Zeit für mich

Frauen kümmern sich um Kinder, Familie, Angehörige und oft ganz selbstverständlich um die Gesundheit anderer. Die eigene bleibt dabei schnell auf der Strecke. In Kreuzstetten zeigt sich, wie eine Gemeinde Frauen dabei unterstützen kann, sich selbst wieder stärker in den Mittelpunkt zu stellen.

Bei der Themenwanderung „Unsichtbare Frauen“ wird über Benachteiligungen von Frauen in der Gesellschaft diskutiert.

Ein Kindergeburtstag steht bevor. Ein Tag im Kalender, der eine ganze Kette kleiner Aufgaben in Gang setzt: Einladung lesen, Geschenk besorgen, überlegen, wie das Kind hinkommt, wer es abholt, ob an diesem Tag noch ein anderer Termin ansteht und was dafür gebraucht wird. Zusammengenommen ergeben diese kleinen Aufgaben jene unsichtbare Organisationsarbeit, die in vielen Familien noch immer überwiegend Frauen übernehmen. „Man hat nicht eine Gartenhütte aufgebaut, die dann dasteht und bei der jeder sagt: ‚Wow, wie toll‘“, bringt es Mag. Judith delle Grazie, Ortsvorsteherin für Niederkreuzstetten und Leiterin der Abteilung Gesundheitsförderung und Prävention im Gesundheitsministerium, auf den Punkt. „Man hat einfach geschaut, dass die Kinder ihr Schul- und Freizeitprogramm abwickeln, dass der Alltag läuft und dass es etwas zu essen gibt.“ Eine Leistung, die häufig erst auffällt, wenn sie nicht mehr erbracht wird. Genau dort setzt die Marktgemeinde Kreuzstetten mit ihren Angeboten an. Gesundheit soll nicht erst dann zum Thema werden, wenn jemand krank wird. Es geht um Bewegung und Ernährung und insbesondere um psychische Gesundheit, soziale Kontakte, Vereinbarkeit und die Frage: Was brauchen Frauen eigentlich selbst?

 

Mag. Judith delle Grazie, Ortsvorsteherin und Abteilungsleiterin im Gesundheitsministerium

 

Gesundheit vor der Haustür

Dass Frauen dabei besonders in den Fokus rückten, entwickelte sich aus dem Gemeindeleben heraus. „Es ist aufgefallen, dass Frauen großes Interesse an Prävention und Gesundheitsförderung haben, die Angebote für sie aber oft nicht einfach umsetzbar sind“, erzählt Sabrina Seidl-Koch, MSc, Vizebürgermeisterin der Marktgemeinde Kreuzstetten. Kinderbetreuung, Beruf und knappe Zeitfenster können selbst einen einstündigen Kurs zur organisatorischen Herausforderung machen. Deshalb wird bei Angeboten der „Gesunden Gemeinde“ auch darauf geachtet, wann sie stattfinden: vormittags, wenn Kinder in Kindergarten oder Schule sind, oder abends, wenn eher ein Partner die Betreuung übernehmen kann. Über die Jahre ist ein breites Angebot entstanden. Ein ursprünglich als Beckenbodentraining gestarteter Kurs entwickelte sich zu „Yoga für die Frau“ und besteht seit mehr als zehn Jahren. Dazu kamen Mentaltraining und Themenwanderungen, bei denen neben Gesundheit auch gesellschaftliche Fragen diskutiert werden. Gesundheitsförderung bedeutet für Seidl-Koch und delle Grazie deshalb mehr als Sportkurse anzubieten. „Die Gemeinde ist das Glied, mit dem es gelingt, von der Theorie in die Praxis zu kommen“, sagt delle Grazie. Denn vor Ort lassen sich Angebote dort schaffen, wo Menschen ihren Alltag verbringen – ohne lange Anfahrtswege und zusätzliche Organisation.

Ein Beispiel dafür ist der Frauenstammtisch. Jeden dritten Donnerstag im Monat treffen sich Frauen in unkompliziertem Rahmen in einem Lokal im Ort. Im Durchschnitt kommen fünf bis zehn Teilnehmerinnen, manche regelmäßig, andere sporadisch. „Wir versuchen, ein möglichst niederschwelliges Angebot in die Ortschaft zu bringen“, erzählt Seidl-Koch. Es gibt keine Verpflichtung, etwas Persönliches erzählen zu müssen. „Man kann sich einfach hinsetzen und muss gar nichts sagen.“ Häufig entstehe das Thema des Abends ohnehin von selbst. Dann wird über Familie und Beruf gesprochen, über Bücher und Filme, psychische Gesundheit oder Herausforderungen mit den Kindern. Eine Frau erzählt von einem Problem, eine andere hat etwas Ähnliches bereits erlebt und berichtet, was ihr geholfen hat. Daneben gibt es Schwerpunktabende mit vorbereiteten Themen oder Expertinnen, die einen Impuls geben und anschließend mit den Frauen diskutieren.

 

Sabrina Seidl-Koch, MSc
Vizebürgermeisterin

 

Wenn Care-Arbeit krank macht

Ein Thema zieht sich dabei immer wieder durch: Care-Arbeit. Kinder betreuen, Angehörige pflegen, den Alltag organisieren: Vieles davon geschieht nebenbei und unbezahlt. „Es geht auch darum, dass diese unsichtbare Arbeit wahrgenommen wird“, sagt delle Grazie. Nicht nur von den Frauen selbst, sondern ebenso von Partnern, Gesellschaft und Politik. Denn permanente Verantwortung kann zur Belastung für die eigene Gesundheit werden. Seidl-Koch sieht deshalb gerade beim Zusammenspiel von Care-Arbeit, psychischer Belastung und Burnout weiteren Handlungsbedarf. „Wichtig ist das Bewusstsein, dass man für sich selbst etwas tun darf – ohne schlechtes Gewissen.“ Dazu gehört auch, über Strukturen zu sprechen. Beide Frauen engagierten sich ursprünglich kommunalpolitisch, weil sie erlebten, wie schwierig Anliegen rund um Familie und Kinderbetreuung teils durchzusetzen waren. Gerade im ländlichen Raum entscheidet eine ausreichende Kinderbetreuung mit darüber, welche beruflichen Möglichkeiten Mütter haben. Wer für den Arbeitsplatz pendeln muss, dem helfen Öffnungszeiten von acht bis 16 Uhr nur begrenzt. Das hat langfristig auch gesundheitliche und soziale Auswirkungen. Weniger Erwerbsarbeit bedeutet weniger Einkommen und häufig eine niedrigere Pension. Altersarmut ist daher eines jener Themen, die delle Grazie im Zusammenhang mit Frauengesundheit stärker diskutiert sehen möchte. Auch frauenspezifische medizinische Versorgung, die Wechseljahre und psychische Belastungen und der Mental Load von Frauen würden ihrer Ansicht nach zu häufig im Hintergrund bleiben.



Ein Dorf der kurzen Wege

Wie stark Gesundheit und Lebensbedingungen zusammenhängen, zeigt in Kreuzstetten auch ein Projekt abseits klassischer Gesundheitsförderung. Mit „Arbeit im Dorf“ wurde ein Leerstand genutzt, um Arbeitsplätze und Praxisräume direkt im Ort zu schaffen. Heute arbeiten dort unter anderem eine Physio- und eine Psychotherapeutin,  eine Hebamme, eine Kosmetikerin und eine Fußpflegerin. Besonders für Frauen und junge Mütter könne die Möglichkeit, wohnortnah zu arbeiten oder sich selbstständig zu machen, vieles erleichtern. Gleichzeitig profitiert die Gemeinde von zusätzlicher Infrastruktur. Auch bei den Gesundheitsangeboten sollen künftig weitere Gruppen angesprochen werden. Geplant sind unter anderem neue Themenwanderungen – darunter bewusst auch ein Angebot für Männer. Daneben sollen ältere Menschen stärker in den Fokus rücken. Mit Angeboten wie dem LIMA-Programm und Community Nursing sollen Gesundheit, soziale Teilhabe und auch Einsamkeit im Alter thematisiert werden. „Die eigene Gesundheit ist das Fundament für alles andere“, sagt Seidl-Koch. Sich Zeit für Bewegung, psychische Gesundheit, Freundschaften oder berufliche Interessen zu nehmen, sei deshalb kein Luxus. Ebenso wenig gebe es nur einen richtigen Lebensentwurf. Manche Frauen möchten sich überwiegend ihrer Familie widmen, andere möchten zusätzlich die Herausforderung und Abwechslung des Berufslebens. „Das sollte alles okay sein.“


Text: Michaela Neubauer⎪Foto: Beigestellt

 

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