RESILIENZ

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Was die Seele

stark macht

Psychisch stabil zu sein erleichtert das Leben. Vieles ist angeboren. Aber Sie können auch selbst etwas dafür tun.

„Die Medizin und besonders die Psychiatrie beschäftigen sich schon lange nicht nur damit, Krankheiten zu heilen, sondern ganz besonders mit dem Thema Prävention und dem Erhalten der Gesundheit“, sagt Prim. Dr. Christian Wunsch, Leiter der Abteilung für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin im Landesklini- kum Neunkirchen. Die Resilienz, also die psychische Widerstandskraft, sei hier ein besonders wichtiger Faktor. Sie gelte als beeinflussbar und sogar erlernbar.

Wunsch verweist auf besonders resiliente, starke Menschen, historische Beispiele, die deutlich widerstands- fähiger gegenüber extrem starken Belastungen in ihrem Leben waren als der Durchschnitt. So nennt er zum Beispiel den indischen Freiheitskämpfer und Pazifisten Mahatma Gandhi, der für seinen gewaltlosen Wider- stand berühmt wurde. Oder Nelson Mandela, den im Apartheitsregime Südafrikas über viele Jahre inhaftier- ten charismatischen Politiker, der als erster schwarzer Präsident Südafrikas in die Geschichte einging. Christian Wunsch erklärt: „Ihnen gemeinsam waren offenbar Ressourcen und persönliche Eigenschaften, die sie standhafter gegenüber belastenden Faktoren der Umwelt machten.“ Die Resilienz-Forschung be- schäftigte sich auch intensiv mit Opfern der Nazi-Diktatur, die in den Konzentrationslagern überlebt hatten: Warum waren manche dieser ehemaligen Inhaftierten gebrochene Menschen und andere konnten ein er- folgreiches selbstbestimmtes Leben führen und sogar noch ganz Besonderes leisten?


Immunsystem der Seele

Das Wort Resilienz ist abgeleitet von dem englischen Wort „resilience“, das für Spannkraft, Elastizität, Stra- pazierfähigkeit steht und aus dem Lateinischen stammt: „resilere“ heißt „abprallen, zurückprallen“. „Es be- zeichnet die Fähigkeit, erfolgreich mit belastenden Lebensumständen umzugehen“, sagt Wunsch, mit Un- glücken, traumatischen Erfahrungen, Misserfolgen, aber auch mit Risiken und belastenden Rahmenbedin- gungen. Mit anderen Worten: Es geht um die Fähigkeit, sich von einer schwierigen Lebenssituation nicht un- terkriegen zu lassen oder nicht daran zu zerbrechen – um das „Immunsystem der Seele“.

Wunsch kennt viele Beispiele aus der Forschung, die zeigen, dass dieses Thema seit einigen Jahrzehnten bereits gut untersucht wurde, und nennt die empirische Sozialforschung der in Deutschland geborenen US- amerikanischen Entwicklungspsychologin Emmy Werner. „Sie untersuchte einen ganzen Geburtenjahrgang von Kindern über viele Jahre in Risikofamilien auf der Insel Hawaii: Zumindest ein Drittel dieser ‚High-risk‘- Kinder entwickelte sich trotz widriger Umstände wie pränatalem Stress, Armut, gestörtem Familienleben, el- terlicher Alkohol- oder Drogensucht durchaus vergleichbar mit Kindern in gesunden Familien.“


Wichtige Bezugsperson

Was hatten diese Kinder für Gemeinsamkeiten, welche schützenden Faktoren gab es in ihrem Leben? Chris- tian Wunsch listet auf:

-Die als resilient zu bezeichnenden Kinder hatten mindestens eine alternative Bezugsperson zu den El- tern, von der sie positive Aufmerksamkeit in der Kindheit bekamen –  Ersatzeltern, Großeltern oder ältere Familienmitglieder zum Beispiel.

-Die Kinder fanden emotionale Unterstützung außerhalb der Familie, etwa in engen Freundschaften, im Lieblingslehrer, Pfarrer, Jugendarbeiter sowie durch Teilnahme an außerschulischen Aktivitäten.

-Auch der Glaube und das Gebet gaben ihnen Halt.

-Ihnen wurde ein Lebenssinn vermittelt, der ihnen die Kontrolle über ihr Schicksal gab.

-Sie verfügten über ein soziales Netzwerk, das sie teilweise selbst aufgebaut hatten und eine optimisti- sche Grundhaltung.


„Die Schlussfolgerung dieser Studie war: Resilienz ist ein Zusammenspiel von vielen Faktoren, deren Grund- stein im Kindesalter gelegt wird und variabel durch Reaktionen und Handlungsergebnisse im Leben stark beeinflusst wird. Durch diese seelische Reifung nach belastenden Ereignissen (Post-traumatic growth) zeig- ten Menschen mit dieser Form der Resilienz folgende bemerkenswerte Eigenschaften“, fasst Wunsch ver- schiedene Studien zusammen*:

-Mehr Mitgefühl und Empathie für andere, die durch ein Trauma oder einen Verlust gehen,

-vermehrte psychologische und emotionale Reife im Vergleich zu Gleichaltrigen,

-erhöhte Resilienz gegenüber Schicksalsschlägen,

-mehr Wertschätzung für das Leben im Vergleich zu Gleichaltrigen,

-vertieftes Verständnis für die eigenen Werte, Lebenszweck und Lebenssinn,

-mehr Wertschätzung persönlicher Beziehungen


*Calhoun L. & Tedeschi, R. (2006) – Park C.L. & Fenster J.R. (2004)

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 01/2019