Gezielt gegen Brustkrebs

Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs. Wie entschieden wird, welche Behandlung für jede einzelne Frau die beste ist.

Rund 7.000 Frauen erkranken in Österreich jedes Jahr an Brustkrebs. Hinter dieser Zahl stehen 7.000 individuelle Krankheitsgeschichten. Gleichzeitig haben sich die Möglichkeiten, Brustkrebs zu erkennen und zu behandeln, in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt. Tumoren können heute genauer charakterisiert, Therapien gezielter eingesetzt und Operationen oft schonender durchgeführt werden. Was Frauen über Früherkennung, moderne Behandlung und die Zeit danach wissen sollten, erklärt OÄ Dr. Ruth Helfgott, Leiterin des Brust-Gesundheitszentrums am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern.

 

OÄ Dr. Ruth Helfgott, Leiterin des Brust-Gesundheitszentrums am Ordensklinikum Linz Barmherzige Schwestern

 

„Viele beeinflussbare Lebensstilfaktoren spielen auch für die Entstehung von Brustkrebs eine Rolle.“

Brustkrebs wird heute oft als „gut behandelbar“ bezeichnet. Wie beurteilen Sie das?

Die Therapie ist in den letzten Jahren immer zielgerichteter geworden. Fortschritte gibt es auch bei den Operationen: Wir können heute oft viel schonender operieren, indem wir zum Beispiel nur mehr wenige oder sogar überhaupt keine Achsellymphknoten entfernen. Für die Patientinnen bedeutet das weniger Belastung und ein geringeres Risiko für mögliche Folgen der Operation. Gleichzeitig helfen uns moderne Diagnosetools und eine Vielzahl neuer Medikamente, die Behandlung individuell an Tumortyp und Tumorstadium anzupassen, was wiederum zu einer Verbesserung der Prognose geführt hat.


Welche Veränderungen der Brust sollte man ernst nehmen?

Ein tastbarer Knoten, eine Veränderung der Brustform, Auffälligkeiten an Haut oder Brustwarze oder vergrößerte Lymphknoten in der Achsel sollten immer ärztlich abgeklärt werden. Nicht jede Veränderung bedeutet Brustkrebs, sie sollte aber nicht ignoriert werden. Umgekehrt kann ein Tumor vorhanden sein, ohne dass eine Frau selbst etwas bemerkt. Kleine Tumore oder Brustkrebs-Vorstufen sieht man nur mit Hilfe von bildgebenden Untersuchungen wie Mammographie oder Brustultraschall. Deshalb ist die Früherkennung eine wichtige Ergänzung zur Aufmerksamkeit für Veränderungen am eigenen Körper.


Warum erreicht das Brustkrebs-Früherkennungsprogramm nicht alle Frauen? Welche Argumente sprechen für eine Teilnahme?

Je früher Brustkrebs erkannt wird, desto höher sind die Heilungschancen. Auch die Wahrscheinlichkeit, mit weniger belastenden Therapien auszukommen, ist größer. Trotzdem nehmen nicht alle Frauen das Angebot wahr. Manche haben Bedenken wegen der Strahlenbelastung einer Mammographie. Diese ist bei modernen Geräten allerdings sehr, sehr gering. Auch die familiäre Vorgeschichte wird häufig überschätzt: Frauen, die keine Brustkrebserkrankung in der Familie haben, fühlen sich manchmal fälschlich sicher. Tatsächlich ist nur ein kleiner Teil der Erkrankungen erblich bedingt.


Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs – was bedeutet das für die Behandlung?

Hinter dem Begriff Brustkrebs stehen ganz unterschiedliche Tumortypen. Entscheidend für die Therapie ist vor allem, welche biologischen Eigenschaften die Krebszellen besitzen. Häufig sind Brusttumoren Hormonrezeptor-positiv. Bei ihnen kann eine antihormonelle Therapie eingesetzt werden. Bei HER2-positiven Tumoren stehen spezielle Antikörpertherapien zur Verfügung. Eine weitere Gruppe sind die sogenannten triple-negativen Karzinome, bei denen diese Eigenschaften alle fehlen. Hier haben Immuntherapien in den vergangenen Jahren neue Möglichkeiten geschaffen und die Behandlungserfolge deutlich verbessert. Die Tumorbiologie spielt also für den Therapieplan eine ganz wesentliche Rolle und kann auch Einfluss auf die Prognose haben.


Wie wird entschieden, welche Therapie eine Patientin bekommt?

Eine Standardbehandlung für alle gibt es nicht. Tumortyp und Erkrankungs­stadium sind wichtige Faktoren. Die Therapie wird individuell für jede Patientin in einem interdisziplinären Tumorboard festgelegt. Die Behandlung besteht meist aus mehreren Bausteinen. Zur Lokal­therapie gehören die Operation und – insbesondere nach einer brusterhaltenden Operation – meist auch die Bestrahlung. Dazu kommt bei den meisten Patientinnen eine medikamentöse Therapie, die im gesamten Körper wirkt und das Risiko eines Rückfalls beziehungsweise von Fernmetastasen senken soll. Welche Medikamente infrage kommen, hängt wiederum von den Eigenschaften des Tumors ab. Neben Chemotherapie und antihormoneller Behandlung stehen heute auch Antikörper-, Immuntherapien und verschiedene andere ziel­gerichtete Therapien zur Verfügung.


Was kann gegen Nebenwirkungen helfen?

Besonders die medikamentösen Therapien können belastend sein. Manche werden nur über einen begrenzten Zeitraum eingesetzt, andere über viele Monate oder Jahre. Bei der Chemotherapie hat sich die Begleitbehandlung deutlich verbessert. Übelkeit und Erbrechen lassen sich heute meist gut verhindern oder lindern. Auch bei
anderen Beschwerden gibt es Möglichkeiten, gegenzusteuern – etwa durch Medikamente, Ernährungsberatung, Unterstützung bei Haarverlust, Hautpflege oder physikalische Maßnahmen.

Eine besondere Herausforderung kann die antihormonelle Therapie sein, weil sie häufig über einen langen Zeitraum eingenommen wird. Auch wenn die meisten Patientinnen gut damit zurechtkommen, können Nebenwirkungen wie beispielsweise Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen, Haarausfall oder Scheidentrockenheit auftreten. Auch Muskel- und Gelenkbeschwerden sind möglich. Hier ist eine persönliche Beratung im Hinblick auf Begleitmedikamente, Lokaltherapeutika, Bewegung, komplementärmedizinische Ansätze, Achtsamkeitstraining und Ähnliches sinnvoll.


Worauf sollte man in der Zeit nach der Behandlung achten?

Wie hoch das persönliche Risiko für ein erneutes Auftreten der Erkrankung ist, lässt sich nicht allgemein sagen. Es hängt von verschiedenen Faktoren der ursprünglichen Erkrankung ab. Was Betroffene selbst beeinflussen können, betrifft vor allem den Lebensstil. Als Lebensstilmaßnahme ist regelmäßige Bewegung beziehungsweise Sport am besten als wirksam gesichert. Auch Ernährung, Rauchverhalten, Alkoholkonsum und Übergewicht spielen bei der Entstehung von Brustkrebs eine Rolle. Das bedeutet allerdings nicht, dass eine Frau selbst schuld an ihrer Erkrankung ist. Lebensstilfaktoren können das Risiko beeinflussen, erklären aber nicht, warum eine einzelne Frau erkrankt.


Was möchten Sie einer Frau mit einer neuen Diagnose mitgeben?

Das hängt stark von der Gesamtsituation ab. Wichtig ist, darauf einzugehen, was für die betroffene Frau individuell hilfreich ist. Eine Krebsdiagnose löst bei vielen Menschen zunächst starke Ängste aus. Das ist völlig normal. Psychologische Unterstützung kann dabei helfen, mit dieser Situation besser umzugehen. Ebenso wichtig ist es, dass Patientinnen gut verständliche Informationen über ihre Erkrankung, den geplanten Diagnose- und Therapieablauf sowie die gute Wirksamkeit der Therapien erhalten. Auch die Angst vor einer verstümmelnden Operation kann in vielen Fällen genommen werden. Die Möglichkeiten, brust­erhaltend und bei den Achsellymphknoten schonender zu operieren, haben sich deutlich erweitert. Muss die Brust ganz entfernt werden, kann sehr oft der gleichzeitige Wiederaufbau angeboten werden. Entscheidend ist, dass das Behandlungsteam gemeinsam mit der betroffenen Frau den für sie passenden Weg findet.


„Früh erkennen“, frühzeitig handeln

Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen können das Entstehen von Brustkrebs nicht verhindern. Sie können aber dazu beitragen, einen Tumor frühzeitig zu erkennen. Das österreichische Brustkrebs-Früherkennungsprogramm „früh erkennen“ richtet sich an beschwerdefreie Frauen zwischen 45 und 74 Jahren. Sie werden alle zwei Jahre von der Sozialversicherung zur kostenlosen Mammographie eingeladen. Auch Frauen zwischen 40 und 44 Jahren sowie über 75 Jahre können sich freiwillig zum Früherkennungs­programm anmelden und mit der e-card alle zwei Jahre an der Vorsorgeuntersuchung teilnehmen.

Informationen: www.frueh-erkennen.at


Brustkrebs – die Fakten

Brustkrebs entsteht durch eine unkontrollierte Zellteilung im Brustdrüsengewebe. Bösartige Krebszellen können sich dabei nicht nur unkontrolliert vermehren, sondern sich auch im Körper ausbreiten und in entfernten Organen Absiedelungen, sogenannte Metastasen, bilden. Je größer ein bösartiger Knoten ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit solcher Absiedelungen. Je nachdem, aus welcher Gewebeart die Krebszellen entstehen, werden unterschiedliche Formen von Brustkrebs unterschieden. Die beiden häufigsten sind das duktale Karzinom, das aus den Milchgängen entsteht, und das lobuläre Karzinom aus den Drüsenläppchen. Daneben gibt es Mischtypen und zahlreiche seltenere Formen.

Für die Einteilung der Erkrankung sind die Größe des Tumors sowie das Ausmaß eines möglichen Lymphknoten- oder Organbefalls entscheidend. Daraus ergeben sich verschiedene Erkrankungsstadien.


Text: Natascha Gazzari⎪Fotos: istock_seb_ra, Ordensklinikum Linz / Harrer, istock_everything bagel

 

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