Schwer unterschätzt

Adipositas ist eine chronische Erkrankung mit mehr als 200 möglichen Folgeerkrankungen, die häufig unterschätzt werden. Warum Betroffene möglichst früh Unterstützung suchen sollten.

Adipositas (Fettleibigkeit) ist eine chronische Stoffwechselkrankheit mit starkem Übergewicht.

Ein süßes Getränk an der Supermarktkassa, die Fastfoodwerbung auf dem Smartphone und ein Alltag, den die meisten von uns sitzend verbringen. Wer unter diesen Bedingungen zunimmt, bekommt dennoch oft zu hören: weniger essen, mehr bewegen. Doch so einfach ist es nicht. Adipositas wird nicht nur von einer Reihe falscher Entscheidung bedingt und ist erst recht kein persönliches Versagen. Die Weltgesundheitsorganisation und medizinische Fachgesellschaften stufen sie als chronische Erkrankung ein. Genetische Veranlagung, Hormone, psychische Belastungen, Schlaf, Medikamente, Ernährungsgewohnheiten, Bewegung und das gesellschaftliche Umfeld greifen dabei ineinander. „Adipositas ist eine multifaktorielle Erkrankung. Das macht sie auch so schwer zu behandeln. Natürlich spielt der Lebensstil eine Rolle, aber genauso wichtig können genetische und hormonelle Faktoren sein“, erklärt Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Florian Kiefer, Past-Präsident der Österreichischen Adipositas Gesellschaft (ÖAG). Die Zahl der Betroffenen steigt kontinuierlich, und das längst nicht nur bei Erwachsenen. Auch immer mehr Kinder und Jugendliche leben mit Adipositas. Für Kiefer ist das besonders alarmierend: Erreichen Kinder bereits mit überschüssigem Körpergewicht das mittlere Schulalter, sei die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es auch im Erwachsenenleben bestehen bleibt. „Das wächst sich in der Regel nicht einfach aus. Deshalb braucht es bereits im Kindesalter geeignete Präventions- und Behandlungskonzepte“, betont der Stoffwechselexperte.

 

Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Florian Kiefer, Past-Präsident der Österreichischen Adipositas Gesellschaft (ÖAG)

 

„Wir leben heute in einer Welt, in der es oft leichter geworden ist, zuzunehmen als schlank zu bleiben.“

Umwelt, die das Zunehmen fördert

Fachleute sprechen von einem adipogenen oder obesogenen Umfeld – also von Lebensbedingungen, die Gewichtszunahme begünstigen. Dazu zählt eine Lebensmittelwelt, in der stark verarbeitete, zuckerreiche und energiedichte Produkte besonders günstig, sichtbar und leicht zugänglich sind. Gleichzeitig ist Bewegung in vielen Lebensbereichen zur Ausnahme geworden. Der Arbeitsweg wird im Auto zurückgelegt, der Beruf am Schreibtisch ausgeübt, die Freizeit vor Bildschirmen verbracht. „Es ist heutzutage in gewisser Weise schwieriger geworden, nicht an Gewicht zuzunehmen“, sagt Kiefer. Die Verantwortung allein den Betroffenen zuzuschieben, greift daher zu kurz. Auch Politik, Lebensmittelindustrie, Bildungseinrichtungen, Medien und Werbung müssten ihren Beitrag leisten. Diskutiert werden etwa Werbebeschränkungen für Süßigkeiten und zuckerreiche Produkte in Kinderprogrammen, eine bessere Kennzeichnung von Lebensmitteln, gesündere Schulverpflegung, mehr Bewegungsräume sowie steuerliche Maßnahmen. Ein einzelner Eingriff werde die Entwicklung allerdings nicht umkehren, warnt Kiefer. „Man wird das Problem weder mit einer Zuckersteuer noch mit einem Werbeverbot allein lösen. Es braucht viele Maßnahmen, die einander ergänzen.“ Dazu gehöre auch, gesunde Entscheidungen im Alltag leichter zu machen. Denn wer wenig Geld, wenig Zeit oder eingeschränkten Zugang zu frischen Lebensmitteln und Bewegungsangeboten hat, startet unter anderen Voraussetzungen.



Gleiches Gewicht, unterschiedliches Risiko

Noch immer wird Adipositas häufig allein über den Body-Mass-Index, kurz BMI, definiert. Er setzt das Körpergewicht ins Verhältnis zur Körpergröße und bietet eine erste Orientierung. Für die gesundheitliche Einschätzung reicht er jedoch nicht aus. Zwei Menschen mit demselben BMI können eine sehr unterschiedliche Körperzusammensetzung und ein völlig anderes Erkrankungsrisiko haben. Entscheidend ist unter anderem, wo sich das Fettgewebe ansammelt. Besonders problematisch ist das viszerale Fett im Bauchraum. Es lagert sich rund um die inneren Organe ab, fördert entzündliche Prozesse und ist an der Entstehung von Insulinresistenz beteiligt. Mittlerweile sind mehr als 200 Erkrankungen beschrieben, die mit Adipositas in Verbindung stehen. Zu den bekanntesten zählen Typ-2-Diabetes, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen und die metabolisch bedingte Fettleber. Sie erhöhen wiederum das Risiko für koronare Herzkrankheit, Herzinfarkt und Schlaganfall. Auch das obstruktive Schlafapnoe-Syndrom tritt bei Menschen mit Adipositas besonders häufig auf. Hinzu kommen Erkrankungen des Bewegungsapparates: Knie, Hüften und Wirbelsäule werden mechanisch stärker belastet. Gleichzeitig können entzündliche Prozesse Gelenk­beschwerden zusätzlich verstärken. Weniger bekannt ist der Einfluss auf Fruchtbarkeit und Sexualität. Bei Frauen tritt das polyzystische Ovarialsyndrom häufiger auf, das mit Zyklusstörungen und unerfülltem Kinderwunsch verbunden sein kann. Männer mit Adipositas leiden öfter unter Testosteronmangel, Libidoverlust, Erektionsproblemen oder eingeschränkter Fruchtbarkeit. „Auch bestimmte Krebserkrankungen kommen bei Adipositas häufiger vor. Dazu zählen unter anderem Tumoren des Darms, der Gebärmutterschleimhaut, der Niere und der Brust. Dabei wirken vermutlich mehrere Mechanismen zusammen, etwa chronische Entzündung, veränderte Hormonspiegel und Störungen des Zuckerstoffwechsels“, erläutert Kiefer. Besonders eng ist zudem die Verbindung zur psychischen Gesundheit. Menschen mit Adipositas haben ein erhöhtes Risiko, an einer Depression zu erkranken. Umgekehrt können depressive Symptome, emotionales Essen, Bewegungsmangel oder bestimmte Medikamente eine Gewichtszunahme begünstigen.


Wann braucht es Medikamente?

Kaum ein Thema wird derzeit so intensiv diskutiert wie GLP-1-Rezeptoragonisten. Die ursprünglich zur Behandlung von Diabetes entwickelten Medikamente haben die Therapie der Adipositas in den vergangenen Jahren grundlegend verändert. Doch Kiefer warnt davor, sie als Wundermittel zu betrachten. „Diese Therapien sind keine Lifestyle-Produkte, sondern Medikamente zur Behandlung einer chronischen Erkrankung.“ Empfohlen werden sie bei einem Body-Mass-Index über 30 oder bereits ab einem BMI von 27 (jeweils kg/m2), wenn gleichzeitig Folgeerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck oder Schlafapnoe bestehen. Doch selbst dann entscheidet nicht allein die Zahl auf der Waage. „Man muss den gesamten Menschen betrachten. Wie sieht die Ernährung aus? Wie viel Bewegung findet statt? Gibt es andere Ursachen, warum jemand trotz geringer Kalorienzufuhr nicht abnimmt?“, so der Experte. Die Medikamente wirken vor allem, indem sie den Appetit reduzieren und das Sättigungsgefühl verstärken. Wer jedoch ohnehin nur wenig isst und aufgrund eines verlangsamten Stoffwechsels oder anderer Ursachen nicht abnimmt, profitiert davon häufig kaum. Deshalb brauche es vor jeder Therapie eine sorgfältige medizinische Abklärung. Ebenso wichtig sei die Begleitung während der Behandlung. „Es reicht nicht, jemandem einfach ein Rezept in die Hand zu drücken“, betont der Stoffwechselexperte. Ernährungsberatung, regelmäßige Bewegung und ärztliche Kontrollen seien unverzichtbar. Mit Sorge beobachtet Kiefer den zunehmenden Missbrauch der Medikamente durch Menschen ohne medizinische Indikation. Über Online-Plattformen würden Präparate teilweise unkompliziert verschrieben, obwohl weder Übergewicht noch Adipositas vorliegen. „Das ist aus medizinischer Sicht klar abzulehnen. Die Medikamente sollten Menschen vorbehalten bleiben, die sie aufgrund ihrer Erkrankung wirklich benötigen.“


Früh handeln statt warten

Adipositas entwickelt sich meist über Jahre – und genauso braucht auch ihre Behandlung Zeit. Umso wichtiger ist es, nicht erst zu handeln, wenn bereits Diabetes, Herzinfarkt oder andere schwere Folgeerkrankungen eingetreten sind. Kiefer verwendet dafür ein Bild aus dem Segelsport: „Dort sagt man: Wann sollte man das erste Mal daran denken, das Segel zu reffen, also die Segelfläche verkleinern, weil ein Sturm aufzieht? Die Antwort lautet: Genau in dem Moment, in dem man zum ersten Mal daran denkt.“ Ähnlich sei es bei Adipositas. Wer das Gefühl hat, das Gewicht trotz eigener Bemühungen nicht mehr kontrollieren zu können oder bereits im Alltag eingeschränkt ist, sollte sich professionelle Unterstützung holen. Je früher gegengesteuert wird, desto größer sind die Chancen, Folgeerkrankungen zu verhindern und die Lebensqualität langfristig zu verbessern.


Faszinierendes braunes Fett

Während weißes Fett Energie speichert, verbrennt braunes Fett Kalorien und erzeugt Wärme. Lange ging man davon aus, dass nur Babys darüber verfügen, um ihre Körpertemperatur aufrechtzuerhalten. Heute weiß man: Auch viele Erwachsene besitzen noch aktives braunes Fett. Seit mehr als 15 Jahren beschäftigt sich Prof. Priv.-Doz. Dr. Florian Kiefer mit diesem besonderen Organ. Seine Arbeitsgruppe konnte zeigen, dass Menschen mit Adipositas, die noch über aktives braunes Fett verfügen, metabolisch deutlich gesünder sind als gleich schwere Personen ohne dieses Gewebe. Sie haben ein geringeres Risiko für Diabetes, weniger Fettleber und insgesamt weniger Entzündungsprozesse im Körper. In einer aktuellen Studie konnte das Wiener Forschungsteam erstmals nachweisen, dass aktives braunes Fett mit deutlich weniger Entzündungen in der Gefäßwand verbunden ist – einer frühen Vorstufe der Arteriosklerose. Noch gibt es keine zugelassene Therapie, die braunes Fett gezielt aktiviert. Der wirksamste bekannte Reiz ist jedoch Kälte. In wissenschaftlichen Studien tragen die Probandinnen und Probanden spezielle Kühlwesten, deren Temperatur individuell angepasst wird. Ziel ist es, den Körper leicht abzukühlen, ohne Muskelzittern auszulösen. Hinweise deuten sogar darauf hin, dass regelmäßige Kältereize dazu beitragen könnten, dass braunes Fettgewebe wieder zunimmt. Auch nach einer erfolgreichen Gewichtsreduktion scheint sich das braune Fett teilweise zu regenerieren. Nach bariatrischen Operationen konnte Kiefers Arbeitsgruppe beobachten, dass sich die Menge des braunen Fettgewebes innerhalb eines Jahres nahezu verdoppelte. Ob dies ausschließlich an der Gewichts­abnahme oder zusätzlich an hormonellen Veränderungen nach dem Eingriff liegt, wird derzeit erforscht. Dennoch warnt Kiefer vor überzogenen Erwartungen: „Braunes Fett führt beim Menschen wahrscheinlich nicht zu einer massiven Gewichtsabnahme. Es könnte aber wesentlich dazu beitragen, den Stoffwechsel zu verbessern und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu senken.“


Text: Michaela Neubauer⎪Fotos: iStock _wongmbatuloyo; MedUni Wien-feelimage; UNSPLASH BY GETTY IMAGES, Vitalii Dumma, iStock_wongmbatuloyo, _Viktar Sarkisian

 

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