GESUNDHEIT IN NÖ - INTERVIEW

FotoS: Philipp Monihart

Viel mehr Lob als Kritik

Der scheidende Kliniken-Landesrat Mag. Karl Wilfing zieht Bilanz und erklärt, warum er sich neben seinen Aufgabengebieten Wohnbau und Arbeitsmarkt ganz besonders auf das Thema „Natur im Garten“ freut.

Vor 14 Jahren begann das Land Niederösterreich mit der Übernahme der Kliniken von den Gemeinden, 2005 verabschiedete der NÖ Landtag das Gesetz zur Errichtung der NÖ Lan- deskliniken-Holding als einziger Spitalsträger in Niederösterreich. In dieser Zeit war der frü- here Landeshauptmann-Stellvertreter und jetzige Innenminister Mag. Wolfgang Sobotka poli- tisch für die NÖ Kliniken zuständig, in den vergangenen vier Jahren dann Landesrat Mag. Karl Wilfing. Dieser übergab die Verantwortung für einen der größten Kliniken-Betreiber mit 27 Standorten an Dr. Stephan Pernkopf, Stellvertreter der Landeshauptfrau. Im Interview mit GESUND&LEBEN zog Wilfing Bilanz und beleuchtet einen Teil seiner künftigen Tätigkeitsbe- reiche.


GESUND&LEBEN: Die NÖ Landes- und Universitätskliniken mit etwa 20.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern bewältigen rund 170.000 operative Leistungen und rund 360.000 stationäre Aufenthalte mit insgesamt 1,95 Millionen Belagstagen pro Jahr. Was waren die wichtigsten Themen?

LR Mag. Karl Wilfing: Die Arbeit für die und mit den NÖ Kliniken ist eine Arbeit mit viel Dyna- mik. Im Mittelpunkt stand dabei für mich immer, eine bedarfsgerechte Versorgung anzubie- ten, und das bei Einhaltung der Kostenvorgaben. Patientensicherheit und Patientenzufrie- denheit sind zentrale Werte. Deshalb war mir auch die Einführung der elektronischen Patien- tenakte ELGA so wichtig, weil sie für die Patienten Sicherheit und Service bedeutet. Weitere Schwerpunkte waren, dass wir mit den vorhandenen Ressourcen gut umgehen, dass wir ge- nug Nachwuchs beim Personal rekrutieren und dass in den Kliniken jede Berufsgruppe ideal eingesetzt ist. So übernehmen derzeit Pflegekräfte einige Aufgaben, die in den Zeiten des Überangebots an Ärzten ebendiese vorgenommen haben. Und um die Pflege zu entlasten, haben wir in einigen Kliniken Servicekräfte eingesetzt, die zum Beispiel das Essen austragen und Reinigungsarbeiten übernehmen. Wir erproben aber auch sogenannte Organisations- Assistenten, die sowohl Ärzte als auch Pflege entlasten. Diese Modelle werden jetzt ins gan- ze Land getragen.


Wo stehen die Kliniken heute?

Dazu gäbe es sehr viel zu sagen. Ein Punkt: Die NÖ Kliniken sind österreichweit Vorreiter in Sachen tagesklinischer Behandlung. Bei uns werden bereits acht Prozent der Eingriffe tages- klinisch gemacht, österreichweit sind es fünf Prozent.

Was beeindruckt Sie besonders an den NÖ Kliniken?

Ich bewundere die Leistungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, weil sie trotz einer gewis- sen Ressourcenknappheit optimale Erfolge erzielen. Sie haben einfach ein Herz und eine gute Hand für die Menschen, und ich habe in all den Jahren immer wieder bemerkt, dass sehr viele von ihnen die Menschen in den Mittelpunkt stellen. Und außerdem habe ich immer viel mehr Lob über die Kliniken als Kritik bekommen. Wenn, wie in Niederösterreich, die Mitarbeitenden, die Klinik-Leitungen, die NÖ Landeskliniken-Holding und die Politik auf Augenhöhe miteinander reden und an einem Strang in die gleiche Richtung ziehen, dann gelingt es, dass trotz der Her- ausforderungen und vieler Probleme ein Klima des Vertrauens und des Miteinanders entsteht. Was das bringt, sieht man anders herum in Wien, wo ein derartiges zufriedenstellendes Mitein- ander wohl fehlt.


Was waren Ihre persönlichen Meilensteine?

Neben der großartigen Arbeit der Kliniken waren das für mich drei Projekte: Die Initiative „Nein zum Keim“, bei der wir Desinfekti- onsmittel-Spender in allen Kliniken aufgestellt haben. Da geht es darum, dass auch die Besucherinnen und Besucher wahrneh- men, wie wichtig Handhygiene für die eigene Gesundheit und die der Patientinnen und Patienten ist. Eine große Freude ist für mich, dass es durch die Blutspende-Kampagne „lifesaver“ gelungen ist, die Jugend anzusprechen und damit auch für die Zu- kunft Blutspender zu gewinnen. Und ein besonderes Anliegen war mir die öffentlichkeitswirksame Kampagne „Movember“, um die Männergesundheit in den Blickpunkt zu holen. Denn Frauen kümmern sich zumeist viel besser um die eigene Gesundheit als die Männer, und das soll sich ändern.


Wie hat das Aufgabengebiet Ihren Zugang zum Thema Gesundheit verändert?

Ich habe mein Leben umgestellt, weil ich viele tolle Menschen kennengelernt habe, die mir gezeigt haben, dass das geht. Ich gönne mir jetzt jeden Morgen eine Stunde, in der ich mich sportlich betätige. Seither fühle ich mich wohler, weil ich etwas für mei- ne Gesundheit tue und den eigenen Körper wichtig nehme.

Und in anderen Politik-Bereichen? Warum setzen Sie sich als Jugend-Landesrat so stark für das Rauchverbot bis 18 ein?

Jeder Experte sagt uns, dass die Lungenentwicklung nachweislich frühestens mit dem 18. Lebensjahr abgeschlossen ist. Rau- chen ist für Jugendliche weit schädlicher als für Erwachsene und deshalb wollen wir hier eine Grenze setzen. Außerdem zeigen uns Studien aus Großbritannien, Schweden und den USA, dass alleine mit einem höheren Schutzalter innerhalb von drei Jahren die Zahl der Raucher um knapp 30 Prozent zurückgeht – das wollen wir auch. Das Einstiegsalter liegt sowieso unter 16, obwohl das Rauchen erst ab da erlaubt ist. Wenn wir es anheben, hoffen wir auch, dass das Einstiegsalter steigt. Wir wollen einfach ge- setzlich vorgeben, was richtig ist. Damit haben die Eltern eine Handhabe. Außerdem wissen wir, dass 90 Prozent der rauchenden Jugendlichen sagen, sie tun es, weil es die Freunde auch tun. Wenn weniger rauchen, hilft also auch das, dass noch weniger rauchen.


Sie übernehmen nun neben so großen und wichtigen Themenbereichen wie Arbeitsmarkt und Wohnbau die Initiative „Natur im Garten“. Was bedeutet das für Sie?  Was hat diese Initiative bisher bewegt?

Ich möchte dem derzeitigen Innenminister Mag. Wolfgang Sobotka herzlich danken, der die Initiative „Natur im Garten“ mit einer Motivation sondergleichen aufgebaut hat. Niederösterreich ist heute das Gartenland Nummer eins: Fast 15.000 private Gärten sind als Partner der Initiative mit der Gartenplakette ausgezeichnet, gärtnern also ohne Pestizide und Kunstdünger. Der Slogan „Gesund erhalten, was uns gesund hält“ gilt heute auch für die Gärten der Kliniken, Schulen, Kindergärten und Gemeinden. „Na- tur im Garten“ ist eine wirklich tolle Aktion, die auch in Oberösterreich, Deutschland und Tschechien Nachahmer gefunden hat. Und mit der Garten Tulln hat Niederösterreich ein Leuchtturmprojekt – die größte ökologische Gartenschau mit 2,1 Mio. Besu- chern pro Jahr, ist eines der zehn Top-Ausflugsziele des Landes.


Garteln Sie auch selber? Wo ist Ihr persönlicher Anknüpfungspunkt an das Thema?

Für mich persönlich ist unser großer Garten vor allem am Wochenende ein Platz der Stille, der Entspannung und Kontemplation. Wir haben einen großen Schwimmteich, der nicht nur meine drei Töchter immer wieder nach Hause lockt, auch Neffen und Nich- ten kommen gern vorbei, wir grillen gemeinsam und genießen den Garten. Die Arbeit, muss ich gestehen, macht meine Frau, und sie ist sehr stolz auf ihren Garten. Ich genieße ihn vor allem. Und ich will alle Gartenfreunde motivieren, nicht nur fleißig zu garteln, sondern ihren Garten auch zu genießen, stillzusitzen, sich zu entspannen. Bienensummen, Hummelbrummen, Blütenduft – was gibt es Schöneres? So ist der Garten auch ein wesentlicher Beitrag zur mentalen Gesundheit.


Wohin soll sich die Initiative entwickeln? Was sind die wichtigsten Ziele für die nächste Zeit?

Bis 2020 sollen alle Gemeinden in NÖ pestizidfrei arbeiten. Schon jetzt bekennt sich jede Woche eine weitere Gemeinde dazu. 15.000 Gartenbesitzer arbeiten bereits nachgewiesen nach den Kriterien von „Natur im Garten“, aber da gibt es noch viel mehr. Heuer legen wir den Schwerpunkt auf Gärten in der Stadt – auf Terrasse, Balkon und Fensterbrett. Damit möglichst viele Men- schen das Glück des Selbermachens und das Wunder des Wachsens und Gedeihens erleben können. 


RIKI RITTER-BÖRNER

In der Garten Tulln stellte sich LR Karl Wilfing nach vier Jahren Verantwortung für die NÖ Kliniken einem Abschieds-

Interview

Ich bewundere

die Leistungen

der Mitarbeiterin- nen und

Mitarbeiter in

den Kliniken.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 04/2017