Grenzen existieren nur im Kopf

Ultracyclerin Elena Roch über mentale Stärke, große Träume und den Mut, einfach loszufahren.

 
 

Wenn Elena Roch auf dem Rad sitzt, geht es nicht nur um Kilometer oder Höhenmeter. Es geht um Grenzen – und darum, sie zu verschieben. Die gebürtige Niederösterreicherin aus Hollabrunn, die heute in Inzing in Tirol lebt, zählt mittlerweile zu den erfolgreichsten Ultracyclerinnen Europas. Ihr Weg in den Leistungssport begann aber nicht in einem Nachwuchskader, nicht mit Druck und nicht mit einem vorgezeichneten Karriereplan. Roch kommt nicht aus dem klassischen Leistungssport, sondern aus einer Bewegungskultur, die von Neugier und Freude geprägt war. Als Kind probierte sie Volleyball, Tennis und Voltigieren, später kam das Laufen dazu, erst viel später das Radfahren. Dass sie heute eine erfolgreiche Sportlerin ist, wirkt im Rückblick fast wie eine Entwicklung, die einfach immer konsequenter geworden ist.

Der erste Kontakt mit dem Rennrad war beinahe Zufall: Ein Job in einem Triathlonhotel und ein gebrauchtes Rad. Erst Jahre später sollte sich daraus eine Leidenschaft entwickeln, die ihr Leben prägt. Verletzungsbedingt verlagerte sie ihren Fokus zunehmend aufs Rad. Mit dem Ötz­taler Radmarathon setzte sie sich ein erstes großes Ziel und entdeckte dabei ihre Begeisterung für extreme Distanzen: „Mich hat fasziniert, einfach zu schauen: Was ist möglich?“

Der Sprung ins Ungewisse

Der Einstieg ins Ultracycling kam spontan. Während der Corona-Pandemie meldete sich Roch aus dem Bauch heraus für das Race Around Nieder­österreich an: 600 Kilometer, 6.000 Höhenmeter. „Eigentlich war das als einmaliges Projekt gedacht. Ich war mir gar nicht sicher, ob ich das schaffe“, erzählt Roch. Sie schaffte es aber nicht nur, sondern gewann auf Anhieb. Ein emotionaler Moment, getragen von Teamgeist und dem Gefühl, über sich hinausgewachsen zu sein: „Da habe ich gemerkt, dass viele Grenzen, die wir uns setzen, nur im Kopf existieren!“

Was folgte, war eine steile Entwicklung: Staatsmeistertitel, Europa- und Weltmeistertitel sowie 2024 auch der Gesamtsieg beim Race Around Austria. Dabei war sie nicht nur die schnellste Dame, sondern auch deutlich schneller als alle Herren. Dieser Erfolg sorgte im Anschluss für Aufmerksamkeit weit über die Rad-Szene hinaus. „Mir selbst hat der Gesamtsieg gar nicht so viel bedeutet. Aber medial hat das eine Eigendynamik entwickelt – auch weil es zeigt, wozu Frauen fähig sind“, ist Elena Roch überzeugt.

Trotz ihrer sportlichen Erfolge ist Roch keine Profisportlerin im klassischen Sinn. Sie arbeitet im Marketing und Projektmanagement und ist zusätzlich selbstständig tätig, unter anderem mit Mentaltrainings, Workshops und Rennradcamps speziell für Frauen. Ihr Trainingsalltag ist strukturiert, aber realitätsnah: Unter der Woche kombiniert sie Einheiten oft mit dem Arbeitsweg, am Wochenende stehen lange Ausfahrten an. Im Sommer investiert sie bis zu 25 Stunden pro Woche ins Training, ergänzt durch Kraft- und Mobilisationseinheiten. Doch genauso wichtig wie die Belastung ist die Regeneration. „Das ist oft der Punkt, der zu kurz kommt“, sagt sie ehrlich. Unterstützung bekommt sie dabei von ihrem Trainer und durch bewusste Achtsamkeit im Alltag.

Wenn der Kopf entscheidet

Im Ultracycling wird mentale Stärke oft als entscheidender Faktor bezeichnet. Für Roch ist klar: „Das Training ist mit Sicherheit die wichtigste Basis – aber wenn alle gut trainiert sind, macht schon oft auch der Kopf den Unterschied!“ Besonders in den unvermeidbaren Tiefphasen, oft mitten in der Nacht, zeigt sich diese mentale Stärke. „Zwischen vier und sechs Uhr früh wird es meistens richtig hart.“ Dann helfen ihr klare Strategien: Zielbilder, Visualisierung, das bewusste Erinnern an den eigenen Antrieb. „Ich stelle mir mit allen Sinnen den Zieleinlauf oder einen Sonnenaufgang vor. Das holt mich wieder zurück.“

Der Spagat zwischen Beruf, Sport und Privatleben ist für Roch eine permanente Herausforderung, über die sie aber ganz offen spricht: „Man schafft es nicht, alles perfekt unter einen Hut zu bringen. Das ist meiner Meinung nach eine Illusion.“ Stattdessen setzt sie auf bewusste Prioritäten und langfristige Balance. Denn bei aller Leidenschaft für den Sport ist ihr eines besonders wichtig: Authentizität und Lebensqualität. „Nur auf Leistung zu fokussieren und alles andere auszublenden, macht auf Dauer nicht glücklich.“

Frauen im Radsport stärken

Ein besonderes Anliegen ist ihr die Förderung von Frauen im Radsport. Obwohl sich in den letzten Jahren viel getan hat, sieht Elena Roch weiterhin große Unterschiede, etwa bei Preisgeldern oder Rennformaten. Vor allem aber geht es ihr um Selbstvertrauen: „Frauen zweifeln oft zu viel an sich. Männer machen einfach. Ich möchte Frauen ermutigen, mehr auf ihr Bauchgefühl zu hören und sich etwas zuzutrauen.“ Ihre Botschaft ist klar: „Wenn dieses Kribbeln da ist – mach es einfach. Auch wenn es Angst macht. Mut heißt nicht, keine Angst zu haben, sondern dass er größer ist.“

Die nächsten Ziele sind bereits gesetzt. Nach einer verletzungsbedingten Pause möchte Elena Roch das legendäre Race Across America in Angriff nehmen. Auch andere internationale Rennen reizen sie, ebenso wie neue Länder, neue Strecken und neue Herausforderungen. Parallel möchte sie ihre eigenen Projekte weiter ausbauen, insbesondere ihre Radcamps für Frauen. „Ich möchte meine Erfahrungen weitergeben und anderen ermög­lichen, über sich hinauszuwachsen.“

Was bleibt, ist ihre Definition von Erfolg, fernab von Medaillen und Titeln. „Seinen eigenen Weg zu gehen und sich dabei gut zu fühlen. Und nie zu vergessen, was einem wirklich wichtig ist“, sagt die 32-jährige Ultraathletin aus voller Überzeugung.

Elena Roch zählt zu den erfolgreichsten Ultracyclerinnen Europas– und fährt auch den Männern davon.


Text: Werner Schrittwieser⎪Fotos: www.alexzauner.com, KatjaPokorn, Martin Granadia, Steiger

 

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