OSTERBRÄUCHE

Ausdruck der

Volksfrömmigkeit

Palmkatzerl, Zweige der Salweide, erinnern an die Palmenzweige, mit denen Jesus der Bibel nach in Jerusalem begrüßt wurde.

Im Weinviertel ist besonders die Schubkarrenratsche üblich.

Mitte des 19. Jahrhunderts bedankten sich die Weinbauern am Ostermontag bei den Lesehelfern der Vorjahresernte mit Eiern, Schinken und Brot.

Das Lamm hat auch bei der jüdischen Pesach-Feier Bedeutung, die laut

biblischer Erzählung Jesus mit seinen Jüngern kurz vor Ostern gefeiert hat.

FotoS: istockphoto/ udra, Volkskultur NÖ, istockphoto/ dulezidar

Vom Osterei bis zum jungen Wein – bei den ländlichen Bräuchen der Osterzeit werden religiöse und bäuerliche Traditionen heute neu interpretiert.

Dorothea Drax- ler, Geschäfts- führerin Volks- kultur Niederösterreic- h

Bunt gefärbte Eier sind der universellste Brauch zu Ostern. Sie verzieren süßes Gebäck, werden verschenkt und gegessen; sie schmücken die Zweige der Salweide, die als Palmkätzchen in der Vase stehen, oder mannshohe Sträucher in den Vor- gärten. Den frühesten Hinweis auf Ostereier kennen wir vom fahrenden Kleriker und Spruchdichter Freidank, der im 13. Jahrhundert lebte, berichtet Reinhard Kriechbaum in seinem Buch „Heringschmaus und Kreuzlstecken“. Der Verzehr von Ei- ern war in der Fastenzeit ebenso streng verboten wie jener von Fleisch. Um die Eier haltbar zu machen, habe man die wäh- rend der Fastenzeit gelegten Eier gekocht und zum Unterschied von rohen Eiern gefärbt, gibt Kriechbaum gängige Vermu- tungen wieder.

„Das Ei, würde ich sagen, ist heidnisch“, meint Dorothea Draxler, Geschäftsführerin der Volkskultur Niederösterreich. Es gilt in vielen Kulturen als Symbol für Fruchtbarkeit. Aus der Ostkirche kommend, hat das Osterei bei uns im 12. Jahrhundert Ein- zug gefunden. Doch Ostern ist mehr als das Eier-Fest: Aus theologischer Sicht ist es das bedeutendste Fest im Jahreskreis. „Die bäuerlichen und kirchlichen Wurzeln lassen sich nicht entflechten. Die Fest- und Feiertagskultur  hat sich entlang des Kirchenjahres entwickelt“, erklärt Dorothea Draxler.


Glocken fliegen nach Rom

Zum Gloria am Gründonnerstag läuten die Kirchenglocken das letzte Mal, dann „fliegen sie nach Rom“ – um dort vor dem Osterfest zur Beichte zu gehen, sagt man. Oder um sich den Segen des Papstes zu holen; aus liturgischer Sicht soll das Verstummen der Glocken den Leidensweg Christi betonen.

Bis zur „Rückkehr“ der Glocken beim Gloria der Auferstehungsmesse in der Nacht zum Ostersonntag übernehmen die Rat- schen deren Funktion: Burschen und Mädchen ziehen durch die Gassen und machen mit Hammerklappern und Drehrat- schen kräftig Lärm. Wenn der Ratschermeister seine Ratsche anhebt, pausieren die hölzernen Lärminstrumente und die Stimmen der Jugendlichen rufen zu Gebet oder Kirchgang: „Wir ratschen, wir ratschen den englischen Gruaß, den jeder Christ wohl beten muass. Fallts nieda, fallts nieda auf eure Knia, bets an Vaterunser und drei Avemarie!“ „Ein Lärmbrauch hat immer ältere Wurzeln“, erklärt Volkskultur-Expertin Draxler. Die Ratsche ist auch in anderen Kulturen zuhause, etwa beim jüdischen Purim-Fest in der Synagoge. In die christliche Tradition der Fastenzeit haben Ratschen spätestens im 18. Jahr- hundert Einzug gefunden.


Altes Brauchtum

„Bräuche sind in Bewegung, sie zeigen keine schlüssige Entwicklung“, erklärt Draxler, warum manche Bräuche in Verges- senheit geraten, sich verändern oder manchmal auch nach Jahren wiederentdeckt und neu belebt werden. So wie das „in die Grean gehn“, das besonders im Pulkautal populär ist: Ostern war in vielen Gebieten eine Zeit des Gebens. Mitte des 19. Jahrhunderts bedankten sich die Weinbauern am Ostermontag bei den Lesehelfern der Vorjahresernte mit Eiern, Schinken und Brot und mit der Verkostung des Jungweins. Später wurde die Einladung auf Bekannte und Freunde ausgeweitet, und

die Winzer besuchten sich gegenseitig, bis diese Tradition wieder in Vergessenheit geriet. Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen einzelne Winzer am Ostermontag wieder einzula- den. Der Gang in die Weingärten mit dem anschließenden Mahl lässt sich mit der Geschich- te des Gangs der Jünger nach Emmaus sogar biblisch begründen. Heute sind den Winzern dabei auch fremde Gäste willkommen, Tourismusanbieter vermarkten das „in die Grean gehn“ als „altes Brauchtum neu interpretiert.“


Gemeinschaft

„Man darf die ursprüngliche Bedeutung von Bräuchen nicht verlieren. Aber die Bräuche ver- ändern ihre Kleider, und sie dürfen sie auch verändern“, ist Draxler überzeugt. Und Kriech- baum meint: „Weltliche und religiöse Bräuche werden nicht bloß weitergeführt, sondern aufs Neue und mit neuer Leidenschaft gepflegt.“ Im Brauch spiegle sich unsere Lebenssituation, es blitze ein Stück heile Welt durch und Menschen erlebten in Bräuchen Gemeinschaft. „Wir brauchen Bräuche: Die gemeinsame Wortwurzel kommt nicht von ungefähr.“ Heute sei alles viel üppiger, sagt Dorothea Draxler. Man feiere die Feste größer als früher, sie würden mehr nach außen getragen und veränderten sogar das Straßenbild an der Peripherie: Neben den geschmückten Palmzweigen ab Palmsonntag stehen in der Fastenzeit geschmückte Oster- sträucher in den Vorgärten der Häuser.


Eva Kohl

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 04/2019