Stille Gefahr im Bauch
Ein Bauchaortenaneurysma wächst meist über Jahre, ohne Beschwerden zu verursachen – bis die Hauptschlagader plötzlich reißt und akute Lebensgefahr besteht. Eine Ultraschalluntersuchung kann die gefährliche Gefäßerweiterung frühzeitig sichtbar machen.
Sie ist die größte Schlagader des menschlichen Körpers und versorgt über ihre zahlreichen Abzweigungen Organe, Becken und Beine mit sauerstoffreichem Blut: die Aorta. In ihrem Abschnitt unterhalb der Nieren kann sich die Gefäßwand mit der Zeit krankhaft erweitern. Medizinerinnen und Mediziner sprechen dann von einem Bauchaortenaneurysma. Das Tückische daran: Betroffene spüren davon meist jahrelang nichts. „Die Entstehung eines Bauchaortenaneurysmas verläuft zunächst ohne Symptome. Die Erweiterung selbst verursacht in der Regel keine Schmerzen“, erklärt Prim. Dr. Ronald Zwrtek, MBA, MAS, Ärztlicher Direktor und Abteilungsleiter Chirurgie am Landesklinikum Mistelbach-Gänserndorf. Als Spezialist für Gefäß-, Viszeral- und Thoraxchirurgie kennt er die Risiken der Erkrankung genau. „Das Bauchaortenaneurysma ist daher eine typische stille Gefahr.“
Prim. Dr. Ronald Zwrtek, MBA, MAS, Ärztlicher Direktor und Abteilungsleiter Chirurgie am Landesklinikum Mistelbach-Gänserndorf
„Wenn ein Bauchaortenaneurysma bereits bei Eltern oder Geschwistern aufgetreten ist, sollte man besonders aufmerksam sein.“
Medizinischer Notfall
Erst wenn das Aneurysma eine beträchtliche Größe erreicht hat, kann es mitunter als pulsierende Veränderung im Bauch tastbar werden. Gelegentlich lösen sich kleine Blutgerinnsel aus dem erweiterten Gefäßabschnitt und werden mit dem Blutstrom weitergetragen. Verlegen sie kleinere Gefäße, können Durchblutungsstörungen entstehen und auf das Aneurysma aufmerksam machen. Im schlimmsten Fall bleibt die Erkrankung jedoch bis zum Durchbruch (Ruptur) unbemerkt: Die geschwächte Gefäßwand reißt, Blut strömt in den Bauchraum oder in das hinter dem Bauchfell gelegene Gewebe. „Dann besteht absolute Lebensgefahr. Die Patientin bzw. der Patient kann innerhalb kurzer Zeit verbluten“, warnt Zwrtek. Plötzlich einsetzende, sehr starke Bauch- oder Rückenschmerzen, Kreislaufprobleme, Blässe, Schweißausbrüche oder Bewusstlosigkeit sind deshalb ein medizinischer Notfall. In diesem Fall muss sofort die Rettung verständigt werden. Ein Aneurysma entsteht allerdings nicht über Nacht. „Diese Veränderung entwickelt sich über Jahre und nimmt meist langsam an Größe zu“, erklärt der Gefäßchirurg. Darin liegt die große Chance der Früherkennung: Wird die Erweiterung rechtzeitig entdeckt, kann sie regelmäßig kontrolliert und bei Bedarf geplant behandelt werden, bevor es zur lebensbedrohlichen
Ruptur kommt.
Eine erweiterte Aorta lässt sich im Ultraschall erkennen.
Wer ist gefährdet?
Männer entwickeln mindestens dreimal häufiger ein Bauchaortenaneurysma als Frauen. Rauchen zählt zu den wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktoren. Auch Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte, Diabetes und bestehende Gefäßverkalkungen schädigen die Gefäßwände. Eine wesentliche Rolle spielt zudem die familiäre Vorbelastung. „Wenn ein Bauchaortenaneurysma bereits bei Eltern oder Geschwistern aufgetreten ist, sollte man besonders aufmerksam sein“, betont Zwrtek. Für Menschen mit entsprechendem Risikoprofil ist daher eine Ultraschalluntersuchung sinnvoll. Das Landesklinikum Mistelbach-Gänserndorf beteiligt sich an einem Screeningprogramm für Männer ab 60 Jahren mit zusätzlichen Risikofaktoren. Mithilfe eines Ultraschalls lässt sich feststellen, ob die Bauchaorta erweitert ist. Wird ein Aneurysma entdeckt, folgt in der Regel eine Computertomografie. Sie zeigt Form, Lage und Ausdehnung der Veränderung und ermöglicht eine genaue Behandlungsplanung. Nicht jedes Aneurysma muss sofort operiert werden. Kleinere Erweiterungen werden alle sechs bis zwölf Monate kontrolliert. Mit zunehmendem Durchmesser steigt jedoch die Gefahr einer Ruptur. Als wichtige Grenze für eine geplante Behandlung gilt ein maximaler Querdurchmesser von 55 Millimetern. Auch ein rasches Wachstum kann eine Operation notwendig machen. „Wenn ein Aneurysma innerhalb eines Jahres um mehr als einen Zentimeter wächst, ist das ein Warnsignal“, erklärt Zwrtek. Bei Beschwerden oder einer Ruptur muss unabhängig von der Größe sofort gehandelt werden.
Zwei Wege zum Ziel
Für die Behandlung stehen zwei Verfahren zur Verfügung. Bei der offenen Operation wird der erkrankte Abschnitt der Hauptschlagader über einen Bauchschnitt freigelegt und durch eine Gefäßprothese ersetzt. Das bewährte Verfahren ist allerdings mit einer größeren körperlichen Belastung und längeren Erholungszeit verbunden. Heute wird ein Großteil der geeigneten Patientinnen und Patienten endovaskulär behandelt. Dabei wird über die Leistenarterien eine zusammengefaltete Stentprothese mithilfe eines Katheters in die Aorta eingebracht, entfaltet und verankert. Das Blut fließt anschließend durch die Prothese, während das Aneurysma von innen abgedichtet wird. „Ein Aneurysma ist keine bösartige Erkrankung und muss nicht unbedingt herausgeschnitten werden. Wir können es auch von innen ausschalten“, erklärt Zwrtek. Für die Betroffenen bedeutet das meist nur kleine Schnitte in den Leisten statt eines großen Bauchschnitts. Danach bleiben regelmäßige bildgebende Kontrollen notwendig.
Gefäße schützen
Alter, Geschlecht und familiäre Veranlagung lassen sich nicht verändern. Dennoch kann jeder sein Risiko senken. An erster Stelle steht der Verzicht auf Nikotin. Ebenso wichtig sind die konsequente Behandlung von Bluthochdruck und Diabetes sowie die Kontrolle der Blutfettwerte. Regelmäßige Bewegung, ausgewogene Ernährung und ein gesundes Körpergewicht unterstützen die Gefäßgesundheit zusätzlich. „Alles, was den Gefäßen guttut, trägt dazu bei, das persönliche Risiko zu reduzieren“, fasst Zwrtek zusammen.
ONLINE-RISIKOCHECK
Das Gefäßforum Österreich stellt im Rahmen einer Gesundheitskampagne einen neuen Aneurysma-Risikorechner vor. Dieser ermöglicht eine einfache Risikoabklärung mittels kostenlosem Online-Test – das Ampelsystem zeigt an, ob eine weiterführende Untersuchung von Gefäßspezialistinnen und -spezialisten empfohlen wird. Als weitere Vorsorgemaßnahme lädt das Gefäßforum Österreich von 21. bis 25. September 2026 insbesondere Personen mit erhöhtem Risiko zu kostenlosen Ultraschalluntersuchungen in spezialisierten Gefäßambulanzen in Wien, Niederösterreich, Oberösterreich und Tirol ein.
Informationen & Risikorechner: www.gefaessforum.at
Text: Michaela Neubauer⎪Fotos: iStock_ SerhiiBobyk, Marta Sher, Bro Vector; Magnific.com_medipic, beigestellt