Kinderwunsch ohne Ablaufdatum?
Mitte 20 oder Ende 30: Wann ist der ideale Zeitpunkt zum Kinderkriegen? Wie schnell tickt die biologische Uhr? Welche Möglichkeiten bietet die moderne Medizin? GESUND & LEBEN hat die wichtigsten Fakten und Überlegungen zusammengetragen.
Viele Paare möchten ein Baby, hadern aber mit dem richtigen Zeitpunkt. In jungen Jahren stehen oft Karriereschritte an, später wächst die Angst vor einer abnehmenden Fruchtbarkeit. Irgendwo dazwischen soll die Familienplanung passen.
Ausbildung, Karriere, Selbstverwirklichung: Immer mehr Frauen verschieben ihren Kinderwunsch nach hinten. Gleichzeitig entsteht durch gesellschaftliche Bilder und medizinische Fortschritte häufig der Eindruck, Fruchtbarkeit ließe sich nahezu beliebig „planen“. „Doch die biologische Uhr lässt sich nicht anhalten, die Fruchtbarkeit nimmt mit zunehmendem Alter deutlich ab“, sagt Prim. Univ.-Prof. Dr. Martin Imhof, Leiter der Abteilung
Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Landesklinikum Korneuburg-Stockerau-Hollabrunn.
Eine Frau wird bereits mit ihrer gesamten lebenslangen Reserve an Eizellen geboren, das sind rund eine Million Eizellen. Zu Beginn der Pubertät sind noch etwa 400.000 Stück übrig, von denen etwa 300 „springen“ werden, also zum Eisprung kommen. Im Laufe des Lebens entstehen keine neuen Eizellen mehr. Biologisch gesehen: Wann ist das beste Alter zum Kinderkriegen?
„Mit 28 Jahren“, meint Gynäkologe Imhof, „in der Pubertät beginnt die Fertilität. Sie steigt kontinuierlich bis 28 an, danach sinkt sie bis 35 langsam ab. Ab 35 geht die Fruchtbarkeitskurve rasant nach unten.“
Ein Großteil der Frauen überschätzt die eigene Fruchtbarkeit. Dazu trägt auch die langjährige Verhütung bei. Gedanken an eine ungewollte Schwangerschaft liegen oft näher als an eine mögliche Unfruchtbarkeit. „Wenn man zu lange wartet, riskiert man, dass es nicht klappt, beziehungsweise schwierig wird. Dieses Risiko ist bis 28 nicht da. Ab 35 schon“, erklärt der Experte.
Prim. Univ.-Prof. Dr. Martin Imhof, Leiter der Abteilung Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Landesklinikum Korneuburg-Stockerau-Hollabrunn
Reserve erschöpft
Bei einer von 100 Frauen ist die Eizellreserve bereits vor dem 40. Lebensjahr komplett erschöpft. Wie schnell dieser Rückgang verläuft, ist von Frau zu Frau unterschiedlich. Doch nicht nur die Anzahl, auch die Qualität der Eizellen sinkt deutlich, betont Martin Imhof: „Mit zunehmendem Alter wird nicht nur die Reserve an Eizellen kleiner, sondern auch die Chance geringer, eine genetisch intakte Eizelle zu erwischen. DNA-Schäden und Fehler bei der Chromosomenverteilung nehmen zu. Genau deshalb wird Kinderwunsch mit dem Alter biologisch schwieriger – nicht abrupt, aber kontinuierlich.“ Denn schwanger zu werden ist das eine, schwanger zu bleiben das andere: Im Alter steigt auch das Risiko für einen Abort, eine Fehlgeburt. „Mit 40 bleiben von zehn Schwangerschaften nur zwei übrig“, weiß Imhof. Deshalb behandelt der Gynäkologe Patientinnen ab 40 in seiner Praxis mit Medikamenten, die dieses Risiko verringern, beispielsweise mit Progesteron, Antihistaminika oder Cortison in niedriger Dosis. Ab der elften Schwangerschaftswoche wird eins nach dem anderen abgesetzt.
Fruchtbarkeitsampel
Zurück zur Fruchtbarkeitsampel. Unter 35 leuchtet sie noch in sattem Grün: Die Chancen, schwanger zu werden, liegen bei bis zu 25 Prozent pro
Zyklus. Mit 35 muss eine Frau damit rechnen, dass pro Jahr etwa drei bis fünf Zyklen ohne Eisprung vorkommen, mit 40 sind es dann schon um die sieben. Mit etwa 50 erlischt die weibliche Fruchtbarkeit dann ganz, die Ampel steht auf Rot. Soweit die Fertilitätsstatistik, die Durchschnittswerte aufführt. Doch keine Panik: Viele Frauen werden auch jenseits der 35 noch problemlos schwanger, weiß Imhof. Ein später Kinderwunsch ist heute keine Seltenheit mehr, erfordert jedoch oft eine Anpassung der Strategie. Der Mediziner empfiehlt, die Wartezeit zu verkürzen: „Wenn Sie älter als 35 sind und bereits ein halbes Jahr versucht haben, schwanger zu werden, und es nicht geklappt hat, dann sollten Sie zeitnah eine Spezialistin, einen Spezialisten aufsuchen, denn sonst verlieren Sie ein halbes Jahr Fertilität in einer heiklen Phase. Und werden zusätzlich nervös.“ Stress wirkt sich laut Imhof generell schlecht auf die Fruchtbarkeit aus, daher sollte man verhindern, in die Stressspirale hineinzukommen.
Mit gezielten Untersuchungen lassen sich aussagekräftige Parameter bestimmen, die sich auf die Fruchtbarkeit auswirken, wie etwa Blut- und Hormonwerte. Auch die Lebensführung spielt eine Rolle: Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, starkes Übergewicht oder Bewegungsmangel können die Qualität von Eizellen deutlich beeinträchtigen, mahnt Imhof. Auch die Qualität der Spermien lässt nach, vor allem in reichen Ländern, weiß der Mediziner: „In etwa 50 Prozent der Fälle, in denen es nicht klappt, ist ein Spermiogramm dabei, das nicht optimal ist.“
Chancen optimieren
Die moderne Medizin bietet heute eine breite Palette an Unterstützung auf dem Weg zum Wunschkind – angefangen bei leichten Hormonen bis hin zur künstlichen Befruchtung. Eine Kinderwunschbehandlung optimiert die Chancen, weiß Imhof: „Durch den Einsatz von Hormonen wird die Auswahl der Eizellen größer.“ Ab dem Alter von 35 plus rät er seinen Patientinnen zu einer raschen Kinderwunschbehandlung: „Von zehn Frauen wären vielleicht auch drei ohne Behandlung schwanger geworden. Aber man weiß nicht, welche drei.“
Social Egg Freezing
Ein häufig diskutierter Ansatz ist das sogenannte Social Egg Freezing. Dabei werden durch hormonelle Stimulation mehrere Eizellen gleichzeitig zur Reifung gebracht und entnommen, um sie für eine spätere Befruchtung einzufrieren. Derzeit ist das in Österreich nur mit Indikation erlaubt, etwa bei Krebspatientinnen. Ohne medizinischen Grund ist der Eingriff (noch) verboten. Der erfahrene Gynäkologe Martin Imhof geht jedoch davon aus, dass Social Egg Freezing zur Routine werden wird, um dem Kinderwunsch erst später im Leben nachzukommen. Es ist ihm wichtig zu betonen: „Je früher sich Frauen mit ihrem Kinderwunsch auseinandersetzen, desto besser können sie realistische Entscheidungen treffen. Wenn ein Kind unbedingt zum Lebensplan dazugehört, sollte man sich frühzeitig Gedanken darüber machen.“
Denn mit zunehmendem Alter verändert sich die Fruchtbarkeit – das bedeutet nicht, dass eine Schwangerschaft gar nicht mehr möglich ist, aber der Weg dorthin braucht oft etwas mehr Aufmerksamkeit und medizinische Begleitung. Und eventuell einen Plan B.
Stress wirkt sich schlecht auf die Fruchtbarkeit aus. Daher sollte man verhindern, in die Stressspirale hineinzukommen.
Mythos 1
Mit regelmäßigem Zyklus wird man schneller schwanger
Ein regelmäßiger Zyklus ist wichtig, um jeden Monat eine befruchtungsfähige Eizelle zu produzieren. Eine Garantie für eine Befruchtung ist er jedoch nicht. Ab dem 35. Lebensjahr steigt außerdem das Risiko, chromosomal veränderte Eizellen zu entwickeln, was dazu führen kann, dass es trotz regelmäßigem Zyklus zu keiner Einnistung der befruchteten Eizelle in der Gebärmutter oder zu einer Fehlgeburt kommt.
Mythos 2
Steigende Lebenserwartung führt zu längerer Fruchtbarkeit
Die Lebenserwartung steigt, gleichzeitig verschiebt sich der Kinderwunsch nach hinten. Während in den 1980er Jahren das Durchschnittsalter bei Erstgebärenden in Österreich bei 24 Jahren lag, ist es aktuell bei Ende 20. Der Beginn der Menopause liegt seit Jahren konstant bei 51 Jahren. Trotz steigender Lebenserwartung ändert sich nichts an der Dauer der Fruchtbarkeit.
Mythos 3
Einige Berühmtheiten sind auch mit 50 noch Mutter geworden
Ja, aber wie? Einige durch Leihmutterschaft, was in Österreich verboten ist. Einige durch Eizellspende. Diese Methode ist in Österreich nur bis zum 45. Lebensjahr erlaubt.
Mythos 4
Männer bleiben bis ins hohe Alter fruchtbar
Männer können bis ins hohe Alter befruchtungsfähige Spermien bilden. Aber ab dem 40. Lebensjahr werden weniger Spermien produziert, die zusätzlich in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind.
AMH, DFI, IVF
Ein kleiner Überblick über häufige Begriffe rund um Fruchtbarkeit und Kinderwunsch
DNA-Fragmentationsindex (DFI)
Der DFI gibt Auskunft über die Qualität des Erbguts in den Spermien. Ist die DNA stark geschädigt, sinken die Chancen auf eine erfolgreiche Befruchtung und Schwangerschaft.Eizellreserve
Wie viele Eizellen noch vorhanden sind, lässt sich mit verschiedenen Untersuchungen abschätzen. Besonders wichtig sind der AMH-Wert (Anti-Müller-Hormon) und der AFC (Antral Follikel Count). Diese geben erste Hinweise auf die Eizellreserve, ersetzen aber keine Prognose für die tatsächliche Schwangerschaftswahrscheinlichkeit. Ergebnisse sollten immer im Gesamtkontext (Alter, Zyklus, Befunde) bewertet werden. Ergänzt werden sie durch Ultraschall, gynäkologische Untersuchung und Zyklusmonitoring.Insemination
Bei dieser Form der künstlichen Befruchtung werden aufbereitete Samenzellen zum Zeitpunkt des Eisprungs direkt in die Gebärmutter eingebracht. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Spermien die Eizelle erreichen.IVF (In-vitro-Fertilisation)
Die klassische künstliche Befruchtung: Eizellen werden entnommen und außerhalb des Körpers im Labor mit Spermien zusammengebracht. Nach der Befruchtung wird der Embryo in die Gebärmutter eingesetzt.ICSI (Spermieninjektion)
Bei der intrazytoplasmatischen Spermieninjektion wird ein einzelnes Spermium direkt in die Eizelle injiziert. Diese Methode kommt vor allem bei eingeschränkter Samenqualität zum Einsatz.Kryokonservierung
Eizellen, Spermien oder Embryonen können bei minus 196 °C eingefroren und später verwendet werden. Das sogenannte Social Egg Freezing ist in Österreich derzeit (noch) nicht erlaubt, medizinisch begründetes Einfrieren (Medical Egg Freezing) hingegen schon.Samen- und Eizellspende
Beides ist in Österreich gesetzlich geregelt. Samenspender dürfen zwischen 18 und 35 Jahre, Eizellspenderinnen höchstens 30 Jahre alt sein. Die Empfängerin einer Eizellspende darf das 45. Lebensjahr nicht überschritten haben.Leihmutterschaft
Leihmutterschaft ist in Österreich gesetzlich verboten. Rechtlich gilt immer jene Frau als Mutter, die das Kind zur Welt bringt.
Informationen: www.oesterreich.gv.at
Text: Karin Schrammel⎪Fotos: iStock_Studio4, _Andrea Hill; Beigestellt, Freepic_MariaPetrishina