MUNDHYGIENE

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Wie entwickelt sich Selbstwirksamkeit? Wie kann man sie fördern, stärken und im Alltag anwenden?

Ich will, ich kann!

Es gibt kaum ein besseres Gefühl als das der eigenen Selbstwirksamkeit. Es macht uns optimistisch, selbstbewusst und glücklich.

Kennen Sie das gute Gefühl, zu wissen, dass Sie etwas Bestimmtes sicher schaffen und Ihr Ziel erreichen werden, wei- l Sie davon überzeugt sind, die Sache aus eigener Kraft bewältigen zu können? Dann wissen Sie, was Selbstwirksamkei- t ist. Und Sie wissen auch, dass Sie mit einer solchen Einstellung gut fahren, motiviert durchs Leben gehen, Entscheidun- gen leichter treffen und auch mit schwierigen Situationen besser zurechtkommen als andere, die sich selbst eher als hil- flos und handlungsunfähig empfinden- .


Von Anfang an

Selbstwirksamkeit erleben wir übrigens schon im ersten Lebensjahr. Bereits ein Säugling lernt, dass sein Handeln etwas bewirkt. Das Baby erfährt zum Beispiel, dass die Mutter kommt, wenn es schreit oder dass es selbst ein Mobile in Bew- egung bringen kann. Schon sehr früh entwickelt es auch die Motivation, an Gegenstände heranzukommen. „Selbstwir- ksamkeit erlernt man, wenn auf eine Handlung eine bestimmte Reaktion folgt und kontrolliert herbeigeführt werden kann. Spielerisch lernt das Kind zu unterscheiden, ob eine Reaktion unabhängig vom eigenen Handeln eintritt, also mehr oder weniger zufällig, oder ob das Kind tatsächlich selbst eine Wirkung herbeigeführt hat“, sagt die Psychotherapeutin Mag. Karin Fidler vom NÖ Landesverband für Psychotherapie. Sie betont, dass das Gefühl der Selbstwirksamkeit eng mit de- m Gefühl der Freude verbunden ist- .


Selbstwirksamkeit & Selbstbewusstsein

Auch was gewöhnlich mit Selbstbewusstsein bezeichnet wird, erwächst laut dem US-amerikanischen Psychologen Ma- rtin Seligman aus einem kindlichen Sinn für die Bewältigung seiner Umgebung. Er empfiehlt Eltern, die das fördern wo- llen, beim Spielen lieber auf eine willentliche Reaktion des Kindes zu warten und darauf zu reagieren, anstatt selbst ein Spiel anzufangen; er nennt dies „Kontingenzspiele“. „Die Initiative soll vom Kind ausgehen. Es geht grundsätzlich um ein förderliches Klima von Zutrauen, Zumuten und Fördern“, sagt Karin Fidler. Dass etwas passieren könnte, wenn ein Kind eigenständig agiert, kann Erwachsenen leicht die Freude über die offensichtlichen Kompetenzen verderben, und immer wieder schwanken sie zwischen diesen beiden Polen hin und her. Denken Sie nur daran, wie es Ihnen geht, wenn Ihr Kind etwa das selbst in Schwung zu bringende Karussell entdeckt und vor lauter Lust an der Geschwindigkeit des Sic- h-Drehens gar nicht mehr aussteigen mag. Und – Hand aufs Herz – was denken und fühlen Sie, wenn der Mini-Nach- wuchs selbst den Tisch mit Ihrem besten Porzellan decken will? Wenn man es aber schafft, das Kind gewähren zu las- sen, hat man viel für seine gesunde Entwicklung geleistet, denn es lernt, die neue Herausforderung zu meistern. Im be- sten Fall bekommt es auch die subjektive Gewissheit, neue oder schwierige Situationen, deren Bewältigung Anstrengung und Ausdauer erfordern, dank eigener Kompetenz zu meistern- .


Erlernte Hilflosigkeit

Die Beispiele zeigen auch, wie nahe ein förderlicher und weniger förderlicher Umgang mit Kindern beieinander liegen, denn: „Ein andauerndes Nicht-Zutrauen, Nicht-Zumuten, Nicht-Bekräftigen oder gar Abnehmen von Herausforderungen – zum Beispiel aus Ungeduld oder auch aus dem Bedürfnis, das Kind zu beschützen – führt dazu, dass das Kind sich immer weniger zutraut. Es wird die negative Erwartungshaltung der Eltern übernehmen, nichts von sich selbst erwarten zu können“, erklärt Karin Fidler. Dieser fatale Mechanismus führt langfristig dazu, dass sich das Kind hilflos fühlt, aufhört, eine Reaktion herbeiführen zu wollen und lernt, dass aktives Verhalten wirkungslos ist – eine Haltung, die ihn oder sie vermutlich auch als Erwachsener begleiten wird- .


Frage des Blickwinkels

Doch alles, was gelernt werden kann, kann auch verlernt werden – so lautet ein Grundsatz der Systemischen Psycho- therapie. „Es geht dabei auch immer um den Fokus“, sagt Karin Fidler. „Man kann sich darauf konzentrieren, was einen alles daran hindert, etwas zu tun, und wird viele Gründe finden, warum das eigene Vorhaben sicher schiefgehen wird. Doch man hat immer auch die Wahl, den Blick auf das zu richten, was einem gelungen ist, wie man etwas gemeistert h- at und welche Alternativen es gibt.“ Wenn das Erwachsenen nicht alleine gelingt, kann und soll man sich Hilfe holen. Vie- lleicht entsteht dann eine Geschichte mit positiveren Erfahrungen und diese wiederum leiten zur Erwartung, dass die Konsequenzen einer Handlung doch stark vom eigenen Tun abhängig sind. Wiederholung und Übung führen nämlich auch zu dem wiederkehrenden Gefühl, selbstwirksam sein zu können, und so wird die Entwicklung und Festigung einer optimistischen Selbstwirksamkeitserwartung gefördert- .

Übrigens muss man auch nicht immer selbst die Erfahrung der Selbstwirksamkeit machen, um daran zu glauben. „Auch Lernen am Modell durch Nachahmen ist eine Möglichkeit. Wobei Modelle meist dann eine gute Wirkung erzielen, wenn sie dem Lernenden in Alter, Geschlecht und sonstigen Eigenschaften möglichst ähnlich sind“, weiß Karin Fidler. Das heißt auch, dass Eltern, Lehrer, Sportler, Künstler zwar eine Modellwirkung ausüben können, doch motivierender wirkt das Beispiel der besten Freundin, des Schulkollegen, des Sportbuddys. Meistern sie eine Aufgabe, traut man sie sich auch selbst eher zu.

Ein anderer Faktor, der die Selbstwirksamkeit fördern oder festigen kann, ist der Umgang mit den beeinflussbaren und nicht beeinflussbaren Folgen der eigenen Handlungen. Glaubt man beispielsweise, dass Erfolge den eigenen Fähigke- iten zuzuschreiben sind, Misserfolge aber äußeren Umständen, die man nicht verändern kann, so geht man selbstsiche- rer in herausfordernde Situationen.


Lebenslang lernen

Nutzen kann man das Konzept der Selbstwirksamkeit für viele Dinge des Lebens – zum Beispiel für die Gesundheitsprä- vention. Denn mit der Überzeugung, eine Handlung erfolgreich ausführen zu können, schafft man es eher, schädliche Verhaltensweisen wie etwa Rauchen oder Trinken zu ändern. Selbstwirksamkeit spielt auch eine Schlüsselrolle bei der Therapie von Phobien und Ängsten, und im Sport ermöglicht sie den Akteuren, ihre Leistung zu steigern und im Wett- kampf abzurufen- .

Kann die Selbstwirksamkeits-Überzeugung auch zu hoch sein und zu Problemen führen? „Manche Menschen entw- ickeln in dieser Hinsicht vielleicht eine unrealistische Einschätzung der eigenen Möglichkeiten. Werden die Erwartungen dann nicht erfüllt, können Enttäuschung und Frustration zu unangenehmen Nebenwirkungen werden“, sagt Karin Fidler. „Wir alle sind lebenslang gefordert, unsere Selbstwirksamkeits-Erwartung zu regulieren und einen adäquaten Umgang mit Herausforderungen zu erlernen. Dazu gehört auch der Umgang mit Misserfolg und Enttäuschung – und dieser Ler- nprozess begleitet uns durch alle Lebensphasen.“


Gabriele Vasak

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 03/2019