„Wir sind beste Freunde“
Ein Geheimrezept für eine erfüllte Partnerschaft gibt es nicht. Aber ein paar Zutaten, die eine Beziehung gelingen lassen. Gut miteinander streiten zu können, zum Beispiel. Und den anderen nie als selbstverständlich sehen.
„Man soll den anderen nie als selbstverständlich sehen, wie ein Inventar oder Möbelstück.“
Andrea und Ali
Andrea und Ali sind seit 49 Jahren verheiratet, und noch länger bringt Ali seiner Andrea fast jede Woche Blumen mit. „Jedes Mal andere, aber Gerbera sind immer dabei“, sagt Ali, „das sind nämlich ihre Lieblingsblumen.“ Überhaupt, Ali kommt oft mit kleinen Aufmerksamkeiten nach Hause. Manchmal sogar mit einer Bluse oder einem Rock. „Er kennt meinen Geschmack“, sagt Andrea und lacht. Und er bringt ihr Dekofrösche, die Andrea sammelt und die in allen Variationen auf einem Regal in der Wohnung des Ehepaars in Wien Hetzendorf stehen. Eine Wohnung, die voll von Erinnerungen aus fünf gemeinsamen Jahrzehnten ist. Mit Fotos ihrer vier erwachsenen Kinder und der drei Enkel, Mitbringsel von Alis Reisen als Fotograf, Erinnerungsstücken aus Andreas Job im diplomatischen Dienst.
Dabei dachte Andrea als junge Frau nicht daran, Ali zu heiraten. Die beiden kannten sich aus Kindertagen und trafen sich an einem Abend beim Heurigen in Perchtoldsdorf wieder, damals war Andrea 15. „Mich hat der Blitz getroffen“, erinnert sich Ali. „Ich hab ihn zuerst nicht leiden können. Aber er blieb hartnäckig“, sagt Andrea, lacht und zeigt das Hochzeitsfoto, das auf einer Holzkommode im Wohnzimmer steht. Eine junge Andrea im weißen Kleid lehnt sich an Ali, der schon damals Schnurrbart trägt. „Mein Hochzeitskleid habe ich selbst entworfen, meine Freundinnen haben es genäht, mein Vater bezahlt.“
Nicht nur über Organisatorisches reden
Seit 49 Jahren sind Andrea und Ali verheiratet, haben vier Kinder und drei Enkelkinder.
Andrea und Ali sagen: „Wir sind beste Freunde. Deswegen funktioniert unsere Ehe so gut.“ Dass es auch Hochs und Tiefs gab: Klar. Ali war beruflich viel unterwegs, oft über Wochen. Andrea allein mit den Kindern. „Ich habe die ganze Care-Arbeit gemacht. Und wenn Ali zurückgekommen ist, dauerte es erst einmal, bis er sich wieder in die Familie eingefügt hat.“ Das richtige Maß von Abstand und Nähe hat die beiden immer schon beschäftigt. Andrea, die gern kocht, hält es nicht aus, wenn Ali mit ihr in der kleinen Küche steht. Auch in der Zwei-Zimmer-Innenstadtwohnung, die sie während der Pandemie bewohnt haben, war es ihnen zu eng. Dafür sitzen sie jeden Tag beim Frühstück zusammen, und nachmittags bei einem Glas Whiskey. Sie verbringen gern Zeit miteinander und reden. „Fad ist uns nie“, sagt Ali.
Gibt es ein Geheimrezept für eine erfüllte Partnerschaft, wie Andrea und Ali sie leben? Wahrscheinlich nicht. Aber ein paar Zutaten, die die Wahrscheinlichkeit dafür erhöhen. „Das Wichtigste ist die Kommunikation. Und zwar ausreichend viel davon“, sagt Dr. Romana Wimmer, MSc, Primaria der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin am Landesklinikum Baden-Mödling. Viele Paare würden zwar miteinander reden, vor allem aber, um ihren Alltag zu organisieren. Wer geht einkaufen? Wann sind die Kinder abzuholen? Wer besorgt das Geschenk für die Oma? „Das Organisatorische kann schnell überhand nehmen. Deshalb ist es auch so wichtig, dass sich Paare Zeit
nehmen, um sich wirklich auszutauschen.“
Prim. Dr. Romana Wimmer, MSc, Landesklinikum Baden-Mödling
„Das Wichtigste ist die Kommunikation. Und zwar ausreichend viel davon.“
Es geht nie nur um die Socken
Echtes Interesse für den Partner, die Partnerin spiegle sich in Fragen wider wie: „Was beschäftigt dich gerade? Wie ist dir zumute?“ Weil tiefe Gespräche selten zwischen Tür und Angel funktionieren, empfiehlt Wimmer, sich bewusst Zeit dafür einzuplanen. Das kann eine regelmäßige Date-Night sein, ein Spaziergang oder ein gemeinsames Frühstück. Hauptsache, man widmet sich der Partnerin oder dem Partner ohne Ablenkung. „Man soll den anderen nie als selbstverständlich sehen, wie ein Inventar oder Möbelstück.“ Wimmer weiß, wie schnell das – im Alltag mit Beruf und Familie – gehen kann. Wenn Paare sich auseinandergelebt haben, wie sie es im Nachhinein oft formulieren, sei das meistens genau darauf zurückzuführen: Sie haben ihrer Partnerschaft nicht den Wert eingeräumt, den diese haben sollte.
Ist eine gesunde Partnerschaft eine ohne Streit? Im Gegenteil, sagt Romana Wimmer: „Streiten gehört dazu.“ Warum aber sind es oft Kleinigkeiten, die zum großen Konflikt führen? Sind herumliegende Socken, ein vergessener Müllsack oder die offene Zahnpastatube nicht lächerliche Gründe für einen Streit? „Es geht nie nur um die Socken. Dahinter stecken meist andere Dinge. Zum Beispiel, dass sich einer nicht gesehen oder verstanden fühlt. Oder die ungleiche Verteilung von Arbeitslast in der Beziehung.“
Veränderungen als Chance
Ein guter Umgang mit Konflikten beinhaltet auch: Akzeptieren, dass man nicht immer einer Meinung ist und das auch auszuhalten. Darauf achten, dass man den anderen nicht mit Vorwürfen bombardiert, sondern Ich-Botschaften formuliert. Und wenn man in einer Konfliktspirale feststeckt und nicht rauskommt: sich therapeutische Hilfe zu suchen. „Oft helfen schon drei, vier Paartherapiestunden, um wieder einen neuen Blickwinkel zu bekommen.“ Paare, die schon lange miteinander durchs Leben gehen, wissen, wie herausfordernd sogenannte Life-Events sein können. Ein Umzug, die Geburt eines Kindes, Arbeitslosigkeit, ein Jobwechsel, die Pensionierung eines Partners oder eine schwere Krankheit. „Solche Ereignisse verändern die Spielregeln einer Partnerschaft“, sagt Wimmer. „Die brauchen besondere Aufmerksamkeit. Sie erfordern, dass sich die Partner gemeinsam an die neue Situation anpassen, was auch eine Chance für die Beziehung sein kann.“
Andrea und Ali haben in den fast fünfzig Jahren ihrer Beziehung schon einige dieser durchrüttelnden Life-Events bewältigt. Dass ihre Ehe immer noch besteht und so gut funktioniert, sehen sie als etwas Besonderes. Auch weil sie mitbekommen, wie viele Paare in ihrem Umfeld sich im Laufe der Zeit getrennt haben. „Wir ticken einfach gleich“, sagt Andrea. Sie zeigt das Geschenk, das ihr Ali an diesem Tag vom Einkaufen mitgebracht hat: einen Regenschirm mit Fröschen drauf.
JAHRELANG GLÜCKLICH:
Paare erzählen
JUANITA UND ERICH
Vom ersten Kennenlernen bis zur Hochzeit dauerte es bei Juanita und Erich nur sieben Monate. Erich traf Juanita das erste Mal vor 21 Jahren auf einer Dienstreise in ihrer Heimat Kolumbien. „Wir haben schnell entschieden, dass es passt.“ „Gegensätze ziehen sich an“ sei ein Spruch, der für ihre Beziehung perfekt zutrifft, finden die beiden. Weil sie aus verschiedenen Kulturen stammen und weil sie charakterlich sehr unterschiedlich sind: Juanita ist immer laut und situationselastisch, fröhlich und spontan. Erich strukturiert, genau und pünktlich.
„Ein perfektes Gleichgewicht.“ Dass es so gut zwischen ihnen klappt, liege unter anderem daran, dass sie einander Freiräume für Hobbys, Beruf und Interessen geben. „Erich ist beruflich viel unterwegs, ich bin auch sehr eingespannt. Wenn wir uns dann wieder treffen, erzählen wir uns all das, was wir erlebt haben.“ Konflikte klären sie sofort, nachtragend sei keiner von ihnen. „Wir reden und dann vergessen wir es auch gleich“, sagt Juanita. Beide finden es wichtig, zu akzeptieren, dass sie sich weiterentwickeln. Und überhaupt, dass sich das Leben laufend verändert. „Wir werden älter, unsere Tochter geht gerade außer Haus“, sagt Erich. „All das können wir nicht kontrollieren.“ Apropos Tochter: „Wir haben ein Kind, aber wir haben auf uns als Paar nie vergessen.“
ASTRID UND TIBOR
Als Astrid und Tibor einander das erste Mal zwischen Tür und Angel im Büro begegneten, war es um Astrid sofort geschehen. „Die Lampen haben zu leuchten begonnen, und ich wusste: Heute habe ich den Vater meiner Kinder kennen gelernt.“ Wenige Tage später trafen sie einander beim Fortgehen wieder – seit diesem Abend vor 28 Jahren sind sie zusammen.
Vier Jahre später heirateten sie, in Las Vegas mit allem Drum und Dran: Stretch-Limousine und Elvis-Imitator als Reverend. 2004 kam die gemeinsame Tochter auf die Welt. Auch heute sagen sie: „Wir sind unzertrennlich und füreinander die Liebe des Lebens.“ Warum es seit fast dreißig Jahren so gut zwischen ihnen funktioniert? „Erstens, weil wir uns sehr lieben“, sagt Astrid. „Und weil wir beide stabile Persönlichkeiten sind.“ Das Leben mit seinen Höhen und Tiefen sei ohnehin anstrengend, da sei es umso wichtiger, wenn der Mensch an der Seite geduldig sei, über ein gewisses Maß an Reife und über Durchhaltevermögen verfüge. Darüber hinaus teilen Astrid und Tibor ihre Leidenschaft für Kampfkunst. Für die zeitaufwendigen Trainings und ihre anderen Hobbys geben sie einander den nötigen Freiraum. „Und wir reisen gern zusammen. Viel und am liebsten auch sehr abenteuerlich.“
GLORIA UND PAULO
Das Leben von Gloria und ihrem Mann Paulo wird sich bald verändern: In wenigen Wochen erwarten sie ihr erstes Kind. „Wir nutzen die Zeit bis zur Geburt noch so richtig aus und gehen viel auf Dates“, erzählt Gloria. Tanzen, Kabarett, Musical: Für gemeinsame Aktivitäten haben die beiden schon länger ein eigenes Date-Budget eingerichtet. Denn sich füreinander bewusst Zeit zu nehmen, ist dem Ehepaar sehr wichtig. Kennengelernt haben sich Gloria und Paulo 2019 in Madrid, wo beide studierten. 2023 heirateten sie in Paulos Heimat Mexiko. Dass sie aus unterschiedlichen Kulturen stammen, war von Anfang an ein großes Thema, angefangen bei der Sprache. „Wir haben irgendwann entschieden, dass es fair ist, wenn wir auf Englisch streiten, weil das für uns beide eine Fremdsprache ist.“ Die erste Zeit führten sie eine Fernbeziehung, deshalb war Reden von Beginn an einer der Grundsteine ihrer Beziehung. „Wir teilen einander alles mit, sind ehrlich zueinander und sagen Danke auch für die kleinen Dinge, zum Beispiel dafür, dass der andere den Geschirrspüler ausräumt.“ Der Glaube an Gott, den sie teilen, ist für Gloria und Paulo sehr wichtig. Und das Wissen, dass sie zueinander Ja gesagt haben – „nicht nur aus einer Emotion heraus, sondern weil wir uns bewusst dafür entschieden haben.“
EVA UND HARALD
Eva und Harald, ein Paar seit 18 Jahren, sind ein großer Fan von Ritualen. „Wir gehen jeden Tag gemeinsam schlafen und stehen zusammen auf, wir frühstücken gemeinsam und stellen einander seit zehn Jahren dieselben fünf Fragen.“ Für ihre fünf Fragen nehmen sie sich wöchentlich Zeit, darunter: Worauf bist du stolz? Wofür bist du dankbar? Was macht dir Gedanken? „Wir erleben oft, dass Menschen erst miteinander reden, wenn es ein Problem gibt.“ Mit den fünf Fragen reden Eva und Harald über ihre Wünsche, Vorstellungen und Hoffnungen und stärken ihre Vertrautheit miteinander. „Ich fühle mich von Harald als Menschen liebevoll gesehen. Er mag, was ich mache, wie ich denke und ticke“, sagt Eva.
Ob sie diese gute Kommunikationsbasis vor Konflikten bewahrt? Streiten, sagen beide, gehöre zu einer Beziehung dazu. Meist seien es die kleinen Dinge, die zum Streit führen. Aber egal, was es ist: „Wir würden nie im Streit auseinander oder schlafen gehen“, sagt Harald. „Wir klären das, auch wenn es manchmal bis drei Uhr in der Früh dauert.“
Text: Sandra Lobnig⎪Fotos: Barbara Nidetzky, privat