DARM

Foto: istockphoto/ Ryan King999, iistockphoto/ wmaster890

Gesunde Darmflora

Neueste Forschungserkenntnisse zeigen, wie wichtig es ist, den Darm gesund zu halten.

Lange wurde der Darm primär als hochkomplexes Verdauungsorgan betrachtet. In neuerer Zeit rückt er immer mehr in den Fokus des wissenschaftlichen Interesses. Denn in ihm steckt viel mehr als nur das Auswertungsorgan für die aufgenommene Nahrung.

Die Gesamtheit aller den Menschen bewohnenden Bakterien, Viren und Pilze wird als Mikrobiom bezeichnet. Der überwiegende Teil dieser Mikroorganismen ist im Darm zu finden. Berechnungen zufolge besiedeln rund 100 Billionen Bakterien den Darm. Die Mikro- biomforschung boomt seit rund zehn Jahren. Der Hype um den Magen-Darm-Trakt macht sich durch zahlreiche Studien, Bücher und Veröffentlichungen in Fachzeitschriften bemerkbar. Durch neue Forschungsmethoden werden viele Krankheiten auf eine Störung der Darmflora zurückgeführt. So weiß man heute, dass Menschen, die an der Hauterkrankung Neurodermitis leiden, häufig eine gestörte Darmbesiedlung aufweisen. Aber auch an der Entstehung von Krankheiten wie Multipler Sklerose, Fettleibigkeit, Arthritis, Diabetes oder Depressionen soll die Zusammensetzung der Darmflora beteiligt sein.


Darm & Hirn

Eine heuer an der Karl-Franzens-Universität Graz durchgeführte Studie fand einen Zusammenhang zwischen den im Darm lebenden Mikroorganismen und der Gehirnleistung. Die Forscher stellten fest, dass die Einnahme von Probiotika, also für die Darmflora nützli- che Bakterienstämme, einen positiven Einfluss auf das Erinnerungsvermögen und die emotionalen Entscheidungsprozesse haben kann. Die Testpersonen mussten anhand von unangenehmen und neutralen Bildern Wiedererkennungs-Aufgaben lösen. Dabei wur- de ihre Gehirnaktivität mittels einer funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) gemessen und abgebildet. Die Gruppe, denen Probiotika verabreicht wurde, erzielte eine Trefferquote von 85 Prozent. Dagegen lagen die Placebo- und die Kontrollgruppe nur zu rund 70 Prozent richtig. „Jene Teilnehmer, die Probiotika über vier Wochen eingenommen hatten, schnitten bei den Erinnerungstests besser ab und waren gleichzeitig sicherer in ihren Entscheidungen“, fasst Erstautorin Deepika Bagga, die als Biophysikerin am Insti- tut für

Psychologie der Universität Graz arbeitet, das Studienergebnis zusammen.


Zivilisationskrankheit

Noch steht die Wissenschaft in der Erforschung der genaueren Zusammenhänge zwischen dem Darm-Mikrobiom, diversen Erkran- kungen und dem Gehirn aber am Anfang. Der Wiener Allgemeinmediziner Dr. Gerhard Wallner, Autor des Buches „Der Darm-Dok- tor“, stellt jedoch fest: „Wenn mit dem Darm alles rund läuft, spüren das die Menschen.“ Regelmäßige Stuhlgänge mit geringem Ver- brauch von Toilettenpapier, ein flacher Bauch und selten auftretende Blähungen seien Zeichen, dass mit dem Darm alles okay ist, sagt Wallner. „Sind aber Durchfall, starke Blähungen, Bauchschmerzen, Übelkeit oder Verstopfung eher die Regel als die Ausnah- me, sollten die Alarmglocken schrillen.“ Denn schließlich gilt unsere Nahrung als tagtägliches „Medikament“ für unsere Gesundheit. Und auch wenn es vielen Menschen unangenehm ist, über solche Symptome zu sprechen, ist in solchen Fällen ein Arztbesuch drin- gend notwendig. Ob es sich bei den Beschwerden um im Moment noch harmlose (aber nicht zu vernachlässigende) Unpässlichkei- ten handelt oder um Gewichtigeres wie ein Reizdarmsyndrom oder gar um eine schwerwiegendere chronisch-entzündliche Darmer- krankung (CED) wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa, kann nur der Facharzt feststellen. Vor allem in den westlichen Industrielän- dern steigen die Erkrankungszahlen. CEDs sind unheilbar und für die Betroffenen mit qualvollen Beschwerden wie Bauchkrämpfen, Durchfall, Blut im Stuhl und Fieber verbunden, sie treten in Schüben auf. Da viele Erkrankte nur noch unter großen Schwierigkeiten ihren Alltag bewältigen können, bietet eine telefonische Hotline Beratung und psychische Unterstützung (siehe Infokasten Seite 43).


Pilzbefall im Darm

Die einfachste Methode, Darmbeschwerden auf die Schliche zu kommen, ist die Stuhlanalyse, erklärt Wallner: „Sie ist nicht unange- nehm, tut nicht weh und sagt sehr viel über den Zustand des Darms aus. Ein spezialisiertes Labor und ein geschulter Arzt können aus dem Stuhl praktisch alles über den Darm erfahren. Die Darmflora kann sehr gut bestimmt werden.“ Beschwerden wie häufige Verstopfung und Durchfälle, ein starker Blähbauch, Hautschuppungen, Juckreiz am Analausgang oder Sodbrennen können auf ei- nen Befall des Darms mit Candidapilzen zurückzuführen sein. Es lohnt sich, die Ernährungsgewohnheiten unter die Lupe zu neh- men. Da Hefepilze wie der Candidapilz von Zucker und Stärke leben, kann der Pilzbefall vom übermäßigen Konsum zuckerhaltiger Speisen verursacht werden. Der Befall mit Candidapilzen führt zu einer verstärkten Säureproduktion im Magen, wodurch oft Sod- brennen hervorgerufen wird.


Krebs-Früherkennung

Für die Früherkennung von Darmkrebs rät Dr. Helmut Kandl, Internist in St. Pölten, zu regelmäßigen Darmspiegelungen (Koloskopie) ab dem 50. Lebensjahr: „Gab es Darmkrebsfälle in der Familie, sollte die Vorsorgeuntersuchung bereits zehn Jahre vor dem Erkran- kungsalter des betroffenen Familienmitglieds durchgeführt werden.“

Der Darm hat eine wesentliche Funktion in der Immunabwehr. Die Darmschleimhaut enthält mehr als siebzig Prozent der körpereige- nen Immunzellen. Mit dem darmeigenen Immunsystem wehrt der Körper Giftstoffe und Krankheitserreger wie Bakterien, Viren oder Pilze ab. Um den Darm gesund zu halten, ist es wichtig, auf eine gute Ernährung zu achten. Als darmfreundlich gelten Lebensmittel wie gedünstetes Gemüse, Erdäpfel, Olivenöl oder Reis (siehe Seitenleiste Seite 43). Dagegen machen andere Produkte

wiederum häufiger Darmprobleme. Wer dem Darm Gutes tun will, sollte teilweise auf Weizen verzichten, rät Gerhard Wallner, aber auch auf Kuhmilchprodukte (mit und ohne Laktose), Tomaten, grüne Paprika, alkoholische Getränke, Hart- und Schnittkäse sowie Haushalts- und Fruchtzucker, Palmöl und ebenso auf Transfette, die in frittierten Snacks wie Pommes frites oder Chips, aber auch in Fertigsuppen zu finden sind.


Pro- und Präbiotika

Positive Wirkungen auf die Darmflora und die köpereigene Abwehr werden auch, allerdings nicht ganz unumstritten, Probiotika nach- gesagt. Probiotika sind nützliche Bakterien für eine gesunde Darmflora, die Milchprodukten (z. B. Joghurt oder Joghurt-Drinks) bei- gemengt werden oder in Pulver- bzw. Tablettenform erhältlich sind. Weil sie in probiotischen Joghurts nicht gerade reichlich vorhan- den sein sollen, wird die Einnahme in Pulverform empfohlen.

Ergänzend bieten sogenannte Präbiotika wie die Ballaststoffe Inulin oder Oligofruktose den guten Bakterien im Darm Nahrung. Ne- ben dem Einsatz chemischer Medikamente müsse man auch alternative Heilmittel bei der Behandlung in Erwägung ziehen, ist Wall- ner überzeugt: „Pro- und Präbiotika bzw. diversen regulierenden und beruhigenden Arzneien kommt deshalb eine wichtige Rolle in der Behandlung von Darmkrankheiten zu.“


Jacqueline Kacetl

Tipp: Gute–Nacht-Trunk für den Darm


Abends einen Teelöffel Inulin (Ballaststoff, der auch in Zwiebeln oder Chicorée enthalten ist) und ein Probiotikum (bei- des in Pulverform erhältlich) in einem großen Glas Wasser vermengen und vor dem Schlafengehen trinken.  Die Bal- laststoffe und probiotischen Bakterien stärken das Immunsystem, bekämpfen Candidapilze im Darm und bereiten den Dickdarm auf den morgendlichen Stuhlgang vor. Auch die nächtliche Fettverbrennung wird angereg- t.


Quelle: Der Darm-Doktor. Das 8-Wochen-Programm für einen gesunden Bauch

INTERVIEW

Dr. Helmut Kandl

Internist, Gastroen- terologe, Hepatolo- ge und Kardiologe in St. Pölten

Gesunde Lebensweise

Was sind die häufigsten Anzeichen, dass mit dem Darm etwas nicht in Ordnung ist?

Wenn Durchfall, Bauchkrämpfe, Gewichtsverlust, Blut im Stuhl, Verstopfung (Obstipation) und ein allge- meines Krankheitsgefühl auftreten.


Welche Beschwerden weisen auf eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung hin?

Bauchkrämpfe bis Kolik-ähnliche Symptomatik, Blut im Stuhl, ein allgemeines Krankheitsgefühl, Ge- wichtsverlust, Leistungsknick, Fieber, profuser wässrig-schleimiger und oft blutiger Durchfall (ca. zehn- bis 20 Mal täglich) sowie ständiger Stuhldrang- .


Gibt es Risikogruppen für Darmerkrankungen?

Bei den chronisch-entzündlichen Formen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, aber auch bei der Zöl- iakie, eine Erkrankung der Schleimhaut des Dünndarms, gibt es eine genetische Veranlagung ,

die zu einem erhöhten Krankheitsrisiko führt.


Detox-Spülungen als Entgiftung und Entschlackung des Körpers liegen voll im Trend. Was halten Sie von Darmspülungen? Eine Darmspülung ist keine evidenzbasierte schulmedizinisch anerkannte Therapie und ist daher keinesfalls anzuraten. Ich persönlich halte das für Geschäftemacherei und vom Konzept her unsinnig- .


Welche Lebens- und Essgewohnheiten sind besonders schädlich für den Darm?

Es gibt keine explizit schädlichen Nahrungsmittel oder protektive Diäten. Eine allgemein anerkannte ge- sunde Lebensweise, die sich durch regelmäßige sportliche Aktivitäten, Nichtrauchen, mäßigen Alkoho- lgenuss und die Vermeidung von Übergewicht auszeichnet, ist auch hinsichtlich der Darmgesundheit zu empfehlen.

Wenn der Darmausgang verlegt wird


Ein Stoma, ein künstlicher Darmausgang, kann eine vorübergehende Lösung sein, oder eine Lösung für immer.

Es gibt einige Gründe, warum Menschen für eine bestimmte Zeit oder für ihr weiteres Leben einen künstlichen Darmausgang brauchen. Eine Krebserkrankung zum Bei- spiel. Ist der Darmausgang betroffen, wird das Stoma für immer die Schließmuskeln ersetzen. Bei einer schweren entzündlichen Darmerkrankung kann ein Stoma vor- übergehend die verletzte Darmpassage entlasten und damit Heilungschancen und L- ebensqualität sogar erhöhen- .

Bei einem Stoma wird ein Stück Darm durch die vordere Bauchwand geführt und dient dort als künstlicher Ausgang. Betroffene brauchen dann eine spezielle Versor- gung, damit das Ergebnis der Darmentleerung möglichst alltagstauglich aufgefangen werden kann. Speziell geschulte Pflegekräfte helfen über die Anfangsschwierigkeiten hinweg und unterstützen, damit Betroffene mit der mit vielen Sorgen und Ängsten be- setzten Situation möglichst gut zurechtkommen- .

Darmfreundliche Lebensmittel


-gekochtes oder kurz gedünstetes Gemüs- e

-Erdäpfel

-Obst mit geringem Zuckerantei- l

-Pseudogetreide wie Quinoa und Amaranth sind reich an Mineralstoffen und pflanzlichem Eiweiß

-Reis

-Hirse und Buchweizen

-Meeresfische aus Naturfang oder Süßwasserfische

-Hühnerfleisch und Hühnere- i

-Olivenöl, Hanföl, Rapsöl, Kürbiskernö- l

-Butter und das indische Speisefett Ghee

-abgekochtes, lauwarmes Wasser


Quelle: Der Darm-Doktor. Das 8-Wochen-Programm für ei- nen gesunden Bauch- .

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen:

Hotline für Betroffene


Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CEDs) sind auf dem Vormarsch. Die beiden häufigsten Erkrankungs- formen sind Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, die beide als unheilbar gelten. In westlichen Industrieländern ste- igen die Krankheitsfälle. Als Ursache werden die höheren Hygienebedingungen in industrialisierten Ländern ve- rmutet, da durch übertriebene Hygiene das Immunsystem geschwächt wir- d.

In Österreich leiden rund 60.000 bis 80.000 Menschen an CED. Ist der Magen-Darm-Trakt chronisch entzündet, zeigen sich Symptome wie Bauchschmerzen, blutige Durchfälle, Fieber, Müdigkeit und Gewichtsverlust. Die Le- bensqualität der Betroffenen ist deutlich eingeschränkt und viele haben aus Schamgefühl Angst, über ihre B- eschwerden zu sprechen- .

Die Österreichische Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung (ÖMCCV) hat in Kooperation mit dem Verein CED-Nursing Austria eine telefonische Helpline eingerichtet. Zehn Stunden wöchentlich (Erreichbarkeit wird auf der Webseite bekannt gegeben) beantworten CED-Nurses alle Fragen rund um die Krankheit- .

Hotline: 01/2676167, Anfragen per E-Mail:

meinefrage@ced-kompass.at, www.ced-kompass.a- t

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 01/2019