LERNEN

Kinder spielen ihr Leben aus



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Im Spiel entwickelt sich das Gehirn. Das, was die Hirnforschung heute bestätigt, hat vor über 70 Jahren die niederösterreichische Pädagogin Margarte Schörl erkannt.

Margarete Schörl,

Pädagogin und katholische Ordensfrau (1912–1991)

Der Verpackungskarton der neuen Waschmaschine, eine Schnur, eine Decke. Für Kinder können das wahre Schätze sein, mit denen sie beim Spielen in ihre Phantasiewelt eintauchen. Der Karton wird zum Häuschen, die Schnur dient als Wäsche- leine. Die Decke ist fein säuberlich am Boden ausgebreitet und darf – Vorsicht, Gemüsebeet! – nicht betreten werden. „Kin- der lieben es, kleine Räume im großen Raum zu schaffen“, sagt die Kindergartenpädagogin Anna Ruschka, „das ist ein na- türliches Verhalten, das alle Eltern erleben.“ Erwachsene müssten lediglich dafür sorgen, dass genügend Material bereit liegt. Alte Zeitungen und Schachteln also nicht gleich zum Altpapier werfen, Stöcke vom Waldspaziergang mit nach Hause nehmen. Erlauben, dass der Wäscheständer ins Spiel kommt und die Kinder das Sofa zum Piratenschiff umbauen. Damit Kinder so richtig ins Spielen kommen, braucht es also nicht unbedingt „echtes“ Spielzeug. „Wichtig ist, dass das Kind Din- ge hat, die es umdeuten kann. Also zum Beispiel ein Stück Holz, das einmal ein Handy ist, dann eine Pistole.“


Kein bloßer Zeitvertreib

Kindliches Spiel sei nicht bloß ein netter Zeitvertreib, der im Gegensatz zu dezidierten Bildungs- und Förderaktivitäten ver- nachlässigt werden könne, meint Anna Ruschka, die im Praxiskindergarten der Bundes-Bildungsanstalt für Sozial- und Ele- mentarpädagogik in St. Pölten zukünftige Pädagoginnen und Pädagogen ausbildet. Hirnforscher wie der bekannte deut- sche Neurobiologe Gerald Hüther betonen, wie wichtig das freie Spiel für die Entwicklung des menschlichen Gehirns ist und machen auf die enge Verbindung von Spielen und Lernen aufmerksam. Vor über siebzig Jahren war es die Pädagogin und katholische Ordensfrau Margarete Schörl, die diese Zusammenhänge aus ihren Beobachtungen in einem Kindergarten in Krems abgeleitet hat. „Margarete Schörl hat vieles erkannt, was aktuell von der Hirnforschung bestätigt wurde“, sagt Dr. Do- ris Kloimstein, Referentin für Elternbildung in der Diözese St. Pölten. Zusammen mit Anna Ruschka ist Kloimstein maßgeblich daran beteiligt, dass Schörl und ihre Pädagogik in jüngster Zeit „wiederentdeckt“ werden. Von Schörls Blick auf das Kind können sich sowohl Eltern als auch Pädagogen inspirieren lassen, ist Kloimstein überzeugt. „Margarete Schörls Anliegen war es, jedem Kind die Zeit zu geben, die es braucht. Heute wollen Eltern ihre Kinder bestmöglich fördern und nichts ver- passen. Das kann Druck erzeugen, der sich gegenteilig auswirkt.“ Kinder sollten nicht andauernd verglichen, gemessen und bewertet werden. Kloimstein: „Lass die Kinder spielen!“


Kinder teilen Raum ab

Dass Kindergärten im deutschsprachigen Raum dem freien Spiel einen großen Stellenwert geben, ist vor allem Margarete Schörl zu verdanken. Die katholische Ordensfrau tut etwas für die Kleinkindpädagogik nach dem Zweiten Weltkrieg Unge- wöhnliches: Im leeren Raum stellt sie das Spielmaterial an den Rand und lässt die Kinder ohne Anleitung spielen. „Schörl hat beobachtet, dass die Kinder die Sachen vom Rand holen und den Raum abteilen“, schildert Ruschka. Das, was sie wahrnimmt, setzt Schörl im sogenannten Raumteilverfahren um und prägt damit den Kindergarten, wie wir ihn heute kennen: mit Bau-, Puppen- und Bilderbuchbereich. Nicht die Pädagoginnen bestimmen, wer mit wem welches Spiel spielt. Die Kin- der selbst suchen sich ihre Spielpartner, ihren Bereich im Raum und das Material und schaffen „lebensnahe Spielsituatio- nen“. Der Erwachsene führt indirekt, indem er Dinge zur Verfügung stellt und Gelegenheit zur Bewegung oder zum Ausru- hen bietet.


Im Spiel die Welt erarbeiten

Sowohl für den Kindergarten als auch für daheim gilt: Im Spiel erarbeiten sich Kinder die Welt und verarbeiten ihre Erfahrungen. „Im Spiel des Kindes ist alles drin, was es erlebt hat“, sagt Ruschka. „Kinder spielen ihr Leben aus.“ Belastendes und Spannungen würden abgebaut – vor allem im Rollenspiel. Ein Bub, der beim Playmobilspielen eine Figur – den „Papa“ – in den Kasten steckt, hat sich möglicherweise morgens über seinen echten Papa geärgert, weil der auf die Mütze beim Weggehen bestanden hat. Auch Aggression habe Platz, Kinder dürften auch mal grob mit ihrem Spielmaterial umgehen. Wenn Legofiguren miteinander „Krieg füh- ren“, müsse das Eltern nicht beunruhigen, meint Ruschka. „Mein Großneffe ließ immer zwei Boote miteinander kämpfen. Heute ist er Zivildiener beim Roten Kreuz“, erzählt sie mit einem Schmunzeln.


Bitte nicht stören!

Müssen Eltern immer mitspielen? Im Gegenteil. Erwachsene können sich ruhig ausklinken und sollten spielende Kinder so wenig wie möglich stören. „Wir wollen, dass sich unsere Kinder konzentrieren und holen sie trotzdem oft aus der Tiefenkonzentration heraus“, sagt Anna Ruschka. Dabei sei die Spontankonzentration so wichtig, also jene Form der Konzentration, die nicht von außen herbeigeführt wird. Wenn Kinder vertieft spielen, könne auch das Mittagessen einmal warten und das Aufräumen verschoben werden. „Es muss ja nicht immer sofort alles weggeräumt werden, damit die Kinder später weiterspielen können“, findet Ruschka.

Ein Tipp von Margarete Schörl fürs Aufräumen, wenn das Spiel dann irgendwann wirklich zu Ende ist: „Das Wort ‚Aufräumen‘ nicht verwenden. Besser sagen, dass man alles wieder an seinen Platz legt, damit man es das nächste Mal wieder findet.“


Sandra Lobnig

Dr. Doris Kloimstein,

Referentin für

Elternbildung in St. Pölten

Anna Ruschka,

Kindergartenpädagogin

in St. Pölten

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 04/2019