IM PORTRÄT

Schwester Hildegund geht als Ordensschwester der Franziskanerin- nen bodenständig und geerdet durchs Leben.


Man soll den Tag so nehmen, wie er ist, rät Schwester Hildegund.

Sieben Jahre lang nutzte Schwester Hildegund ihren Urlaub, um am Ja- kobsweg zu pilgern. Am Bild oben mit ihrem Bruder Karl.

„Pilgern ist Beten für Leib und Seele“

FotoS: Daniela Rittmannsberger, Privat

Ob am Jakobsweg oder in den österreichischen Bergen: Die Ordensschwester Hildegund Kammerhofer erlebt beim Pilgern kleine Abenteuer, erfährt innere Einkehr und knüpft Freundschaften fürs Leben.

Wachholderbeeren und Brombeeren wuchern zwischen den Bäumen. Disteln und Dornen versperren jeden Weg. Schwes- ter Hildegund und ihre beiden Mitwanderinnen sind ratlos. Sie finden ihre eigene Spur nicht mehr. Vor ihnen geht es nicht weiter und dennoch hören sie bereits die nächste Ort- schaft. Irgendwo. Hinter dem Abgrund. Mitten in der Toskana. Die drei Frauen beten und finden zurück in ihre Spur. Beten und wandern – das zieht sich durch das Leben der fast 70-

jährigen Ordensschwester.

Ein Büro hat Schwester Hildegund immer noch, obwohl sie seit sechs Jahren als Schulleiterin der Fachschule für soziale Be- rufe in Langenlois in Pension ist. Ein großer mahagonifarbener Schreibtisch steht in der Ecke; darauf Kalender, Stifte, Klebe- band. Ein Buch mit dem Titel „barfuß“ liegt am Rande des Tisches, daneben eine bunte Ansichtskarte von einer deutschen Pilgerin, die Schwester Hildegund auf dem Jakobsweg kennengelernt hatte. Sonnenstrahlen durchfluten den Raum.

Schwester Hildegund sieht man ihren bevorstehenden Siebziger nicht an – ihre Haare sind nur am Ansatz weiß, der Rest ist dunkler. Das lässt sich nur erahnen, denn sie trägt ein Kopftuch darüber. Auf ihrer Nase sitzt eine dünne silberumrandete Brille, ihre hellbraunen Augen blicken neugierig hindurch. Ein offener Zugang zur Welt und ihren Bewohnern – das scheint Schwester Hildegund in die Wiege gelegt.


Kein Verzicht

Geboren ist sie in Biberbach, einem kleinen hügeligen Ort im Herzen des Mostviertels. Dort wächst sie am Bauernhof auf, wo sie gemeinsam mit ihren Geschwistern tagtäglich mithelfen muss. In ihrer Schulzeit unternimmt ihr damaliger Lehrer mit der Klasse immer wieder Ausflüge in die Berge. Bereits damals begeistert sich die lebensfrohe Frau für das Wandern.

Nach der Pflichtschule arbeitet sie am elterlichen Bauernhof mit. Sie engagiert sich in der Katholischen Jugend und in der Jungschar. Die Aufgabe als Jungscharleiterin ist für sie eine „sehr lebendige Zeit“. Gleichzeitig kommt ihr der Gedanke, in einen Orden einzutreten. Der Gedanke beschäftigt sie drei Jahre lang. Sie erzählt lange niemandem davon: „Es war mir wichtig, dass ich es erst sage, wenn ich mir selbst sicher bin. Es hat mir mein Leben lang geholfen, mich zuerst selbst gut mit dem Thema auseinanderzusetzen.“

Als der Bruder, der den Hof übernehmen sollte, heiratet, ist für Hildegund die Bahn frei. Sie erzählt ihrer Familie davon, die unterschiedlich auf ihre Entscheidung reagiert: Die Mutter fängt an zu weinen – der Vater schüttelt nur den Kopf, er vermutet einen jugendlichen Spleen hinter Hildegunds Entscheidung. Und trotzdem bleibt sie dabei: Im Jänner 1967 tritt sie den Franziskanerinnen in Amstetten bei.


Sieben Jahre Jakobsweg

Hildegund absolviert die Ausbildung zur Arbeitslehrerin und das Noviziat. Danach kommt sie als Erzieherin in das Landesju- gendheim in Holla-brunn. Die Arbeit mit jungen Menschen ist es, die ihr Spaß macht. Sie belegt theologische Kurse und macht die Ausbildung zur Religionslehrerin in Wien. Nach vier Jahren wechselt Hildegund nach Langenlois, wo sie in der damals einjährigen Schule verschiedenste Fächer unterrichtet. Die humorvolle Nonne baut gemeinsam mit den anderen Schwestern die Schule in eine dreijährige Fachschule für Sozialberufe auf.

Während dieser „beruflich sehr schönen Zeit“ beginnt sie, am Wochenende in die Weinberge zu marschieren. Ihre Urlaube verbringt Schwester Hildegund wandernd mit ihren Geschwistern irgendwo in Österreich. Im Jahr 2000 wird sie auf ein „be- sonderes Geschenk“ aufmerksam: die Wanderexerzitien. Schwester Hildegund wandert gemeinsam mit einer Gruppe eine Woche lang durch die österreichischen Alpen. Sie bereiten gemeinsam ein Thema vor, beten und gehen manchmal schwei- gend nebeneinander her. Anfangs, erinnert sich Hildegund, dachte sie, dass sie nach dieser Woche Erholung brauche. Er- holt kam sie aber zurück, obwohl sie nach dem Wandern bis spät in die Nacht feierten, erzählt sie. 2008 machen sich Hilde- gunds Bruder und seine Frau spontan auf, um einen Teil des österreichischen Jakobsweges zu gehen. Die beiden fragen die Ordensschwester, ob sie nicht mitkommen wolle. Sie überlegt nicht lange und schließt sich den beiden an. Aus diesem anfänglichen Experiment werden sieben Jahre. Hildegund nutzt jedes Jahr ihren Urlaub, um ein Stück weiter an ihr Ziel zu kommen: Santiago de Compostella in Spanien.


Freiheit ohne Besitz

„Pilgern ist beten für Leib und Seele“, sagt Schwester Hildegund. In den sieben Jahren am Jakobsweg erlebt sie gemein- sam mit Bruder und Schwägerin jede Menge Abenteuer: Sie wandern über Almen, übernachten in Klöstern und Berghütten und durchqueren kilometerlange Talstrecken. Abends gibt es für das Trio immer das Pilgermenü – eine Hauptspeise und eine Flasche Rotwein.

Am Tag wandern sie, am Abend beschäftigen Schwester Hildegund und ihre Mitreisenden essentielle Dinge: Wo schlafen wir? Können wir unsere Wäsche waschen? Der Moment, als sie im Mai 2015 in Santiago ankommen, sei „nicht in Worte zu

fassen“, erinnert sich Hildegund. 125 Tage lang legt sie insgesamt 3.200 Kilometer durch Österreich, die Schweiz, Frank- reich und Spanien zurück. Und trotzdem: „Ich würde nicht sagen, dass mich der Jakobsweg bekehrt hat. Obwohl mein Bru- der sagt, dass es  schon etwas gemacht hat mit uns“, sagt sie.


Vieles, was Pilger auf ihrem Weg lernen, verinnerlicht die 69-Jährige schon lange in ihrem Alltag. Das Gelübde der Armut nehmen die Franziskanerinnen etwas ernsthafter. Diese Freiheit ohne Besitz finde sie wirklich befreiend, sagt Schwester Hil- degund. Dennoch findet sich in ihrem Zimmer ein Stockwerk höher neben zahlreichen Bücher so manch ein Erinnerungs- stück: Die Urkunde des Jakobsweges hängt über Hildegunds Bett, eine kleine Figur des heiligen Santiago de Compostela steht im Regal.


„Man muss nicht schweben“

2017 packt Schwester Hildegund wieder die Lust, eine längere Strecke zu gehen. Gemeinsam mit ihrer Nichte und einer ehemaligen Kollegin macht sie sich im August auf nach Florenz, um von dort nach Assisi zu gehen. Wieder wandert sie durch Wälder, über Berge und vor allem vorbei an jenen Orten, die für Franz von Assisi prägend waren. Ihre „geistige Hei- mat“ möchte sie kennenlernen. Erlebnisse wie das Verirren im Wald sind für sie Herausforderung und Abenteuer. Von ihren Wanderungen scheinen es vor allem die Begegnungen mit den verschiedensten Menschen zu sein, die Hildegund im Ge- dächtnis bleiben. Mit manchen hält sie bis heute Kontakt, von vielen erzählt sie mit einem Lächeln.

Die fitte Ordensschwester gestaltet ihren Tag trotz Pension mit zahlreichen Aufgaben: Nach einem Gebet kümmert sie sich um Schreibarbeiten und macht Telefondienst. Mittags bringt sie den Schülern das Essen. In ihrem Trakt lebt Schwester Hil- degund mit ihren beiden Mitschwestern und einem 21-jährigen Asylwerber. Sie erklärt ihm das österreichische Recht und fiebert im Gerichtssaal mit, wenn es um sein Aufenthaltsrecht geht.

Solange sie ihre Füße tragen, möchte Hildegund weiterwandern. Ein gesundes Leben definiert sie so: „Man sollte nicht zu hohe Ziele erreichen wollen und den Tag so nehmen, wie er ist. Und ihn möglichst in Ruhe beginnen.“ Wichtig ist Schwester Hildegund, geerdet durchs Leben zu gehen. Man müsse nicht einen halben Meter über dem Boden schweben, sagt sie, um das Schöne und trotzdem Bodenständige zu sehen. Das Wandern und Pilgern helfe ihr dabei, bodenständig zu bleiben. Und mit beiden Füßen im Leben verwurzelt zu sein.


Daniela Rittmannsberger

erschienen in GESUND & LEBEN IN NIEDERÖSTERREICH 03/2019