Knödel, Klicks und Küchenzauber
Was passiert, wenn eine Bergbauernhof-Tochter und eine Tiroler Hobbyköchin Millionen Menschen zeigen, wie Schupfnudeln, Paprikahendl oder Bärlauchsuppe gelingen? Es entstehen nicht nur Kochvideos mit Kultstatus, sondern auch eine große Portion Heimatgefühl.
Früher lagen große, schwere Kochbücher in der Küche. Heute steht dort oft ein Smartphone zwischen Mehl, Schneebesen und Auflaufform. Doch statt Hochglanz-Rezepten mit exotischen Zutaten zeigen Anita Brunner alias „Küchenschelle“ und Anni Oberlechner, besser bekannt als „Küchenhexe“, etwas anderes: ehrliche Küche. Bodenständig, überraschend einfach und offenbar genau das, wonach viele Menschen suchen. Zusammen bringen die beiden Tirolerinnen mehr als 20 Millionen Videoaufrufe auf YouTube mit. Ihre rund 50.000 Abonnentinnen und Abonnenten kommen aus Österreich, Deutschland, Südtirol – und oft weit darüber hinaus. Das Erfolgsrezept? Die beiden Frauen kochen nicht für Algorithmen, sondern so wie daheim.
Vom Bauernhof direkt auf YouTube
Bei Anni begann alles lange vor den Zeiten von Social Media. Sie wuchs auf einem Bergbauernhof mit Gastwirtschaft auf. „Ich war natürlich viel bei meiner Mama in der Küche. Bei ihr habe ich gelernt, dass Kochen nicht nur ein Handwerk, sondern auch ein Gefühl ist“, erzählt sie. Noch heute erinnert sie sich an den Duft aus der Küche, an die Ruhe, mit der ihre Mutter einen Teig geknetet hat und die Freude beim gemeinsamen Essen. „Das hat mich nie mehr losgelassen.“ Aus dieser Liebe wurde später ein Beruf. Anni lernte Köchin, arbeitete viele Jahre in der Gastronomie und entwickelte ihre Leidenschaft fürs Kochen und Backen stetig weiter. „Ich liebe die Kombination von traditioneller und moderner Küche.“ Dass daraus einmal Millionen Klicks entstehen würden, war damals nicht absehbar. „Im Lockdown habe ich mit meinen Enkelkindern ihre Lieblingsgerichte gekocht und mein Mann hat das gefilmt, damit wir die Videos an Familie und Freunde schicken können“, erzählt sie. Als immer mehr Menschen die Rezepte sehen wollten, hatte Ehemann Günther eine Idee: Warum nicht YouTube? Heute produziert das Ehepaar Videos fast im Teamwork. Anni plant Rezepte, kauft ein und kocht. Günther filmt, fotografiert und schneidet. „Bis ein Rezept online geht, vergehen oft viele Stunden. Aber es macht uns immer noch unglaublich viel Freude.“
Heimisch und saisonal
Auch bei Anita Brunner begann alles mit einer Frau in der Küche – ihrer Großmutter. „Sie hat aus sehr wenigen Zutaten gutes und schmackhaftes Essen gezaubert. Der Virus Kochen ging eindeutig von ihr aus“, schmunzelt Anita. Ihr Sohn brachte sie schließlich ins Internet. „Er meinte irgendwann: Warum zeigst du deine Rezepte nicht mehr Menschen?“ Also entstand der Kanal „Küchenschelle“. Seit 2015 wächst die Community stetig. Die erste Million Aufrufe wurde 2018 erreicht. Heute beantwortet Anita täglich Nachrichten ihrer Community – oft eineinhalb Stunden lang. „Ich würde sagen, 98 Prozent der Rückmeldungen sind positiv“, erzählt sie. Besonders in der Corona-Zeit sei das Interesse explodiert. Ihr Erfolgsgeheimnis: „Ich biete Speisen an, die man ohne exotische Zutaten nachkochen kann. Mein Motto ist heimisch und saisonal.“
Nachrichten, die ins Herz gehen
Auch für Anni Oberlechner steht der Austausch mit ihren Abonnentinnen und Abonnenten weit oben auf der Prioritätenliste: „Als Nachrichten aus der ganzen Welt gekommen sind und mir Menschen geschrieben haben, dass sie meine Rezepte nachkochen, habe ich verstanden: Das ist meine Herzensaufgabe.“ Noch immer könne sie kaum glauben, dass ihre Videos mittlerweile weit über zehn Millionen Mal angesehen wurden. „Besonders berühren sie die persönlichen Geschichten hinter den Kommentaren. „Viele schreiben mir, dass sie durch meine Videos wieder Freude am Kochen gefunden haben. Andere backen mit ihren Kindern oder Enkelkindern Rezepte nach. Solche Nachrichten gehen direkt ins Herz.“
Schicksalhafte Begegnung
Dass die beiden Frauen heute gemeinsame Kochbücher schreiben, war Zufall – oder Schicksal. Anni lernte Anita bei Weihnachtsdekorationsarbeiten in einem Hotel in Kitzbühel kennen. „Wir haben sofort über unsere Leidenschaft fürs Kochen gesprochen.“ Die Idee zum ersten gemeinsamen Kochbuch hatte Anita: „Ich habe mehrere Veranstaltungen mit Anni gemacht und irgendwann vorgeschlagen, gemeinsam ein Buch zu schreiben.“ Das Ergebnis: Das Buch „Kochts mit uns“ entwickelte sich rasch zum Publikumserfolg und musste kurz nach Erscheinen nachgedruckt werden. Nun folgt bereits die nächste gemeinsame Rezeptesammlung „Kochts wieder mit uns“ mit neuen Rezepten aus traditioneller, moderner und international inspirierter Küche, von Bärlauchsuppe und Paprikahendl über Kärntner Reindling bis zur Arabischen Honigtorte. Das Besondere: Zu jedem Gericht gibt es QR-Codes, die direkt zu den passenden YouTube-Videos führen. „Viele Menschen wollen heute nicht nur lesen, sondern zuschauen“, sagt Anita. Gerade Anfängerinnen und Anfänger würden von den Schritt-für-Schritt-Anleitungen profitieren.
Heimat schmeckt nach Kasspatzln
Trotz moderner Plattformen bleibt für die beiden Frauen der Kern ihrer Küche traditionell. „Tiroler Küche ist für mich Heimat – bodenständig, ehrlich und voller Traditionen“, sagt Anni. Viele Gerichte erinnern sie an Kindheit, Familie und Feste. Kasspatzln, Kiachl, Schweinsbraten oder Pressknödel haben deshalb auch einen emotionalen Wert. Auch Anita möchte vor allem Gerichte bewahren, die langsam verschwinden. „Viele heimische Speisen geraten in Vergessenheit – das finde ich schade.“ Ihre persönlichen Kindheitsgerichte? „Blattln mit Kraut, Schupfnudeln und Erdäpfel in allen Variationen“, sagt Anita. Bei Anni kommen sofort Bilder hoch: „Ein Bauernbrot mit eigener Butter, Grießbrei mit Zimt oder Moosbeermiasl mit viel Staubzucker.“ Dabei muss traditionelle Küche keineswegs schwer oder ungesund sein. „Es geht nicht um Verzicht, sondern um die richtige Balance“, sagt Anni. Dafür braucht es im Wesentlichen nur mehr Gemüse, kleinere Portionen und bewussten Genuss. Für Anita liegt die Lösung in Vielfalt: „Heimisches Gemüse verwenden, Mischkost essen und nicht einseitig werden.“ Gute Alltagsküche müsse vor allem schnell, gesund, und mit Zutaten zubereitet werden können, die leicht erhältlich sind, sind sich die beiden Frauen einig.
Das Rezept für mehr Mut
Und was würden die beiden Menschen raten, die sich vor Hefeteig, Knödeln oder dem ersten Sonntagsbraten fürchten? „Niemand wird über Nacht Meisterköchin“, sagt Anni lachend. „Man darf Fehler machen. Manchmal entstehen daraus sogar neue Rezepte.“ Oder, wie Anita es formuliert: „Man muss sich einfach trauen.“ Vielleicht ist die Bereitschaft, anzufangen, die wichtigste Zutat. Und wenn der Kaiserschmarren trotzdem anbrennt? Dann gibt es immer noch die Schritt-für-Schritt-Anleitung auf YouTube.
BUCHTIPP
Anni Oberlechner, Anita Brunner
Kochts wieder mit uns
Neue Lieblingsrezepte von Anni und Anita für jeden Tag. Nach dem großen Erfolg ihres ersten Buches „Kochts mit uns“ legen Anita Brunner und Anni Oberlechner – bekannt als Küchenschelle und Küchenhexe – nun nach: „Kochts wieder mit uns“ vereint regionale Klassiker und internationale Lieblingsgerichte.
Mit einfachen Schritt-für-Schritt-Rezepten und praktischen Video-Links gelingt alles mühelos, von der Vorspeise bis zum Dessert. Ob bodenständig oder modern – hier wird Kochen zum Vergnügen und jedes Gericht zum garantierten Genussmoment.
ISBN: 978-3-702243371
Text: Michaela Neubauer⎪Fotos: BEIGESTELLT, ISTOCK_diane555_nadia_bormotova, CandyVandy;