HYGIENE

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Hygienisch

Wie viel Hygiene muss daheim sein? Sollte man alle Risiken im Keim ersticken? Und was ist dran am Mythos des Spitalskeims?

Keime begleiten unser ganzes Leben. Von der Geburt bis zum Tod ist unser Körper mit Keimen besiedelt. Solange sich diese Erre- ger zur richtigen Zeit am richtigen Ort befinden, sind sie nützlich und schützen uns vor anderen krankmachenden Erregern. Der menschliche Körper beispielsweise trägt mehr Keime in und an sich, als er Körperzellen hat. Die mit bloßem Auge nicht sichtbaren Mikroorganismen sind für viele Aufgaben nötig. Unser Darm-Mikrobiom besteht beispielsweise aus etwa zwei Kilogramm der ver- schiedensten, großteils nützlichen Mikroorganismen – je vielfältiger, desto besser. Man muss sich daher nicht vor Keimen fürchten. Übertriebene Hygiene und Keimfreiheit sind zuhause überflüssig bis schädlich, simple Hygienemaßnahmen reichen meist aus (siehe Infokasten Seite 35). Sauberkeit wird oft mit Desinfektion gleichgesetzt, doch eine Wohnung ist kein Operationssaal. Keimarm oder gar steril muss es daheim nicht sein, erklärt Prim. Assoc. Prof. Dr. Christoph Aspöck, Leiter der Universitätsklinik für Hygiene und Mi- krobiologie am Universitätsklinikum St. Pölten: „Sogenannte Hygienereiniger oder desinfizierende Produkte können Umwelt und Ge- sundheit belasten. Viele der Wirkstoffe reizen die Haut und Atemwege. Flächendesinfektion in den eigenen vier Wänden kann daher mehr Schaden als Nutzen bringen. Verzichten Sie daheim auf Reinigungsmittel mit desinfizierenden Wirkstoffen.“ Er nennt als Aus- nahme: Bei Infektionskrankheiten wie etwa Brechdurchfall oder echter Grippe kann die Desinfektion auf Flächen oder der Hände das Risiko reduzieren, jemanden anzustecken. Genauso wie bei besonders infektanfälligen Personen, wie etwa Patienten nach Chemo- therapie oder Bestrahlung.


Hygieneregeln

Im Krankenhaus gelten besonders strenge Hygieneregeln. Trotzdem ist es nicht immer vermeidbar, dass manche Patientinnen und Patienten zur bereits vorhandenen Grunderkrankung eine Infektion bekommen. In Österreich erkranken rund fünf Prozent aller statio- nären Patienten an derartigen Infektionen. Man spricht in diesem Zusammenhang von nosokomialen, also im Zusammenhang mit dem Krankenhausaufenthalt erworbenen Infektionen. Zu den häufigsten zählen Erkrankungen der unteren Atemwege, Harnwegsin- fektionen und Wundinfektionen nach einer Operation. In der Mehrzahl der Fälle heilen diese komplikationslos ab. Bei schwer kran- ken, abwehrgeschwächten oder chronisch kranken Personen können die Infektionen jedoch schwerwiegende Folgen haben, weiß Aspöck: „Von nosokomialen Infekten sind am stärksten Patientinnen und Patienten betroffen, die schon an einer schweren Grunder- krankung leiden. Als Risikofaktoren gelten etwa hohes Lebensalter, chronische Krankheiten (z. B. Asthma, Diabetes, COPD), Rau- chen und Übergewicht.“


Resistenzen

Besonders gefährlich sind Infektionen mit Bakterien, die gegen Antibiotika resistent und damit schwer zu bekämpfen sind. Am wohl bekanntesten ist MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus), oft fälschlicherweise als Spitals- oder Krankenhauskeim bezeichnet. „Diese Bezeichnung ist irreführend, denn es gibt keine Erreger, die nur im Spital vorkommen“, weiß Aspöck: „Manche Pa- tienten haben den Keim schon in sich, wenn sie im Klinikum aufgenommen werden. Und ist das Im- munsystem geschwächt, kann eine Infektion entstehen.“ MRSA tauchte vor Jahrzehnten das erste Mal auf und war lange gefürchtet, da bei Infektionen mit diesem Keim nur wenige Antibiotika zur Verfügung standen. Mittlerweile gibt MRSA nicht mehr Anlass zur Sorge, da es mehrere Mittel ge- gen ihn gibt. Heute bereiten andere Bakterien Probleme, weil sie massive Resistenzen entwickelt haben. Prof. Aspöck nennt als Beispiel die Enterobakterien: „Bei Infektionen durch diese Gruppe haben wir manchmal nur ganz wenige Optionen, umso mehr müssen wir die Ausbreitung eindäm- men. Von MRSA haben wir viel gelernt. Das hilft uns, damit umzugehen.“ Und dass Bakterien Resis- tenzen gegen Antibiotika entwickeln, sei etwas Natürliches, denn Bakterien ändern ihr genetisches Muster laufend durch Mutation. So entstandene resistente Stämme werden allerdings durch den Einsatz von gegen sie unwirksame Antibiotika selektiert.


Hygieneteam

In den NÖ Kliniken wird alles versucht, damit sich niemand mit Keimen infiziert. An jedem Klinik- standort gibt es – gesetzlich vorgeschrieben – ein Hygieneteam, das sich darum kümmert – eine „Task Force“ zum Schutz der Patienten und des Klinikpersonals. Dieses Team besteht in der Regel aus einer Hygienefachkraft aus dem Pflegebereich und aus einer Ärztin/einem Arzt. Als Hygiene- fachkraft braucht man eine spezielle einjährige Sonderausbildung und profundes Wissen. Von der Geräteanschaffung bis zur Schädlingsbekämpfung – das Fach bietet eine große Bandbreite, um sich einzubringen, sagt DGKP Leopold Karner, Hygienefachkraft im Universitätsklinikum Krems: „Wir stehen dem Personal, aber auch dem Patienten und den Angehörigen jederzeit mit unserer fachlichen Expertise zur Verfügung.“ Leopold Karner ist einer der längstdienenden Hygienefach- kräfte in Niederösterreich, arbeitet seit über 20 Jahren in diesem Bereich.


Händedesinfektion

Auch wenn es noch so viele hygienetechnische Neuerungen gibt: Eine der wichtigsten Maßnahmen im Kampf gegen Keimübertragungen im Klinikum ist ebenso einfach wie effizient: die richtige Hän- dedesinfektion. Als Faustregel gilt: Eine Hohlhand voll Desinfektionsmittel gründlich, über mindes- tens 30 Sekunden in den Händen verreiben. Gesunde Menschen sind gut gewappnet und infizieren sich nicht, aber sie können den Keim an jemanden mit schwachem Immunsystem übertragen. Da- her sollten sich auch Patientinnen, Patienten, Angehörige, Besucherinnen und Besucher im Klini- kum die Hände desinfizieren – nur waschen ist hier zu wenig. In den niederösterreichischen Kliniken befinden sich daher sowohl im Eingangsbereich als auch vor und in den Patientenzimmern und auf den Toiletten Händedesinfektionsmittel-Spender. Auch hier gilt, sagt Hygiene-Experte Aspöck: „Die Händedesinfektion mit Alkohol-basierten Mitteln ist in den Krankenhäusern eine der wichtigsten Maßnahmen. Im Alltag außerhalb der Kliniken reicht in der Regel gründliches Händewaschen mit Wasser und Seife vollkommen aus.“


Karin Schrammel

Richtig Hände waschen


Waschen Sie sich regelmäßig die Hände – dann schützen Sie sich und andere vor vielen Krank- heitserregern.

-Halten Sie die Hände unter fließendes warmes Wasser.

-Seifen Sie Hände gründlich ein – Handinnenflächen und -rücken, Finger-spitzen, Zwischen- räume, Daumen. Denken Sie auch an die Fingernägel- .

-Reiben Sie die Seife an allen Stellen sanft ein – etwa 20 Sekunden.

-Dann die Hände unter fließendem Wasser abspülen.

-Trocknen Sie anschließend die Hände sorgfältig ab, auch in den Finger zwischenräumen- .

-Verwenden Sie regelmäßig Hautcreme. Vermeiden Sie trockene, rissige Haut.

-Wechseln Sie Händehandtücher regelmäßig aus und waschen Sie diese bei mindestens 60 Grad.

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 03/2019