglasscheibe vor ihrem Gesicht herunter, um sich vor Spritzern zu schützen. Dann packt sie einen blauen, geringelten Schlauch und spritzt einen Hochdruck-Wasserstrahl quer über die Tasse. Diese Vorreinigung ist vor allem bei Instrumenten wichtig, an denen noch hartnäckiger Schmutz wie Knochenzement klebt, wie er beim Einsetzen von Implantaten verwendet wird.

„Würden wir den nicht sorgfältig entfernen, würde er sich später im Sterilisator nur noch verhärten“, versucht sie das Fauchen des Wasserstrahls zu übertönen.

Dann stellt sie die Tasse in ein mit Wasser gefülltes Ultraschall-Becken, das weitere Schmutzpartikel löst.

Später deckt Krippel das Set mit einem blauen Plastik-Gitter ab. „Sonst holt es uns die Waschmaschine“, sagt sie und lacht. Tatsäch- lich gibt es hier sechs Reinigungsgeräte. Sie sehen aus wie Backöfen, nur doppelt so groß. Und durch ihre Glastüren sieht man das Wasser spritzen und hört es laut zischen, wie bei einer Autowaschanlage. Der Dampf verrät, dass es sich um heißes Wasser handelt; OP-Besteck wird mit 93 Grad gereinigt. Nach dem Waschprogramm zieht ein Förderband die Werkzeuge auf der anderen Seite der Maschine heraus. Wir befinden uns nun im reinen Bereich der AEMP.


Ein genauer Plan

Petra Filzwieser verfolgt auf einem Bildschirm, wie lange die restlichen Maschinen noch brauchen und welche Programme einge- stellt sind. Die nächste Charge wird in drei Minuten fertig sein. „Wir sortieren die Tassen jetzt nach dem Schwierigkeitsgrad der Reini- gung“, sagt sie, „die neueren Mitarbeiter kümmern sich um die kleinen Sets. Die Erfahrenen um die großen.“ Denn für den Laien se- hen die meisten Werkzeuge gleich aus. Und selbst Filzwieser mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung orientiert sich immer noch an den Bildern jedes einzelnen Instruments, das sie auf einem Monitor an ihrem Arbeitsplatz aufrufen kann. „Wir sehen dann auf Fotos, wie die Instrumente hingelegt werden müssen“, erklärt sie, „denn im OP müssen die Schwestern dann alles sofort – ohne Suche – fin- den.“ Diesen Legeplan arbeitet sie ab und kontrolliert zuvor, ob sich noch Schmutzreste an den einzelnen Instrumenten befinden.

Der Job sei sehr interessant, sagt sie: „Es geht hier nicht um ein spezielles Gebiet, wie früher bei mir im Anästhesie-Bereich. Hier hat man Instrumente aus allen Abteilungen. Klemmen oder Scheren haben alle. Aber jedes Fach benutzt

Instrumente, die es nur in diesem Bereich gibt.“ Sie ölt das Gelenk von PB220-E, denn auch für die Instandhaltung ist die AEMP ver- antwortlich. Dann stellt sie das Öl wieder zurück zu den anderen Flaschen, die sie für ihre Arbeit braucht. Reinigungsmittel wie Chi- rol, Orangenöl, Wasserstoff, Benzinum oder Peroxid und verschiedene Bürsten benutzt Filzwieser für unterschiedliche Schmutzrück- stände.


Sicherheit

Im Operationssaal gibt es einen genauen Ritus, wie das Besteck ausgepackt wird, damit das Personal möglichst wenig Kontakt mit der Sterilgut-Box hat und keine Viren übertragen werden können. „Die Kardiologie wünscht sich immer extra-große Papiertücher und eine spezielle Falt-Technik“, erzählt Filzwieser. Sie legt die Box mit grünem Fließpapier aus. 130 x 130 Zentimeter groß. Dann stellt sie die fertig aufgefüllte und saubere Tasse hinein und schlägt das Papier zwei Mal um. Es muss vollkommen unbeschädigt sein. Darum berührt sie es nur mit den Fingerspitzen und arbeitet ganz langsam. Erst schlägt sie das Papier von vorne nach hinten um. Dann den hinteren Teil in die entgegengesetzte Richtung. So kann die Schwester im reinen Bereich des Operationssaals die Tasse freilegen und der Bereich rund um die Box ist komplett mit sterilem Papier bedeckt und sicher vor einer Kontamination durch Viren.


Verantwortung

Die Angestellten der AEMP haben einen sehr verantwortungsvollen Job. Das Computersystem registriert stets, wer welche Instru- mente bearbeitet hat. Diese Daten werden zehn Jahre lang gespeichert.

„Sicher kann es vorkommen, dass wir etwas übersehen. Aber das sind keine groben Rückstände. Wenn, dann sind es kleine Korrosi- onsschäden“, sagt Natascha Krippel, während sie Petra Filzwieser beim Falten des grünen Fließpapiers beobachtet. Es darf nir- gendwo gespannt sein. Schön locker soll es in der Box liegen. Dann setzt Filzwieser den Deckel mit zwei runden Dampffiltern auf die Box. Im Sterilisator werden sich die Filter verfärben. Ein Zeichen dafür, dass die Tasse für Operationen verwendet werden kann. Ge- nauso wie der Kontrollstreifen außen an der Box, der jetzt noch rosa ist, sich aber gleich braun färben wird. Filzwieser kontrolliert noch einmal, ob die Box richtig verschlossen ist. Dann versiegelt sie sie mit einem Plastik-Ring.


Sterilisation

„Jetzt sollte man die Tasse möglichst nicht mehr hin- und herschupfen“, scherzt sie, und hebt sie langsam hoch. Gemeinsam mit an- deren Sterilgut-Boxen kommt die Tasse für die Kardiologie nun per Fließband in einen von vier Sterilisatoren. Eine Stunde und 15 Mi- nuten bei 134 Grad, dann haben sich alle Kontrollstreifen verfärbt. Nur neurochirurgische Instrumente werden aus Sicherheitsgrün- den 15 Minuten länger erhitzt. Unter dumpfem Zischen öffnet sich die Hintertür des Sterilisators und die Boxen werden vollautoma- tisch in den Auslieferungsbereich geschoben. „Jetzt sind sie noch so heiß, dass man sie nicht berühren kann“, warnt Krippel, „des- halb lassen wir sie eine halbe Stunde abkühlen, bevor wir sie ausliefern.“ Sie kontrolliert, ob sich alle Indikatoren verfärbt haben, dann gibt sie die Charge frei. 70.000 OP-Bestecke laufen jedes Jahr durch diese Waschstraße; per LKW werden sie in die einzelnen Kliniken gebracht.

„Seit ich hier arbeite, habe ich ein sicheres Gefühl, wenn ich selbst untersucht oder operiert werde, weil ich weiß, wie genau alles ge- säubert wurde“, sagt Bereichsleiterin Natascha Krippel.

Die mittlerweile klinisch reine Box, in der sich PB220-E befindet, lässt sie vom Hol- und Bringdienst für die St. Pöltner Herz-Chirurgie abholen. Denn die nächste Vene muss entfernt werden.



Markus Feigl

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 03/2019