Bauch in Balance
Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfall oder Verstopfung kennen die meisten Menschen. Kehren die Beschwerden jedoch immer wieder, lohnt sich ein genauer Blick: Denn hinter einem unruhigen Bauch können harmlose Unverträglichkeiten, aber auch behandlungsbedürftige Erkrankungen stecken.
Der Bauch zwickt, nach dem Essen spannt der Hosenbund, die Verdauung spielt verrückt – und trotzdem lässt sich nicht so recht sagen, was eigentlich los ist. Die möglichen Ursachen sind vielfältig, sagt OA Dr. Ernst Oswald, Leiter der Gastroenterologie am Universitätsklinikum Krems. Bei wiederkehrenden Oberbauchbeschwerden steckt beispielsweise häufig eine akute oder chronische Gastritis, also eine Entzündung der Magenschleimhaut, dahinter. „Diese wird öfter durch Medikamente verursacht, etwa durch nichtsteroidale Antirheumatika oder Thrombo ASS“, erklärt Oswald. Eine weitere häufige Ursache ist eine Infektion mit dem Bakterium Helicobacter pylori. Es kann über Jahre unbemerkt im Magen leben und wiederkehrende Entzündungen hervorrufen. Unbehandelt kann eine solche Infektion Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüre begünstigen. Chronischer Blutverlust kann wiederum zu Blutarmut führen. Auch das Risiko für Magenkrebs ist erhöht. Die gute Nachricht: Wird Helicobacter pylori nachgewiesen, lässt sich die Infektion gezielt behandeln.
OA Dr. Ernst Oswald, Leiter der Gastroenterologie am Universitätsklinikum Krems
Wenn Essen Beschwerden macht
Geht es eher um Blähungen, Durchfall oder einen ständig wechselnden Stuhlgang, kommen wiederum andere Auslöser infrage. Häufig sind Laktose- oder Fruktoseintoleranzen. Dabei können bestimmte Zucker im Dünndarm nicht ausreichend aufgenommen werden. Gelangen sie weiter in den Dickdarm, werden sie dort von Bakterien verarbeitet – mögliche Folgen sind Blähungen, Bauchschmerzen und Durchfall. Doch nicht hinter jeder Reaktion auf Brot oder Milch steckt automatisch eine Unverträglichkeit. Auch eine Zöliakie, also eine immunologisch bedingte Erkrankung durch Gluten, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa oder ein Reizdarmsyndrom können ähnliche Beschwerden verursachen. Gerade beim vermeintlichen „Reizdarm“ ist deshalb Vorsicht mit vorschnellen Selbstdiagnosen geboten. „Ein Reizdarm schließt andere fassbare Erkrankungen aus“, betont Oswald. Bevor die Diagnose gestellt wird, müssen andere Ursachen sorgfältig abgeklärt werden. Dazu gehören Blutuntersuchungen, unter anderem auf Zöliakie-Antikörper, sowie Stuhluntersuchungen auf Krankheitserreger und den Entzündungsmarker Calprotectin. Je nach Beschwerden folgen Magen- und Darmspiegelung. Dabei können Gewebeproben entnommen werden, um Erkrankungen auszuschließen, die mit bloßem Auge nicht erkennbar sind.
Veränderungen ernst nehmen
Viele Menschen arrangieren sich erstaunlich lange mit Verdauungsproblemen. Nicht jedes gelegentliche Zwicken verlangt eine umfassende Diagnostik. Bestimmte Veränderungen sollte man jedoch ernst nehmen. „Wichtige Alarmsignale sind eine Blutarmut, ungewollter Gewichtsverlust, fieberhafte Zustände sowie schwarzer Stuhl oder sichtbares Blut im Stuhl“, sagt Oswald. Bei Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa lassen sich im Gegensatz zum Reizdarm Entzündungen nachweisen – etwa durch erhöhte Entzündungswerte im Blut und Stuhl oder Veränderungen der Schleimhaut bei einer Darmspiegelung. Beim Reizdarm fehlen solche organisch nachweisbaren Entzündungen. Das bedeutet allerdings keineswegs, dass die Beschwerden eingebildet wären. Denn Darm und Gehirn stehen in ständigem Austausch. Dass einem vor einer Prüfung „schlecht vor Aufregung“ wird oder Stress plötzlich Durchfall auslöst, ist kein Zufall. „Die Darm-Hirn-Achse ist ein äußerst
wichtiger Verbindungsprozess“, erklärt Oswald. Millionen Nervenzellen durchziehen unseren Verdauungstrakt. Über den Vagusnerv gelangen zahlreiche Signale vom Darm zum Gehirn, gleichzeitig können Darmbakterien Botenstoffe produzieren, die mit unserem Nervensystem interagieren.
Welche Bedeutung dieses Zusammenspiel für Stoffwechsel-, Autoimmun- oder neurologische Erkrankungen hat, wird derzeit intensiv erforscht.
Was der Darm wirklich mag
„Für eine gute Darmgesundheit und ein ausgeglichenes Mikrobiom sollte eine hohe Vielfalt an pflanzlichen und ballaststoffreichen Lebensmitteln vorhanden sein“, sagt Oswald. Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Obst und Nüsse liefern Ballaststoffe, von denen auch nützliche Darmbakterien profitieren. Dazu kommt ausreichend Flüssigkeit – für gesunde Erwachsene nennt Oswald als Orientierung bis zu zwei Liter Wasser oder ungesüßten Tee täglich. Alkohol sollte möglichst reduziert werden, ebenso stark verarbeitete Lebensmittel wie Fast Food und Fertiggerichte. Auch beim Fleisch empfiehlt der Gastroenterologe Zurückhaltung und rät zu einer mediterran geprägten Ernährung. Sein Rezept für einen gesunden Darm passt am Ende auf einen Einkaufszettel: „Regional und saisonal einkaufen, selbst kochen, weniger Fleisch, mehr Fisch und viel Gemüse und Salat.“ Denn so komplex unser Verdauungssystem auch sein mag – für seine Pflege braucht es meist keine komplizierten Regeln
Text: Michaela Neubauer⎪Fotos: Magnific: hamim26, great.vector, beigestellt