Auf den Spuren der Ahnen
Spektakuläre Geheimnisse lüftet man selten, wenn man die Geschichte der eigenen Familie erforscht. Spannend ist es trotzdem. Und heute so einfach wie nie zuvor.
Ina Sabitzer wollte ihrem Vater zum 80. Geburtstag ein besonderes Geschenk machen. Ein Stammbaum sollte es sein, die Familiengeschichte visuell aufbereitet. „Von der Familie meiner Mutter wissen wir fast alles“, sagt Ina Sabitzer. „Mein Vater hat nie viel erzählt. Er stammt aus einer Familie, in der vieles totgeschwiegen wurde.“ Eine Freundin erzählte Sabitzer von einer Ahnenforscherin, die ihr die komplette Familiengeschichte aufrollen konnte. „Zweige der Familie führten bis nach Amerika. Meine Freundin hat sogar noch lebende Verwandte dort gefunden. Das hat mich sehr fasziniert.“ Sabitzer macht sich auf die Suche nach alten Unterlagen – und findet nicht viel. „Einen Ahnennachweis, die Namen meiner Großeltern sowie weiterer naher Verwandter und ein paar wenige weitere Informationen hatten wir.“ Das Spärliche, das sie gefunden hat, leitet sie an die Genealogin Barbara Timmermann weiter, die auch die Ahnen ihrer Freundin erforscht hat. „Es war unglaublich, wie schnell Barbara die ersten Informationen lieferte.“ Pünktlich zum Achtziger des Vaters war der Stammbaum fertig.
Barbara Timmermann, Ahnenforscherin,
www.familyroots.at
„Irgendeinen Anhaltspunkt muss es geben, sonst funktioniert es nicht. Für mich ist ganz wichtig, dass ich für alles zwei Primärquellen finde.“
Archive online
Ahnenforschung boomt. Viele Menschen möchten mehr über ihre Vorfahren erfahren, und das ist heute einfacher als jemals zuvor. Archive und Datenbanken sind häufig online von zu Hause aus einsehbar. Darüber hinaus gibt es DNA-Analysen, die versprechen, die geographische Herkunft zu entschlüsseln und genetische Verwandte ausfindig zu machen. Barbara Timmermann erforscht seit über zwanzig Jahren die Vergangenheit und hat schon so manches Geheimnis gelöst und verschollene Familienmitglieder aufgespürt. An Timmermann wenden sich Leute mit ganz unterschiedlichen Anfragen. „Ein Museumsbesucher entdeckte auf einem Gemälde einer europäischen Schlacht seinen eigenen Familiennamen auf einer Fahne. Er wollte wissen, ob eine Person aus seiner Blutlinie in die Schlacht involviert war, als Fahnenträger oder General.“ Was ihre Klientinnen und Klienten sonst schon an sie herangetragen haben: Mein Großvater wurde nach der Geburt weggegeben. Wer ist seine Mutter? Was ist aus meinem Schwiegervater geworden, der als russischer Soldat in Österreich desertierte und von dem nur der Name und das Geburtsdatum bekannt sind? Wie lange ist der Hof, auf dem meine Familie seit Generationen lebt, in Familienbesitz? Und: Es hat immer geheißen, unsere Familie sei adelig. Stimmt das?
Viele Archive sind digitalisiert: Das macht das Erstellen eines Stammbaums einfacher.
Ahnen bis 1700 zurückverfolgen
Timmermann übersetzt Briefe in Kurrentschrift, studiert und interpretiert alte Fotografien und erstellt Stammbäume. Je nach Region und verfügbaren Informationen erforscht sie Ahnen bis 1700. In einem ersten Kennenlerngespräch verschafft sie sich einen Überblick. Daraufhin wägt sie ab: Wie gut stehen die Chancen, die gewünschten Informationen zu bekommen? Besteht ein Mindestmaß an Erfolgsaussicht? „Irgendeinen Anhaltspunkt muss es geben, sonst funktioniert es nicht.“ Das können ein schriftliches Dokument oder andere Unterlagen sein, von denen die Recherche ihren Ausgangspunkt nimmt. „Als Erstes sage ich meinen Kunden aber immer: Ich kann nichts versprechen.“ Timmermann arbeitet gewissenhaft, was sie herausfindet, muss gesichert sein, bevor sie es weitergibt. „Für mich ist ganz wichtig, dass ich für alles zwei Primärquellen finde.“
Alte Generation blockte ab
Die Menschen, die sich an Barbara Timmermann wenden, gehören meist zu jener Generation, die nach dem Krieg aufgewachsen ist. „Die Generation, die in den 1910er, 20er oder 30er geboren wurde, hatte oft Angst, dass man aus dem Krieg etwas findet, was sie lieber nicht wissen oder zeigen möchten. Oder aber sie fürchteten, man findet heraus, sie waren arme Bauern und hatten nichts zu bieten.“ Solange sie lebten, blockten sie oft ab, wenn die Jüngeren nachfragten. Diese nehmen die Spur nun wieder auf. Sie verfügen über die nötige Distanz und können mit eventuellen unangenehmen Geheimnissen in der Familiengeschichte umgehen. „Nach dem Motto ‚It is what it is‘, ‚Wie es ist, so ist es‘.“
Eine der wichtigsten Quellen in der Ahnenforschung sind Pfarrmatriken. Vor der Errichtung von Standesämtern in 1938 dienten diese als allgemeine Meldeämter. Dort wurde eingetragen, wann jemand geboren wurde, wie die Eltern heißen, das Heirats- und das Sterbedatum – und das nicht nur von Katholiken, sondern auch Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften. Manch besonders eifriger Pfarrsekretär notierte zu den Personen sogar den kompletten Lebenslauf. Hin und wieder ist Barbara Timmermann international unterwegs. Weil aber viele Archive und Quellen heute bereits digitalisiert sind, ist das nur noch selten notwendig. „Aber digital bin ich international oft ‚unterwegs‘ – allein in den Ländern der ehemaligen k.u.k. Monarchie.“
Briefe aus dem Konzentrationslager
Die Spurensuche kann Spaß machen. Woher stammt der Familienname? Wo haben die Vorfahren gelebt?
Als Genealogin sucht man nicht nur Informationen, sondern taucht für kurze Zeit in ganze Schicksale ein. Das sei spannend, sagt Barbara Timmermann, mitunter aber belastend. Etwa wenn sie Briefe aus dem Konzentrationslager oder aus der Kriegsgefangenschaft liest und genau weiß, dass der Schreiber oder die Schreiberin drei Wochen später ermordet wurde. „Solche Briefe gibt es viele. Oft sind sie beschönigend, wenn es darin heißt ‚Mach dir keine Sorgen‘.“ Für ihre Kundinnen und Kunden setzt Timmermann das, was sie herausfindet, in den historischen Kontext: Wie sahen die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse zu jener Zeit aus? Wie wirkten sie sich auf die einzelnen Biographien aus? Die Reaktionen ihrer Kundinnen und Kunden auf das, was Barbara Timmermann ans Licht bringt, seien unterschiedlich, erzählt sie. Viele seien dankbar, andere überrascht. Oft würden sich Aha-Momente einstellen. Etwa wenn die Geschichten, die die Oma immer erzählte, auf einmal in einen größeren Zusammenhang gebracht werden können.
Verwandt mit Peter Rosegger
Selten findet Timmermann in der Vergangenheit etwas richtig Spektakuläres. „Manche denken, sie hätten einen Massenmörder, andere, sie hätten eine VIP in der Familie.“ Das sei meistens nicht der Fall. Bei Ina Sabitzer aber doch. Irgendwie. „Wir wussten, dass es in meiner Familie eine Verbindung zu Peter Rosegger gab. Barbara hat herausgefunden, dass mein Urgroßvater der Cousin fünften Grades von Peter Rosegger war.“ Darüber hinaus fand sich in der Recherche wenig Spektakuläres. Dafür war es umso berührender für Ina Sabitzer, mit ihrem Vater zusammenzusitzen, der mit dem Stammbaum ins Erzählen kam. „Wir haben viel gelacht und gestaunt, wie viele uneheliche Kinder es gab. Das war damals durchaus üblicher, als man denkt.“ Vor allem aber stärkte das gemeinsame Eintauchen in die Vergangenheit der Familie die Nähe zwischen Vater und Tochter. Und das war für beide das größte Geschenk.
Die eigene Familiengeschichte erforschen
Wer sich auf die Spuren seiner Familie begeben möchte, muss dafür nicht unbedingt eine Genealogin beauftragen. Man kann auch auf eigene Faust viel herausfinden.
Barbara Timmermann, die auch Seminare zur Ahnenforschung anbietet, empfiehlt, sich einfach zu trauen und mit der Recherche zu starten. Ein guter Ausgangspunkt sind Geburts- und Heiratsurkunden, Fotos oder andere Dokumente wie Tagebücher oder Postkarten.
Möglicherweise finden auch andere Familienmitglieder solche Unterlagen auf dem Dachboden, in einer Bettlade oder im Keller. Deswegen bei ihnen nachfragen.
Aber selbst ausgehend von nur einem Namen und einem Geburtsdatum kann man schon viel herausfinden.Eine der wichtigsten Quellen sind lebende Verwandte. Deswegen am besten die Oma, den Großonkel oder den Urgroßvater erzählen lassen oder gezielt nach Verwandten und Ereignissen befragen.
Viele Matriken und andere Archive sind digital zugänglich. Oft gratis, manchmal gegen Gebühr.
Umfangreiche Fremdsprachenkenntnisse sind nicht notwendig, aber wichtige Wörter (zum Beispiel Ehefrau, Ehemann) in relevanten Sprachen (Latein, Ungarisch…) helfen bei der Recherche. Mit etwas Übung kann man auch Kurrentschrift entziffern. Ansonsten helfen KI-Programme.
Apropos Sprache: Kleine Namensänderungen im Laufe der Zeit sind häufig. Aus „Mayer“ wurde möglicherweise „Maier“ – und es handelt sich immer noch um dieselbe Familie.
Spezielle Stammbaumprogramme unterstützen die Recherche digital.
DNA-Kits für zuhause: Mehr als ein Gag?
Im Wohnzimmer in ein Röhrchen spucken, dieses einschicken und kurze Zeit später wissen, woher die eigenen Vorfahren stammen. DNA-Tests kosten nicht viel und sind als Weihnachts- oder Geburtsgeschenk beliebt. Aber sind sie mehr als ein Gag? Wie viel Information liefern sie tatsächlich? Hinweise zur ethnischen Herkunft können sie durchaus bieten. Aber zu viel darf man sich von ihnen nicht erwarten. Wie genau die Ergebnisse sind, hängt unter anderem von der Referenzdatenbank ab. Wer handfeste Daten zu seiner Familiengeschichte sucht, wird um die klassische Ahnenforschung nicht herumkommen.
Text: Sandra Lobnig⎪Fotos: iStock_Iuliia Anisimova, privat, iStock_Flashvector, Milan Markovic, microgen