Die Kraft der Berührung
Warum wir Nähe brauchen, was Berührungsmangel mit uns macht und wie sanfte Berührungen bei depressiven Verstimmungen helfen können.
Lange bevor der Mensch Sprache entwickelte, verständigte er sich über den Körper: über Nähe, Blickkontakt und Berührungen. Körperkontakt kann ganz ohne Worte emotionale Botschaften vermitteln wie „Ich bin bei dir“, „Komm mit“ oder „Ich tröste dich“. Schon Säuglinge kommunizieren über Berührung, lange bevor sie Sprache verstehen oder selbst sprechen können. Körperkontakt schenkt ihnen Sicherheit, Zuwendung, Nähe und Geborgenheit. „Berührung ist unser erster Sinn“, erklärt die Ärztin und Berührungsexpertin Dr. Michaela Arnold. „Noch bevor wir sehen oder hören können, nehmen wir Kontakt über die Haut wahr. Über Berührung entsteht Bindung, und das Kind lernt gleichzeitig, den eigenen Körper und seine Grenzen wahrzunehmen.“ Das Bedürfnis nach Berührung und körperlicher Nähe begleitet uns ein Leben lang. Doch warum sehnen wir uns danach und warum fällt es uns so schwer, ohne Körperkontakt auszukommen? „Berührung bringt uns ins Gleichgewicht“, sagt Arnold. „Wenn wir liebevoll und achtsam berührt werden, reagiert unser Körper auf verschiedenen Ebenen. Stresshormone wie Cortisol werden reduziert, während beruhigende Botenstoffe wie Oxytocin ausgeschüttet werden. Gleichzeitig wird der parasympathische Anteil unseres Nervensystems aktiviert – also jener Teil, der für Ruhe und Regeneration zuständig ist. Herzschlag und Atmung werden ruhiger, die Muskelspannung lässt nach.“ Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre kamen Forschende den speziellen Berührungsfühlern unserer Haut auf die Spur. Mithilfe der Mikroneurografie, einer Methode, bei der eine hauchdünne Elektrode die Aktivität einzelner Nervenfasern erfasst, wiesen sie sogenannte C-taktile Fasern nach. Wenn jemand langsam und sanft über den Arm streichelt, werden die Signale der C-taktilen Fasern über das Nervensystem unter anderem an Hirnregionen weitergeleitet, die eng mit Wahrnehmungen des eigenen Körpers und unserem emotionalen Erleben verbunden sind. „Berührungen nehmen wir deshalb nicht nur auf der Haut wahr“, erklärt Arnold. „Sie können uns ein tiefes Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Verbundenheit vermitteln.“
Berührungen können uns ein tiefes Gefühl von Sicherheit, Geborgenheit und Verbundenheit vermitteln.
Berührung als soziale Kraft
„Berührung ist der körperliche Ausdruck von Verbindungen zwischen Menschen“, sagt Prof. Dr. Ilona Croy, Psychologin und Berührungsforscherin an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Wie tief diese Form der nonverbalen Kommunikation in unserer Entwicklungsgeschichte verankert ist, zeigt ein Blick auf unsere nächsten Verwandten: Bei Primaten hat körperlicher Kontakt eine wichtige soziale Funktion. Beim gegenseitigen Grooming, also der Körperpflege, werden nicht nur Fell und Haut gepflegt. Die Tiere stärken damit soziale Beziehungen, fördern den Zusammenhalt innerhalb der Gruppe und können Spannungen abbauen. Im Leistungssport ist Berührung ebenfalls allgegenwärtig: Schulterklopfen oder Umarmungen können Freude teilen, Mut machen oder Trost spenden. Eine Studie mit NBA-Spielern fand einen Zusammenhang zwischen frühem Berührungsverhalten und späterer Teamleistung. Teams, deren Spieler sich zu Saisonbeginn häufiger berührten, schnitten im weiteren Spielverlauf besser ab. Eine eindeutige Kausalität konnte die Studie aus dem Jahr 2010 zwar nicht beweisen, die Forschenden vermuten aber, dass Berührung über eine stärkere Kooperation zum Teamerfolg beitragen könnte.
Dass Berührung unser Verhalten tatsächlich beeinflussen kann, zeigt der sogenannten „Midas-Touch-Effekt“. Der Name geht auf eine Studie aus dem Jahr 1984 zurück: Kellnerinnen,die ihre Gäste beim Zurückgeben des Wechselgelds kurz an der Hand oder der Schulter berührten, erhielten im Durchschnitt höhere Trinkgelder als ohne Berührung.
Berührung ist der körperliche Ausdruck einer Verbindung zwischen Menschen.
Die Sprache der Nähe
Insbesondere in der Partnerschaft sind liebevolle Berührungen eine wichtige Form der Kommunikation. „Viele Paare entwickeln im Laufe der Zeit ihre ganz eigene ‚Tastsprache‘ – eine Umarmung, ein spontanes Händchenhalten oder eine kurze Berührung im Vorbeigehen“, sagt Arnold. „Solche Gesten schaffen Nähe und vermitteln: Wir gehören zusammen.“ Auch Croy beobachtet einen Zusammenhang zwischen Berührung und Beziehungszufriedenheit. Wie häufig sich Paare liebevoll berühren, ist dabei sehr unterschiedlich. „Die meisten Paare sagen, dass sie sich zwischen zwei- und zehnmal am Tag auf eine liebevolle Weise berühren. Es gibt aber auch Paare, die deutlich öfter und auch deutlich weniger Berührung haben. Das ist unproblematisch, solange sich beide einig sind.“ Problematisch wird es laut Croy vor allem dann, wenn fast gar keine Berührung mehr zwischen den Partnern stattfindet: „Dann finden wir auch eine deutlich schlechtere Konfliktlösefähigkeit, schlechtere Kommunikation, eine generelle Unzufriedenheit und Gefühle von Einsamkeit in der Partnerschaft.“ Croy verweist zudem auf eine Studie, die zeigte: Paare, die sich bewusst häufiger liebevoll berührten, waren zufriedener mit ihrer Beziehung.
Wenn Nähe fehlt
Wie wirkt sich ein Mangel an körperlicher Berührung auf den Körper und das psychische Befinden aus? „Wenn Berührung fehlt, fehlen auch viele ihrer regulierenden Wirkungen“, erklärt Arnold. „Der Körper bleibt häufiger in einem Zustand erhöhter Anspannung. Innere Unruhe, ein stärkeres Stressempfinden, Schlafprobleme oder depressive Verstimmungen können damit einhergehen. Besonders eng ist Berührungsarmut mit dem Erleben von Einsamkeit verbunden.“
Croy beschreibt noch einen weiteren Zusammenhang: „Menschen, die wenig Berührung erfahren, sind älter, eher Männer als Frauen, sie sind depressiver, fühlen sich einsamer und sie sind ängstlicher.“ Daraus könne ein Teufelskreis entstehen: „Wenn wir depressiv sind, ziehen wir uns zurück. Und wenn wir ängstlich sind, trauen wir uns weniger, in Kontakt mit anderen zu treten. Das führt dazu, dass wir einsamer werden, weniger schöne gemeinsame Erfahrungen mit anderen machen und dadurch noch depressiver und ängstlicher werden können. Berührungsmangel sei hier ein Symptom einer generellen Einsamkeit. „Man kann das mit etwas Mut bewusst durchbrechen“, sagt Croy. Beispielsweise indem man sich zum Teamsport, zu einer gemeinsamen Wanderung oder einem Chornachmittag anmeldet, Freunde einlädt und sie zur Begrüßung herzlich umarmt. „Man kann aber auch einfach eine Massage buchen, das hellt die Stimmung nachweislich auf.“
Heilsame Berührung
Im Rahmen ihrer Doktorarbeit untersuchte Michaela Arnold, wie sich eine speziell entwickelte affektregulierende Massagetherapie auf Menschen mit Depressionen auswirkt. „Depressionen betreffen nicht nur unsere Gedanken und Gefühle, sondern immer auch den Körper“, sagt sie. „Viele Betroffene leiden unter innerer Anspannung, Schlafstörungen, Schmerzen und Erschöpfung. Häufig beschreiben sie auch, dass sie sich selbst kaum noch spüren oder keine Freude mehr empfinden können.“ Die affektregulierende Massagetherapie arbeitet mit sanftem Druck und ruhigem Tempo. Bei den Studienteilnehmerinnen und -teilnehmern beobachtete Arnold nicht nur eine deutliche Verbesserung depressiver Beschwerden, sondern auch der körperlichen Schmerzen. Noch eindrucksvoller war für sie, was die Behandlung darüber hinaus bewirkte: „Viele berichteten, dass sie sich durch die Behandlung wieder stärker mit sich selbst und ihrem Körper verbunden fühlten. ‚Ich habe mich angenommen gefühlt‘, war eine häufige Rückmeldung.“ Gerade bei einer Depression, die oft mit Rückzug, Gefühllosigkeit und dem Verlust von Verbundenheit einhergeht, könne der Zugang über den Körper besonders wertvoll sein, erklärt Arnold. „Massagetherapie ersetzt dabei keine notwendige psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung. Sie kann aber eine wertvolle Ergänzung sein und Betroffenen helfen, wieder mehr ins Spüren und damit ein Stück weit zurück ins Leben zu kommen.“
„Berührung sollte wieder den Stellenwert bekommen, den sie verdient“
Dr. Michaela Arnold, Ärztin, staatlich ausgebildete Masseurin und Buchautorin
Bei welchen Beschwerden können Berührungen helfen?
Berührung und Massagetherapie können bei ganz unterschiedlichen Beschwerden hilfreich sein – etwa bei Schmerzen, Stress, Schlafstörungen, Ängsten oder depressiver Stimmung. Gerade bei chronischen Erkrankungen oder in belastenden Lebensphasen kann Berührung zusätzlich stabilisierend wirken. Bei körperlicher und seelischer Anspannung kann sie dazu beitragen, wieder zur Ruhe zu kommen. Entscheidend ist dabei die Qualität. Berührung sollte ruhig, achtsam und respektvoll sein und natürlich als angenehm empfunden werden. Dann kann sie körperliche Verspannungen lösen und gleichzeitig das Gefühl vermitteln, gesehen und angenommen zu werden.
Leiden ältere Menschen vermehrt unter Berührungsarmut – und welche Auswirkungen kann das haben?
Das Bedürfnis nach Berührung bleibt auch im hohen Alter bestehen – manchmal wird es sogar größer. Gleichzeitig nehmen die Gelegenheiten dafür häufig ab: Der Partner ist vielleicht verstorben, der Freundeskreis wird kleiner und körperliche Einschränkungen erschweren soziale Kontakte. Was fehlen kann, ist die Berührung, die Zuwendung, Nähe und Geborgenheit vermittelt. Berührungsarmut kann Einsamkeit, innere Unruhe und depressive Verstimmungen verstärken. Umso wichtiger sind gerade im Alter kleine Gesten: eine bewusst gehaltene Hand, eine sanfte Berührung am Arm oder eine achtsam ausgeführte Pflegehandlung. Besonders bei demenziell erkrankten Menschen kann Berührung einen Zugang ermöglichen, wenn Worte sie kaum noch erreichen.
Was ist das Ziel der sogenannten Berührungsmedizin?
Wir wollen der Berührung wieder einen festen Platz im Gesundheitswesen geben. Dabei verstehen wir Berührungsmedizin weniger als eine einzelne Methode, sondern vielmehr als eine Haltung: den Menschen in seiner Gesamtheit wahrzunehmen und die heilsame Kraft von Berührung bewusst in den therapeutischen Prozess einzubeziehen. Berührungsmedizin möchte deshalb wissenschaftliche Erkenntnisse zur Berührung zusammenführen, Forschung fördern und unterschiedliche Gesundheitsberufe miteinander vernetzen. Unser Anliegen ist eine Medizin, in der fachliche Kompetenz und menschliche Zuwendung selbstverständlich zusammengehören.
BUCHTIPPS
Prof. Dr. Ilona Croy
Touch me
Die geheime Superkraft der Berührung
„Touch me“ öffnet die Augen für eine alltägliche, aber unterschätzte Kraft: die Berührung – und ihre verblüffende Wirkung auf Körper und Seele. Dieses Buch führt tief hinein in die Welt des Tastsinns und erklärt, wie eng Berührung mit unserem Gehirn, unserem Verhalten und unserer Gesundheit verknüpft ist. Anhand faszinierender Studien erfahren Sie: Körperkontakt stärkt Teams, verbessert Beziehungen, senkt Stress und kann sogar unsere Hirnentwicklung beeinflussen.
ISBN: 978-3-831206513
Dr. Michaela Arnold
Das Berührungsbuch
Wie Berührung Körper, Geist und Seele stärkt
Wir brauchen Berührung – ein Leben lang. Als Ärztin und Masseurin weiß Michaela Arnold, wie heilsam Berührung für Körper und Seele sein kann. In diesem Buch vermittelt sie inspirierende Impulse und einfühlsame Übungen, mit denen sich Berührung achtsam in den Alltag integrieren lässt. Dabei hilft das Modell der „Berührungsblume“, die vielfältigen Dimensionen von Berührung zu erfassen und die eigene Berührungsbiografie besser zu verstehen. Mit einer Verbindung aus fundiertem medizinischem Wissen und persönlichen Erfahrungen lädt dieses Buch dazu ein, Berührung neu zu entdecken – als Quelle von Gesundheit,
Wohlbefinden und Lebensqualität. Für alle, die sich selbst und anderen mit mehr Achtsamkeit begegnen möchten.
ISBN: 978-3-608860924
Bruno Müller-Oerlinghausen, Gabriele Mariell Kiebgis
Berührung
Warum wir sie brauchen und wie sie uns heilt
Berührung gehört zu den Grundbedürfnissen des Menschen. Ein Mangel daran kann nachweislich krank machen. Umgekehrt können Berührungen sowohl bei körperlichen als auch psychischen Erkrankungen therapeutisch eingesetzt werden. Die Haut ist das Organ, an dem unser Selbstbewusstsein, unsere Identität hängt und das über eine eigene Intelligenz verfügt. Wie kommunizieren Haut und Gehirn? Wie entsteht das Wohlgefühl einer sanften Berührung? In der Beantwortung dieser Fragen zeigt sich, wie sehr Berührungen Teil unseres biologischen Urprogramms sind. Sie sind unverzichtbar für den Erhalt unserer Gesundheit und mobilisieren als Lebenselixier unsere Selbstheilungskräfte.
ISBN: 978-3-843717991
Text: Jacqueline Kacetl⎪Fotos: iStock_RGStudio, iStock_Peoplemages