Kraft für morgen

Unfall, Operation oder Erkrankung: Eine medizinische Rehabilitation trägt dazu bei, Betroffene wieder rasch ins Leben einzugliedern.

Als Gerhard nach seiner Knieoperation nach Hause kam, merkte er schnell, dass der Alltag eine Reihe großer Herausforderungen mit sich brachte. So etwa wurden Treppen in seinem Haus zur Kraftprobe, sein Bein blieb instabil, hinzu kamen Schmerzen, die sich massiv auf Gerhards Lebensqualität auswirkten. Sein behandelnder Orthopäde hatte einen Plan und riet ihm zu einer dreiwöchigen Rehabilitation. Heute weiß Gerhard, dass er ohne Reha nie wieder so mobil geworden wäre, er spricht von einem „Neuanfang“. Gerhards Erfahrung zeigt, worum es bei der Reha geht – nicht um Schonung, sondern um einen medizinisch durchdachten Neustart in Richtung Mobilität, Belastbarkeit und Selbstständigkeit. Sie setzt dort an, wo die akute Behandlung endet, aber Einschränkungen bleiben könnten, also dann, wenn Bewegungen noch nicht sicher sind, wenn Schmerzen Bewegung unmöglich machen oder wenn es noch an Ausdauer und Kraft fehlt.

2022 wurden in Österreich rund 1,08 Milliarden Euro für stationäre und ambulante medizinische Rehabilitation aufgewendet. In etwa drei Viertel der Fälle trägt die Pensionsversicherung die Kosten, gefolgt von der Unfallversicherung. Am häufigsten sind Maßnahmen für den Bewegungs- und Stützapparat, danach folgen psychiatrische und pulmologische Rehabilitationsverfahren. Zunehmend verzeichnet auch die Onkologie
steigende Zahlen.

 

Dr. Monika Mustak-Blagusz, MBA, Chefärztin der Pensionsversicherung

 

Bewilligung braucht Expertise

Eine Reha wird bewilligt, wenn dafür eine klare medizinische Begründung vorliegt. Einerseits muss daher eine Diagnose den Bedarf aufzeigen, andererseits muss sichergestellt werden, dass der Betroffene körperlich und psychisch in der Lage ist, am Heilerfolg mitzuarbeiten. Darüber hinaus muss eine Rehabilitationsprognose erstellt werden, die zeigt, dass die geplanten Heilverfahren auch tatsächlich eine Besserung bringen. Moderne Reha orientiert sich am bio-psycho-sozialen ICF-Modell der WHO und betrachtet nicht nur Diagnosen, sondern vor allem die konkreten Einschränkungen im Leben, etwa bei Beweglichkeit, Belastbarkeit, psychischer Stabilität, Teilhabe am sozialen Leben oder Arbeitsfähigkeit. Dr. Monika Mustak-Blagusz, MBA, Chefärztin der Pensionsversicherung, bringt den Anspruch so auf den Punkt: „Die Rehabilitation der PV ist individuell, zielorientiert und nachhaltig. In unseren Reha-Zentren sorgen multiprofessionelle Teams und modernste Therapien täglich dafür, die Lebensqualität und Erwerbs­fähigkeit vieler Menschen wiederherzustellen und sie in ein aktives Leben zurückzuführen.“

Orthopädische Reha

Der Begriff „Rehabilitation“ umfasst mehrere große Bereiche, am häufigsten wird die orthopädische Reha in Anspruch genommen, so etwa nach Hüft-, Knie- oder Schulteroperationen, bei Bandscheibenproblemen, Arthrose, Unfallfolgen oder chronischen Rückenschmerzen, erklärt Mustak-Blagusz: „Hier geht es um Muskelaufbau, Schmerzreduktion, bessere Beweglichkeit und darum, gelenkschonende Muster zu lernen. Das ist oft der entscheidende Schritt, um den Kreislauf aus Schmerz, Schonung und weiterer Verschlechterung zu durchbrechen.“ Am zweithäufigsten erfolgt eine kardiologische Rehabilitation, etwa nach Herzinfarkt, Stent, Bypass oder einer Herzklappen-OP, aber auch bei Herzinsuffizienz oder schwerem Bluthochdruck. Neben medizinisch überwachten Trainingsprogrammen stehen Lebensstil­beratung, Ernährungsschulung, Rauchstopp und Stressmanagement im Fokus.


Eine Reha unterstützt auch bei seelischen Belastungen infolge einer Krankheit.

Seelische Belastung

Vor allem bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen kommen oft seelische Belastungen hinzu, Betroffene entwickeln Ängste und reagieren mitunter mit sozialem Rückzug. Genau hier setzt die psychokardiologische Rehabilitation an: Sie greift psychische Auswirkungen von Herzerkrankungen gezielt auf, um Teilhabe am beruflichen und sozialen Leben zu fördern. Mustak-Blagusz beschreibt das so: „Herzinfarkte, Herzoperationen etc. werden oft als traumatische Erlebnisse wahrgenommen. Ängste, Befürchtungen und ein damit verbundenes Vermeidungsverhalten können dazu führen, dass Betroffene durch ihre psychische Symptomatik zusätzlich zu ihrer Herzerkrankung belastet und in ihrer Teilhabe eingeschränkt sind.“


Stress macht Depressionen

Stark gewachsen ist die psychosomatische und psychiatrische Rehabilitation, die Anträge haben sich in den letzten Jahren etwa verdoppelt. Dafür gibt es mehrere Gründe. So etwa zählen Depressionen, Burnout, Angststörungen, Traumafolgestörungen oder chronische Erschöpfung zu den häufigsten Ursachen, die eine gezielte Reha erforderlich machen. Charakteristisch dabei ist die Kombination mehrerer Verfahren wie etwa Psychotherapie und Gruppenangebote, Bewegungstherapie, Entspannungsverfahren und soziale Stabilisierung. Ziel dabei ist es, nicht nur Symptome zu lindern, sondern Alltags- und Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen. Eng damit verbunden ist die neurologische Rehabilitation, etwa nach Schlaganfall, bei Parkinson oder Multipler Sklerose, nach Schädel-Hirn-Trauma oder Nervenschädigungen. Dort werden oft Alltagskompetenzen neu gelernt, wie etwa Bewegungs­abläufe, Sprache, Feinmotorik und Selbstorganisation im Alltag. In diesem Bereich gilt: je früher der Reha-Start erfolgt, desto besser sind die Chancen einer Gesundung. Auch nach Krebserkrankungen ist eine Reha wichtig, weil viele Betroffene nach Chemotherapie, Bestrahlung oder Operation mit Fatigue, Kraftverlust und psychischer Erschöpfung kämpfen. Reha unterstützt beim körperlichen Wiederaufbau, beim Umgang mit Erschöpfung und bei der beruflichen Wiedereingliederung. Sie trägt dazu bei, dass sich Betroffene auch psychisch wieder stabilisieren und neu lernen, dem eigenen Körper wieder zu vertrauen.


Der Weg zurück

Damit die erzielten Fortschritte im Alltag nicht gleich wieder verloren gehen, wird daher häufig nach einem stationären oder ambulanten Aufenthalt eine weiterführende ambulante Reha ins Auge gefasst. Sie eignet sich besonders für Berufstätige. Üblicherweise wird eine Reha durch die behandelnde Ärztin, den behandelnden Arzt beantragt, im Krankenhaus kann dies auch über die Spitalsärztinnen und -ärzte erfolgen, die eine ausführliche Diagnose anführen. Einen wesentlichen Unterschied zur Rehabilitation bilden klassische Kur- und Gesundheitsvorsorge-Heilverfahren. Bei der Genehmigung gibt es Begrenzungen, eine Kur darf maximal zweimal innerhalb von fünf Jahren in Anspruch genommen werden. Im Gegensatz dazu sind medizinische Rehabilitationsmaßnahmen von dieser Regel ausgenommen.

Für Gerhard war sein Reha-Aufenthalt der Start in ein neues Leben: „Natürlich sind aktive Mitarbeit und Disziplin gefordert, doch man macht das gerne, wenn dadurch die persönliche Lebensqualität und die gewohnte Mobilität wieder hergestellt werden können. Die Reha war anstrengend, aber sie hat dazu beigetragen, meinen Weg zurück in ein selbstbestimmtes, aktives Leben zu ebnen.“


Text: Doris Simhofer⎪Fotos: iStock_kzenon; Martin Jager, iStock_izusek, _zuperia

 

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