ALLERGIE

Seit dem Jahr 2012 haben Allergien um etwa 13 Prozent zugenommen.

Lebensmittelallergien sind selten; deutlich häufiger sind Unverträglichkeiten.

Haselblüten vor und während dem Blühen.


Torpedos gegen das eigene Immunsystem

illustration: istockphoto/ agosta, FotoS: IKatharina Bastl/Pollenwarndienst, istockphoto/ anna1311, stockphoto/ stockfotocz

Pollen der Bäume und Sträucher, Gräser, Tierhaare, Insektenstiche, Hausstaubmilben oder Lebensmittel – es gibt so einige Auslöser

allergischer Reaktionen, die uns quälen können.

Der englische König Richard III. im 15. Jahrhundert war wahr- scheinlich der erste dokumentierte Erdbeerallergiker. Und schon Hippokrates, der große Arzt des Altertums, notierte im 5. Jahrhun- dert vor Christi Geburt unterschiedliche, auch allergische Reak- tionen nach dem Genuss bestimmter Speisen. Allergien dürften so alt sein wie die Menschheitsgeschichte. Doch gegenwärtig scheinen sie die „Epidemie“ des 21. Jahrhunderts zu werden: Etwa ein Viertel der Menschen in Österreich ist davon betroffen.

Seit dem Jahr 2012 haben Allergien hierzulande um etwa 13 Prozent zugenommen. Am häufigsten sind Pollenallergien mit 70 bis 80 Prozent (Gräser 56,3 %, Bäume 43,7 %), gefolgt von Tierhaarallergien (davon: Katze 33,1 %, Hund 16,4 %, Pferd 9,3 %), Hausstaubmilben 35 bis 40 Prozent, Schimmelpilze zehn Prozent, sowie Latex- und Waschmittelallergien. Besonders gefährlich, aber eher selten sind Insektenstich-Allergien mit bis zu 3,5 Prozent.


Warum allergisch?

Warum reagiert unser Körper auf manche eigentlich harmlosen Dinge allergisch? Um uns vor Krankheitserregern zu schüt- zen, hat uns die Natur ein ausgeklügeltes Immunsystem mitgegeben. Es unterscheidet zwischen feindlichen und nicht- feindlichen Stoffen. Üblicherweise erkennt das Immunsystem einen Feind an seinen Antigenen, also an bestimmten chemi- schen Molekülen. Ein normales Immunsystem lernt von Geburt an, sogleich Abwehrstoffe, sogenannte IgE-Antikörper, zu bil- den, die diese Antigene unschädlich machen. Erfolgt ein zweiter Kontakt mit demselben Stoff, erinnern sich die T-Lymphozy- ten, dass dieser Stoff dem Immunsystem bekannt ist und als „ungefährlich“ eingestuft werden kann.

Im Falle einer Allergie überreagiert das Immunsystem aber und sendet die Information „Achtung, Feind!“ auch bei harmlo- sen Stoffen. Genau gesagt sind es die Eiweißstoffe von Blütenpollen, Hausstaubmilben, Tierhaaren oder Hautschuppen, die diese allergische Reaktion provozieren. Die Folge: Unsere klugen T-Lymphozyten erkennen den vermeintlichen Feind, unse- re Abwehrzellen bilden Immunglobulin E (IgE) bis zum Abwinken und diese strömen mit dem Blut zu den Mastzellen unter die Haut. Die Mastzellen wiederum glauben, IgE wäre ein gefährlicher Feind und bilden einen giftigen Cocktail, der letztlich zu Rötungen, tränenden Augen, Juckreiz, Quaddeln, Niesreiz etc. führt. Und das alles, um uns zu beschützen. Allergien können sich in verschiedenen Körperbereichen entwickeln.

-Nase: Juckreiz, Niesreiz, Schnupfen

-Augen: tränende, gerötete, juckende Augen, Bindehautentzündung

-Lunge: Bronchitis, Asthma

-Haut: Quaddeln, Rötungen, Schwellungen, Ausschläge, Ekzem

-Magen und Darm: Durchfall, Blähungen, Druckgefühl, Erbrechen


Über die Ursachen von Allergien existieren mehrere Theorien. Die „Hygienehypothese“ geht davon aus, dass übertriebene Sauberkeit die Entstehung von Allergien begünstigt, weil das Immunsystem nicht „gelernt“ hat, mit Viren und Bakterien in Kontakt zu kommen. Außerdem können Umweltgifte wie Feinstaub, Stickoxide, Ozon oder Rußpartikel das Immunsystem schwächen und Ursachen für ein Ansteigen von Allergien sein. Auch dem Passivrauchen und unserer industriell erzeugten Ernährung mit Farb- und Konservierungsstoffen werden die Schuld für die zunehmende Zahl an Allergien zugeschrieben. Viele Allergien sind auch vererbt: Kinder, deren Eltern beide an einer Allergie laborieren, haben ein um 50 Prozent erhöhtes Risiko, selbst allergisch zu werden.


Frühe Diagnose

Vom Ausbruch einer Allergie bis zur Diagnose vergehen im Durchschnitt fünf lange Jahre, wissen Mediziner;  je länger zum Beispiel die Beschwerden bei Allergenen, die man einatmet, unbehandelt bleiben, desto höher ist das Risiko, Asthma zu entwickeln. Also, wenn Ihnen derzeit die Augen tränen und die Nase rinnt, lassen Sie sich auf eine Pollenallergie testen. Ebenso, wenn Sie morgens immer mit verstopfter Nase aufwachen oder die Nase stark rinnt – dann könnten Sie eine Haus- staubmilben-Allergie haben. Beim ersten Verdacht sollte man also einen erfahrenen Facharzt für Allergologie aufsuchen. Er führt zunächst eine ausführliche Anamnese durch.

Danach erfolgt ein Hauttest, wie z. B. der Pricktest. Dabei wird ein mögliches Allergen in die Hautoberfläche geritzt; bilden sich Pusteln oder Quaddeln, liegt tatsächlich eine Allergie vor. Eine andere Möglichkeit ist der Provokationstest, bei dem dem Betroffenen ein Allergen genau an jener Stelle verabreicht wird, wo die Allergie ihre Spuren hinterlässt. Ergibt dieser Test keinen Aufschluss, so erfolgt ein Bluttest.

Neu im Bereich der Diagnose ist ein Allergen-Chip, der bereits in einem Tropfen Blut 100 Allergene unterscheiden kann. Der Chip wurde von der MedUni Wien entwickelt und könnte schon fünf Jahre vor dem Auftreten der ersten Beschwerden Auf- schluss geben, ob eine Allergie vorliegt. Der Wermutstropfen: Diese Diagnoseform ist privat zu bezahlen und kostet bis zu 300 Euro.


Pollen & Gräser

Eine Allergie, die durch Pollen, Gräser oder Hausstaubmilben ausgelöst wird, muss in jedem Fall behandelt werden, da sie sonst zu allergischem Asthma führen kann. Die Therapie bei so gut wie allen Allergien besteht im Allgemeinen aus drei Säu- len: Allergenvermeidung, Symptomlinderung und Ursachenbekämpfung.

Damit Sie Allergene von Pollen und Gräsern so gut wie möglich vermeiden können, aktualisiert der Österreichische Pollen- warndienst der Medizinischen Universität Wien (www.pollenwarndienst.at) ständig die Daten zur Pollenbelastung. Bei leich- ten Allergien helfen Antihistaminika oder Kortison, die abschwellend und antientzündlich wirken. Die Ursache wird so aber nicht bekämpft.

Eine nachhaltige Wirkung erreicht man mit der Hyposensibilisierung mithilfe einer Spezifischen Immuntherapie (SIT). Sie ist die einzige Therapie, die die Ursachen einer Allergie bekämpft, indem sich das Immunsystem langsam an das Allergen gewöhnt, bis dieses das Allergen letztlich toleriert, also als „ungefährlich“ abspeichert. Dazu werden Tropfen, Spritzen oder Tabletten über mehrere Jahre hinweg verabreicht. Stu- dienergebnisse zeigen: Nach drei Jahren mit Spezifischer Immuntherapie lassen sich die Symptome einer Pollenallergie um bis zu 80 Prozent verringern.


Insekten

Besonders wichtig ist eine Desensibilisierung bei der seltenen, aber gefährlichen All- ergie gegen Insektengifte. Wer nicht behandelt ist, muss immer ein Notfall-Set bei sich haben, da das Allergen einen schweren anaphylaktischen Schock auslösen kann, der lebensbedrohlich ist. Rötungen an der Einstichstelle sind normal, alles dar- über sollten Sie mit einem Arzt abklären, denn beim nächsten Stich kann die Reaktion deutlich stärker ausfallen.

Die Behandlung von Allergien hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Mittlerweile stehen neben der Immuntherapie auch Tabletten zur Verfügung, wie die Gräsertablette oder die Tablette gegen Hausstaubmilben. Einerseits arbeiten Forscher daran, die Immuntherapien wei- ter zu verbessern, um sie individuell anzupassen, andererseits gewinnt die Prävention an Be- deutung. Eine Studie der MedUni Wien hat ergeben, dass Kinder mit erhöhtem Allergierisiko schon vor dem Ausbrechen der Erkrankung von einer Immuntherapie profitieren.


Vierbeiniger Freund

Die zweithäufigste Allergie, die jeden dritten Allergiker betrifft, ist die Tierhaarallergie. Betroffene reagieren dabei sensibel auf Speichel, Hautreste, Urin und/oder Talg, die in winzigen Mengen an den Haaren von Katzen, Kaninchen, Pferden oder Hunden kleben. Typische Symptome beim Kontakt mit dem Tier sind eine rinnende oder verstopfte Nase, tränende Augen, Atemnot oder auch ein Engegefühl in der Brust. Die Tierhaarallergie lässt sich zwar nicht heilen, es gibt aber gute Therapie- möglichkeiten, um Beschwerden deutlich zu mildern. Der beste Schutz ist den Kontakt mit der betroffenen Tierart zu vermei- den. Die Therapie erfolgt ähnlich wie bei Heuschnupfen symptomatisch mit entzündungshemmenden und/oder antihistami- nischen Nasensprays oder Antihistaminika in Tablettenform. Eine Spezifische Immuntherapie ist zwar möglich, die Ergebnis- se sind jedoch nicht so gut wie bei Pollenallergie.


Die Feinde im Bett

Im Kot von Hausstaubmilben sind Eiweißstoffe enthalten, die ebenfalls Allergien hervorrufen können. Auch hier sind die Symptome ähnlich wie bei Tierhaarallergien. Hausstaubmilben leben vorzugsweise im Bett oder in Polstermöbeln und Vor- hängen und ernähren sich von menschlichen Hautschuppen. Sie sind klein, ihr Kot wird daher leicht aufgewirbelt und einge- atmet. Das heißt: Sie haben ganzjährig Hochsaison und quälen Menschen, die an rinnender Nase, entzündeten Augen, Atemnot und einem Gefühl der Enge im Hals laborieren. In erster Linie führen diese inhalativen Allergene zu Heuschnupfen und allergischem Asthma. Neben einer lokalen Therapie mithilfe von Sprays oder Anti-Allergika kann auch hier die Spezifi- sche Immuntherapie eine Linderung mit sich bringen.


Der heikle Kontakt

Kommt es zu Kontakt mit bestimmten Stoffen wie Latex oder Nickel, kann eine Kontaktallergie entstehen. Sie entwickelt sich nach vielen Jahren, wenn man lange mit Nickelschmuck, Latexhandschuhen oder bestimmten Harzen in Kontakt war. Die Haut reagiert mit Rötungen, Juckreiz, Quaddeln oder ähnlichen Irritationen. Bei einem Latex-Frucht-Syndrom können dar- über hinaus Nahrungsmittel wie Kiwi, Banane, Maroni oder rohe Erdäpfel allergische Reaktionen hervorrufen. Bei Kontaktall- ergien muss man das Allergen meiden. Wichtig ist jedoch, die Beschwerden von einem Hautarzt oder Allergologen abklären

zu lassen, um andere Hauterkrankungen auszuschließen.


Das Gift in der Nahrung

Eine Nahrungsmittelallergie wird von bestimmten Lebensmitteln wie Milch, Nüssen, Fisch oder Soja verursacht. Sie geht mit Erbrechen, Durchfall, Übelkeit oder verschiedenen Hautreaktionen einher, bis zu schwerer Atemnot, Bewusstseinsverlust und lebensbedrohlichem Kollaps, Bewusstlosigkeit und Atemstillstand.

Vorsicht ist auch geboten bei Kreuzallergien von Pollenallergikern, denn dabei können beispielsweise bei Birkenpollenaller- gikern Reaktionen auf ähnliche Substanzen in Nahrungsmitteln auftreten, da die jeweiligen Allergene aus einer (ähnlichen) Pflanzenfamilie stammen und das Immunsystem daher „glaubt“, es handle sich um das bekämpfte Allergen. Ein Klassiker dabei ist die Birkenpollen-Nuss-Kernobst-Allergie. Dabei reagiert das Immunsystem eines Birkenpollenallergikers beim Es- sen eines Apfel ähnlich, weil die Proteine in den Birkenpollen dem Apfel-Allergen ähnlich sind. Um diese Art von Allergie zu diagnostizieren, führt der Arzt einen Pricktest und eine Blutuntersuchung durch. Nahrungsmittelallergien sind relativ selten und betreffen, aufgrund der hormonellen Bedingungen (Östrogen), eher Frauen. Im Vergleich dazu sind Nahrungsmittelun- verträglichkeiten (siehe Interview) häufiger, wobei eine hohe Dunkelziffer vorliegt. In beiden Fällen ist die einzig wirksame Therapie eine Vermeidung der auslösenden Faktoren.

Beobachten Sie also genau, wann Sie Dauerschnupfen, gerötete Augen oder einen juckenden Gaumen haben und was der Auslöser sein könnte. Und lassen Sie sich bald austesten, damit Sie wissen, was Sie vermeiden sollten, was Sie tun können und wie Sie sich helfen können.


Doris Simhofer

FotoS: Adobe stock/ Evgenia Tiplyashina, zvg

Allergie oder Intoleranz?


Die Begriffe „Allergie“ und „Intoleranz“ (Unverträglichkeit) werden häufig synonym verwendet, haben jedoch unterschiedliche Ursa- chen. Eine Allergie bezeichnet immer die Überreaktion des Im- munsystems auf bestimmte Eiweißstoffe. Eine Intoleranz hinge- gen ist eine Reaktion des Körpers, die auf eine bestimmte Fehl- funktion zurückzuführen ist. Bei Laktoseintoleranz beispielsweise, einer Unverträglichkeit von Milchzucker, liegt ein Mangel am milchzuckerspaltenden Enzym Laktase vor. Das Immunsystem ist jedoch intakt.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 03/2019