IM PORTRÄT

„Das Leben ist schön“


Sigrid Hawlena ist schweres Gerät gewöhnt – hier auf ihrer Suzuki V-Strom 1000.


„Beim Malen wird – wie beim Motorradfahren – der Kopf leer“, sagt Sigrid Hawlena.

Ärztin, Malerin, Schlossermeisterin und eine Vorliebe für schwere Motorräder: Die vierfache Mutter Dr. Sigrid Hawlena hat viele Facetten.

FotoS: nadja meister

Man könnte sagen, sie nimmt das Leben, wie es kommt und macht etwas daraus. Tatsächlich sind Sigrid Hawlena im Lau- fe der Jahre viele Chancen und Herausforderungen zugefal- len und – anders als viele andere – war sie immer bereit, Ge- legenheiten auch zu nützen. Sie handelt oft aus dem Bauch heraus und was dabei herauskommt, ist ein äußerst buntes und vielfältiges Leben.

Begonnen hat es mit einer spontanen Entscheidung für das Medizinstudium, die sie nie bereut hat. „Die Studienzeit war eine der schönsten in meinem Leben. Die Materie Medizin fand ich hoch spannend und interessant, und wenn ich ge- gen Ende des Studiums auch massiv unter Prüfungsängsten litt, habe ich diese Ausbildung doch sehr genossen und bin

stolz darauf, sie mit Unterstützung meines damaligen Mannes abgeschlossen zu haben“, sagt sie mit offenem herzlichem Lachen.

Dass es danach geradlinig weitergegangen wäre, hätte nicht zu der gebürtigen Wienerin gepasst. Da sie drei Jahre auf einen Turnusplatz in Wien warten musste, nutzte sie die Zeit, um in die Schlosserei ihres Ex-Mannes einzusteigen, und zwar gleich mit einer kompletten Ausbildung, die sie mit der Meisterprüfung abschloss. „Es hat mir großen Spaß gemacht, dort mit der Kraft und Geschicklichkeit meiner Hände zu arbeiten und in eine ganz andere Materie als die Medizin einzutauchen. Meine Spezialität waren Kirchenschlüsseln zu teilweise sehr alten Schlössern. Als Meisterstück fertigte ich einen Schlüssel zu einem Schloss aus dem 18. Jahrhundert, der heute im Museum der Schlosserinnung liegt“, erzählt sie.


Ein Herz für die Kunst

Aus dem Turnus wurde übrigens nach Ablauf der drei Jahre wieder nichts, denn Sigrid Hawlena kamen vier Kinder „dazwi- schen“. Sie blieb längere Zeit zu Hause und sorgte gemeinsam mit ihrem damaligen Mann und mit Unterstützung ihrer Mutter für ihre zwei Töchter und zwei Söhne. Damit war sie – wie man sich vorstellen kann – voll ausgelastet; doch nebenbei fand die Umtriebige immer ein bisschen Zeit für ihre dritte Passion, die Malerei. Begonnen hatte sie damit schon in ihrer Schulzeit. „An- fangs habe ich hauptsächlich Cartoons und Karikaturen gezeichnet, das Kopieren von Hand war meine Leidenschaft: Das ex- akte Schauen, Wahrnehmen und Zeichnen war genau meines. Dabei habe ich viel Technik gelernt und das ist mir später, als ich mich auf Farbe verlegte, immer wieder zugutegekommen.“ Sigrid Hawlena absolvierte zahlreiche Kurse an der künstleri- schen Volkshochschule in Wien und auf Sommerakademien auf der griechischen Insel Zakynthos. Heute arbeitet sie vorwie- gend in Öl und Acryl, fertigt auch Landschaftsaquarelle an und stellt ihre Bilder immer wieder aus. „Was die Sujets betrifft, so arbeite ich oft nach meinen eigenen Fotos. An manchen Bildern arbeite ich bis zu einem Jahr, bis ich wirklich zufrieden bin. Andere wiederum brauchen Leichtigkeit und Schnelligkeit. Man muss auch wissen, wann ein Bild fertig ist, denn ein Zuviel kann ein Werk richtiggehend zerstören.“

Das Haus in Königstetten, das Sigrid Hawlena heute mit ihrem zweiten Mann bewohnt, zeigt die Leidenschaft, die sie für die Malerei hegt. Zahlreiche Bilder der künstlerisch Begabten schmücken die Wände, und besonders beeindruckend ist ein Bild eines Engels in Blau, den sie nach dem Modell ihrer Tochter malte. Dieses Sujet trägt sie übrigens auch als Tattoo an ihrem Un- terschenkel, und wenn man es ihr auch nicht auf den ersten Blick zutrauen würde – sie liebt diese Art von Körperschmuck: „Das ist für mich ein Symbol von Unabhängigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung.“

Die Lust an der Selbstbestimmtheit hat bei ihr auch dazu geführt, dass sie immer wieder neue Jobs annahm und ausprobierte, bevor sie ihren Turnus in Melk absolvieren konnte. „Damals war ich schon über 50, und natürlich war es eine Herausforderung, nach so langer Zeit wieder voll und ganz in die Medizin einzusteigen, aber dank meines guten, im Studium erworbenen Grund- stocks und meiner persönlichen Nachschulung ist es mir gelungen, den Turnus in knapp drei Jahren erfolgreich zu beenden.“ Darauf folgte eine Anstellung als Direktionsärztin bei der Versicherungsanstalt öffentlich Bediensteter, von der sie zu einem Zentrum für orthopädische Rehabilitation in Baden wechselte. Dort ist sie seither als Allgemeinmedizinerin tätig und hat 2015 ihre kleine Wahlarzt-Ordination in ihrem Haus in Königstetten eröffnet.


Ärztin mit Zeit

Ihren „Erstberuf“ übt sie mit viel Freude an der Sache aus und ihre Flexibilität kommt auch hier zum Tragen. Sie ist praktisch je- derzeit für ihre Patientinnen und Patienten erreichbar; Termine können schon auch einmal am Wochenende oder spätabends liegen. „Als Ärztin geht es mir vor allem darum, den Menschen viel Zeit für ihre Anliegen zu geben und ihnen gut zuzuhören, denn das kommt meiner Ansicht nach in der heutigen Medizin manchmal zu kurz.“ Nicht zu kurz kommen bei Sigrid Hawlena auch alternativmedizinische Behandlungen. Sie ist spezialisiert auf koreanische Handakupressur und Homöopathie und weiß diese Methoden gezielt einzusetzen. Gebraucht wird die Ärztin auch in einer Selbsthilfegruppe in ihrer Gemeinde, wo sie pfle- genden Angehörigen mit Rat und Tat zur Seite steht.


In fliegendem Wechsel

So verläuft ihr Leben in einem bisweilen fliegenden Wechsel zwischen Privatem, Medizin und Malerei, nebenbei ist sie passio- nierte Motorrad-fahrerin, die dieses Hobby mit ihrem Mann teilt. Sigrid Hawlena fährt ein schweres Tourenmotorrad, das sie schon auf große Fahrt nach Finnland, Italien und Irland geführt hat, und – man errät es schon – sie liebt das Freiheitsgefühl, das dieses Hobby vermittelt. „Motorradfahren ist für mich ähnlich wie Malen. Es gibt mir die totale Entspannung, bringt mich herunter, wenn ich zu hoch oben bin, und beim Kurvenfahren wie beim Bildermalen wird der Kopf leer. Nichts anderes als die Straße oder die Farbe zählt dann.“

Gefragt, für welchen ihrer drei Berufe sie sich entscheiden würde, müsste sie es tun, wählt sie übrigens – wohl auch aus Ver- nunftgründen – die Medizin an erste Stelle. Doch dass ihr Herz vor allem für die Kunst schlägt, scheint klar, wenn man sie ken- nengelernt hat. So wundert es nicht, dass das Lebensmotto von Sigrid Hawlena ein ganz eindeutiges ist. „Ich bin ein offener, fröhlicher und neugieriger Mensch, und was mir das Leben zuträgt, nehme ich gerne an. Das Leben ist schön. Diesen Spruch habe ich vor langer Zeit einmal an einer Fensterscheibe am Wiener Naschmarkt gesehen – seither begleitet er mich.“ Bleibt ihr zu wünschen, dass ihr das Leben noch viele weitere schöne und spannende Chancen und Herausforderungen bringt, die sie annehmen und für sich nützen kann.


Gabriele Vasak

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 04/2019