Angstfrei über den Wolken

Flugangst kennt keine Routine:  Selbst Vielflieger können betroffen sein. Was hinter der Angst steckt und welche Strategien zu mehr Gelassenheit an Bord führen.

Die Melodie des Songs „Über den Wolken“ klingt vielen im Ohr, vor allem die berühmte Zeile: „Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein, alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, blieben darunter verborgen“. Der deutsche Liedermacher Reinhard Mey, selbst passionierter Hobbypilot, landete mit dem Song in den siebziger Jahren einen seiner größten Hits, der bis heute millionenfach gestreamt wird. Doch nicht für jeden ist der Blick aus dem Flugzeugfenster auf das Wolkenmeer mit positiven Gefühlen, Unbeschwertheit und Sorglosigkeit verbunden. Für viele Menschen bedeutet Fliegen vor allem eines: Stress. Flugangst begleitet sie oft schon Tage oder sogar Wochen vor der Abreise. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa ein Viertel der Bevölkerung zumindest leichte Flugangst oder Unbehagen beim Fliegen hat; unter starker Flugangst leiden etwa fünf bis 15 Prozent. Für viele Betroffene ist ihre Flugangst zudem mit Scham behaftet. „Durch Sätze wie, Fliegen ist doch die sicherste Art zu reisen‘ fühlen sie sich oft zusätzlich unter Druck gesetzt oder sogar beschämt“, sagt Flugangst-Coach Karin Bonner. „Es wird ihnen das Gefühl vermittelt, dass sie ihre Angst scheinbar nicht im Griff haben, obwohl objektiv alles sicher ist.“

 

Karin Bonner Psychologin und Flugangst-Coach, karinbonner.com

 

Woher Flugangst kommt

Die sogenannte Aviaphobie ist unabhängig von Alter, Geschlecht, Beruf oder Flugerfahrung. „Auch Menschen, die früher völlig entspannt geflogen sind, können betroffen sein“, sagt Bonner.

Oft steht am Beginn ein einzelnes Erlebnis, das als besonders bedrohlich abgespeichert wurde, etwa ein turbulenter Flug, bei dem man das Gefühl hatte, „gerade noch einmal davongekommen zu sein“. Selbst wenn objektiv keine Gefahr bestand, kann sich dieses Gefühl von Kontrollverlust tief einprägen. Manchmal entsteht Flugangst aber auch schleichend. „Wer bereits als Kind erlebt hat, dass Eltern große Angst vor dem Fliegen haben, oder erschütternde Bilder von Flugzeugunglücken aus den Medien kennt, übernimmt diese Unsicherheit mitunter unbewusst“, erklärt die Psychologin. Hinzu kommt der persönliche Stresspegel. Wer im Alltag ohnehin stark belastet oder andauernd angespannt ist, reagiert häufig empfindlicher. „Manchmal reicht schon eine längere Phase mit vielen kleinen Belastungen oder einschneidenden Lebensereignissen wie Trauer, einer Geburt oder einem Hausbau“, sagt Bonner. „Dadurch steigt die innere Anspannung und harmlose Situationen im Flugzeug werden schneller als bedrohlich wahrgenommen.“

Wenn die Angst mitfliegt

Flugangst kann sich ganz unterschiedlich äußern, von einem leichten mulmigen Gefühl bis hin zu massiven körperlichen Stressreaktionen. Bei vielen beginnt die Anspannung schon Tage vor der Reise oder spätestens beim Boarding. „Betroffene richten ihre Aufmerksamkeit oft stark auf mögliche Gefahren, selbst wenn der Flug völlig ruhig verläuft“, erklärt Bonner. Abschalten fällt dann schwer: Lesen, Filme schauen oder Gespräche lenken kaum ab, auch der Appetit bleibt häufig aus. Ist die Flugangst stärker ausgeprägt, können die Reaktionen deutlich intensiver werden. „Dann kann es zu regelrechten Panikreaktionen kommen – mit starkem Herzklopfen, innerer Unruhe und dem Gefühl, sofort flüchten zu müssen“, sagt die Psychologin. In solchen Momenten befindet sich der Körper im Alarmzustand, während die Gedanken oft um Schreckensszenarien und mögliche Flugzeugkatastrophen kreisen. In solchen Situationen steigt die körperliche Grundanspannung deutlich an, was sich etwa in Herzklopfen oder innerer Unruhe äußern kann. Wird diese körperliche Reaktion dann falsch interpretiert – etwa in der Form „Jetzt bekomme ich einen Herzinfarkt“ –, kann sich daraus eine regelrechte Angstspirale entwickeln, die im schlimmsten Fall in einer Panikattacke endet.

Strategien gegen die Angst

Kommt es während des Flugs zu einer Panikattacke, hilft es vor allem, die Symptome nicht zusätzlich zu dramatisieren oder gegen sie anzukämpfen. Hilfreich sind ruhiges, bewusstes Atmen und ein klarer Fokus auf die Umgebung. Auch das Wissen, dass eine Panikattacke zwar sehr belastend, aber nicht gefährlich ist, kann entlasten. Flugangst lässt sich in den meisten Fällen gut behandeln – unabhängig davon, ob sie eher mild ausgeprägt ist oder bis hin zu Panikattacken reicht. Psychologin Bonner rät dazu, das Fliegen keinesfalls dauerhaft zu vermeiden. Denn wer Angstsituationen umgeht, hält die Angst oft ungewollt aufrecht. Stattdessen geht es darum, sich der Situation gezielt zu stellen. Besonders wirksam sind verhaltenstherapeutische Methoden. Dabei setzen sich Betroffene ihrer Angst entweder direkt oder Schritt für Schritt aus. So lernt das Gehirn, die Situation neu zu bewerten und die körperlichen Reaktionen besser einzuordnen. Werden die Symptome zu belastend, können Atem- und Entspannungsübungen helfen. „In vielen Fällen lassen sich deutliche Verbesserungen erzielen – die Erfolgsquote liegt bei über 90 Prozent“, sagt Bonner. „Entscheidend ist weniger, wie stark die Angst zu Beginn ausgeprägt ist. Wichtig ist die Bereitschaft, sich mit ihr auseinanderzusetzen und neue Bewältigungsstrategien zu erlernen. Mit der Zeit verliert die Flugangst dann ihre Macht über die Betroffenen.“

 

7 Tipps gegen Flugangst

  • ANGST VERSTEHEN

    Flugangst wird stärker, wenn man versucht, sie einfach zu ignorieren. Hilfreicher ist es, die Angst bewusst wahrzunehmen und als erlernte Stressreaktion einzuordnen. Der Körper reagiert mit Alarm, obwohl objektiv keine Gefahr besteht. Dieses Verständnis allein kann schon etwas Druck aus der Situation nehmen.

  • HINTERGRUNDWISSEN

    Viele Ängste entstehen aus Unsicherheit über Abläufe im Flugzeug. Wer versteht, warum Turbulenzen normal sind, gewinnt mehr innere Ruhe. Je besser man weiß, was passiert, desto weniger Raum bleibt für Katastrophengedanken.

  • BERUHIGEN

    Bei Angst schaltet der Körper in den Alarmmodus: Der Puls steigt und die Atmung wird flacher. Bewusstes, langsames Atmen kann helfen, dieses Stresssystem wieder herunterzufahren. Auch einfache Entspannungsübungen oder das bewusste Lockern der Muskulatur wirken stabilisierend. Wichtig ist, regelmäßig und nicht erst im akuten Stress damit zu beginnen.

  • REIZE STEUERN

    Filme schauen, Musik hören oder leichte Ablenkung kann helfen, den Fokus von der Angst wegzulenken. Gleichzeitig sollte man sich nicht unter Druck setzen. Wenn Konzentration schwerfällt, ist das völlig normal und kein Zeichen von Versagen. Besser als Zwang ist eine sanfte Ablenkung.

  • SCHRITTWEISE ÜBEN

    Flugangst lässt sich am besten abbauen, wenn man sich ihr schrittweise stellt. Das kann mit kurzen Flügen beginnen oder auch mit Simulationen und begleiteten Trainings. Entscheidend ist die Erfahrung, dass man die Situation aushalten und beeinflussen kann. Jede bewältigte Etappe stärkt das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit.

  • AUSLÖSER ERKENNEN

    Flugangst ist individuell – bei manchen sind es Turbulenzen, bei anderen Enge oder Kontrollverlust. Wer seine persönlichen Auslöser kennt, kann gezielter damit umgehen. Oft hilft es, diese Situationen vorher gedanklich durchzugehen und Strategien dafür bereitzulegen. So fühlt man sich im Ernstfall weniger überrascht.

  • UNTERSTÜTZUNG

    Wenn die Angst sehr stark ist oder zu Vermeidung führt, kann professionelle Hilfe durch spezielle Flugangsttrainings oder therapeutische Begleitung sinnvoll sein. Dabei geht es nicht nur um Theorie, sondern um konkrete Übungen in realen oder
    realitätsnahen Situationen. Viele Betroffene erleben dadurch eine deutliche und nachhaltige Verbesserung.

 

BUCHTIPP

Karin Bonner

NIE MEHR FLUGANGST

Herzrasen, Schweißausbrüche, Todesangst – sobald sich die Flugzeugtür schließt, beginnt für Menschen mit Flugangst der blanke Horror. In diesem Buch stellt Karin Bonner ein klares, in Seminaren der Lufthansa erprobtes 6-Schritte-Programm gegen Flugangst vor. Mit Hilfe konkreter Übungen hilft sie Flugängstlichen, sich mit ihrer Angst zu konfrontieren und sie erfolgreich zu überwinden.

ISBN: 978-3-843601894


Text: Jacqueline Kacetl⎪Fotos: iStock_Damir Khabirov; Beigestellt

 

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