Gut geschlafen?
Schlaf beeinflusst Entwicklung, Immunsystem, Stoffwechsel, Konzentration und psychisches Wohlbefinden. Doch wie viel Schlaf brauchen eigentlich Kinder und Jugendliche? Und wann wird aus einer unruhigen Nacht eine Schlafstörung?
Ein Baby, das nachts immer wieder aufwacht. Ein Kindergartenkind, das plötzlich schreiend im Bett sitzt. Ein Volksschüler, der tagsüber kaum stillhalten kann. Oder eine 15-Jährige, die bis spät in die Nacht in ihr Smartphone schaut und morgens kaum aus dem Bett kommt. All diese unterschiedliche Situationen haben einen gemeinsamen Nenner: schlechten Schlaf. „In der Praxis sprechen wir immer über Schlaf- und Wachprobleme“, sagt Primaria Dr. Zsofia Rona, PhD, Leiterin der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Landesklinikum Baden-Mödling, Standort Mödling, sowie Leiterin der Arbeitsgruppe Schlafmedizin und Schlafforschung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ). Warum ihr die Ergänzung um das Wort „Wachprobleme“ so wichtig ist? Weil schlechter Schlaf nicht mit dem Läuten des Weckers endet. „Kinder, die schlecht schlafen, sind auch tagsüber beeinträchtigt.“ Und das sieht nicht immer so aus, wie Erwachsene es erwarten würden. „Kleinere Kinder reagieren auf Müdigkeit häufig mit erhöhter Aktivität, weil sie sich dadurch selbst wachhalten“, erklärt Rona. Unruhe, Impulsivität oder Konzentrationsprobleme können daher auch Hinweise auf schlechten Schlaf sein.
Primaria Dr. Zsofia Rona, PhD, Leiterin der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde am Landesklinikum Baden-Mödling, Standort Mödling
„Unterschätzt wird, wie viel Zeit Kinder brauchen, um am Abend überhaupt herunterzukommen.“
Wie viel Schlaf braucht mein Kind?
Wie lange ein Kind schlafen sollte, hängt vor allem vom Alter ab – und die Unterschiede sind beträchtlich. Während Neugeborene einen Großteil des Tages und der Nacht verschlafen, sinkt der Schlafbedarf im Laufe der Kindheit kontinuierlich. In den ersten drei Lebensmonaten gelten rund 14 bis 17 Stunden Schlaf innerhalb von 24 Stunden als Richtwert. Säuglinge zwischen vier und elf Monaten benötigen meist zwölf bis 15 Stunden, Ein- bis Zweijährige etwa elf bis 14 Stunden. Im Kindergartenalter sind es ungefähr zehn bis 13 Stunden, bei Schulkindern zwischen sechs und 13 Jahren neun bis elf Stunden. Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren sollten in der Regel auf acht bis zehn Stunden kommen. Diese Zahlen gelten allerdings nur als Richtwert. Manche Kinder brauchen etwas mehr, andere weniger Schlaf. Bei Babys und Kleinkindern zählt außerdem der Tagschlaf zur Gesamtschlafdauer. Entscheidend ist vorwiegend, wie es dem Kind geht: Ist es tagsüber aktiv, ausgeglichen und konzentriert oder regelmäßig übermüdet und gereizt? Doch nicht jedes nächtliche Erwachen bedeutet eine Schlafstörung, gibt Rona Entwarnung: „Bei sehr kleinen Kindern sind Ein- und Durchschlafprobleme oder Regulationsschwierigkeiten häufig noch im Normbereich. In vielen Fällen lassen sich diese durch eine gute Schlafberatung beheben.“ Die Erwartungen an das „Durchschlafen“ seien mitunter schlicht zu hoch. Gleichzeitig würden Müdigkeitszeichen nicht immer rechtzeitig erkannt. Wird der passende Zeitpunkt zum Zubettgehen verpasst, kann das Einschlafen noch schwieriger werden.
Optimale Schlafdauer
Die Empfehlungen der National Sleep Foundation geben Orientierungsbereiche für die gesamte Schlafdauer innerhalb von 24 Stunden an – bei kleinen Kindern zählt also auch der Tagschlaf dazu.
Neugeborene, 0–3 Monate: 14–17 Stunden
Säuglinge, 4–11 Monate: 12–15 Stunden
Kleinkinder, 1–2 Jahre: 11–14 Stunden
Vorschulkinder, 3–5 Jahre: 10–13 Stunden
Schulkinder, 6–13 Jahre: 9–11 Stunden
Jugendliche, 14–17 Jahre: 8–10 Stunden
Wichtig: Der individuelle Schlafbedarf kann variieren. Ausschlaggebend ist deshalb nicht nur die Zahl der geschlafenen Stunden, sondern auch, ob das Kind tagsüber wach, leistungsfähig und ausgeglichen ist.
Schlafprobleme wachsen mit
Welche Schlafprobleme auftreten, verändert sich mit dem Alter. Bei Babys und Kleinkindern stehen vor allem Ein- und Durchschlafprobleme sowie Regulationsschwierigkeiten im Vordergrund. Im Kindergarten- und Vorschulalter können obstruktive Schlafstörungen dazukommen. Betroffene Kinder schnarchen möglicherweise, schlafen mit offenem Mund oder haben kurze Atempausen. Vergrößerte Rachen- oder Gaumenmandeln können dahinterstecken und sollten medizinisch abgeklärt werden. Auch Bewegungsstörungen wie das Restless-Legs-Syndrom kommen bei Kindern vor. Sie verspüren dabei einen starken Bewegungsdrang in den Beinen und finden schlecht zur Ruhe. Unter anderem kann ein gestörter Eisenstoffwechsel eine Rolle spielen. Typisch für bestimmte Phasen der Kindheit sind außerdem Nachtschreck und Schlafwandeln. Ein Nachtschreck kann für Eltern dramatisch wirken: Das Kind schreit plötzlich, wirkt panisch und ist dennoch nicht richtig wach. Meist tritt das Phänomen in der ersten Nachthälfte aus dem Tiefschlaf heraus auf. „Bei diesen Kindern sind die Übergänge zwischen Schlaf- und Wachstadien noch nicht vollständig ausgereift. Sie sind in manchen Schlafphasen einfach aktiver“, erklärt Rona. Auch die Verarbeitung der Eindrücke des Tages spiele eine Rolle. Viele dieser Phänomene verschwinden mit zunehmendem Alter wieder und lassen sich durch Schlafberatung und gute Schlafgewohnheiten positiv beeinflussen.
Smartphone und Zukunftsängste
Mit der Pubertät verschiebt sich das Bild erneut. Einschlaf- und Durchschlafprobleme sowie Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus rücken stärker in den Vordergrund. Jugendliche gehen später schlafen und kommen morgens oft kaum aus dem Bett – Konzentration und Schulleistung können darunter leiden. Hinzu kommen weitere Belastungen. „Jugendliche haben viele Zukunftsängste und wir sehen deutlich mehr psychische Probleme. Das wirkt sich natürlich auch auf ihren Schlaf aus“, sagt Rona. Gleichzeitig begleitet das Smartphone viele bis unmittelbar vor dem Einschlafen. „Auch die Handynutzung am Abend hängt mit Angststörungen und Einschlafproblemen zusammen.“ Wer im Bett noch Nachrichten beantwortet, Videos schaut oder durch soziale Netzwerke scrollt, bleibt mental aktiviert. Zugleich besteht eine enge Wechselwirkung zwischen Schlaf und psychischer Gesundheit. „Depressionen sind im Jugend- und jungen Erwachsenenalter ein zunehmend wichtiges Thema – und depressive Kinder und Jugendliche haben häufig auch Einschlafstörungen“, so die Ärztin.
Müde oder ADHS?
Nicht nur ein ungewöhnlich schwerfälliges Aufstehen, Konzentrationsprobleme, Gereiztheit oder emotionale Veränderungen können auf schlechten Schlaf hindeuten. Auch Veränderungen des Appetits sollten Eltern aufmerksam machen. Denn während der Nachtruhe laufen zahlreiche wichtige körperliche Prozesse ab. „In der Nacht passiert sehr viel. Das Immunsystem regeneriert sich, und auch wichtige Stoffwechselprozesse werden reguliert“, betont Rona. Kinder, die über längere Zeit schlecht schlafen, könnten deshalb beispielsweise schlechter zunehmen oder häufiger unter Infekten leiden. Besonders relevant wird das Thema, wenn sich Symptome verschiedener Störungen ähneln. Unruhe, Hyperaktivität, Reizsuche und Konzentrationsprobleme können auch eine Folge von Schlafmangel sein und damit auf den ersten Blick an ADHS erinnern. Rona empfiehlt deshalb, bei solchen Auffälligkeiten immer auch die Schlafqualität im Blick zu behalten. Erster Ansprechpartner ist die Kinderärztin oder der Kinderarzt. Eine genaue Schlafanamnese und gegebenenfalls weitere Untersuchungen helfen dabei, mögliche Ursachen einzugrenzen. „Besteht der Verdacht auf eine Schlafstörung, sollte diese zunächst behandelt werden. Bleiben Aufmerksamkeitsprobleme oder Hyperaktivität danach bestehen, muss natürlich auch in Richtung ADHS weiter abgeklärt werden“, erklärt Rona. Wichtig dabei: Schlafstörungen und ADHS schließen einander nicht aus, sondern können auch gleichzeitig auftreten.
Runterkommen braucht Zeit
Was können Familien selbst tun, um die Schlafqualität ihres Kindes zu verbessern? „Ein Schlaftagebuch ist oft ein guter erster Schritt: Wann geht das Kind ins Bett? Wann schläft es tatsächlich ein? Wie oft wird es wach? Wann steht es auf?“, empfiehlt Rona. Noch wichtiger ist die Zeit vor dem Einschlafen. „Unterschätzt wird, wie viel Zeit Kinder brauchen, um am Abend überhaupt herunterzukommen.“ Besonders jüngere Kinder möchten Erlebnisse des Tages noch einmal erzählen. Vorlesen, miteinander reden, gedämpftes Licht und wiederkehrende Abläufe vermitteln Ruhe und Sicherheit. „Am Abend gemeinsam lesen, noch einmal über den Tag sprechen und sich dafür wirklich Zeit nehmen sind wichtige Bausteine einer guten Schlafhygiene“, so die Ärztin. Eine gute Nacht beginnt zudem bereits am Tag. Bewegung, frische Luft, Tageslicht und ausgewogene Ernährung unterstützen den Schlaf-Wach-Rhythmus. Besonders Tageslicht am Vormittag hilft dabei, die innere Uhr zu synchronisieren. Von Schlafmitteln oder Melatoninpräparaten auf eigene Faust rät Rona dagegen klar ab. „Melatonin sollte Eltern ihren Kindern keinesfalls ohne ärztliche Beratung geben. Es gibt Erkrankungen, bei denen es sinnvoll eingesetzt werden kann, aber Präparat, Dosierung und Anwendungsdauer müssen gezielt ausgewählt werden.“ Bei anhaltenden Problemen kann an ein spezialisiertes Zentrum überwiesen werden. Auch Schlaflaboruntersuchungen sind bei Kindern und Jugendlichen möglich, allerdings längst nicht bei jeder Schlafstörung notwendig. Häufig bringen bereits eine genaue Anamnese und Schlafberatung wichtige Erkenntnisse. Auch bei chronisch kranken Kindern sollte Schlaf laut Rona bewusst angesprochen werden, da Schlafprobleme angesichts der Grunderkrankung leicht in den Hintergrund geraten. Es lohnt sich also, nicht nur darauf zu achten, wie lange Kinder schlafen, sondern auch darauf, wie gut sie durch die Nacht kommen. Denn letztlich ist guter Schlaf die wichtigste Voraussetzung dafür, am nächsten Morgen wieder neugierig und konzentriert in den Tag zu starten.
Schlaf als Kinderrecht
Die internationale ChildRight2Sleep-Initiative (CR2S) setzt sich dafür ein, gesunden Schlaf als grundlegendes Recht von Kindern und Jugendlichen stärker ins Bewusstsein zu rücken. Dazu wurden sieben Thesen zum Thema „Schlaf als Kinderrecht“ formuliert. Ziel ist es, Wissenschaft, Medizin, Psychologie und betroffene Familien besser zu vernetzen und Prävention, Diagnostik und Behandlung von Schlafproblemen zu verbessern. Langfristig soll die Kinder- und Jugendschlafmedizin auch stärker in der Ausbildung von Medizin und Psychologie verankert werden.
Informationen: www.childright2sleep.org
Text: Michaela Neubauer⎪Foto: istock: romrodinka,: Magnific: alano design, istock: ojos de hojalata, alano design