Bewegung statt Behandlung

Der Körper des Menschen ist so konzipiert, dass gesundheitlich alles rund läuft.  Vorausgesetzt wir bewegen uns. Diabetes, Herzprobleme, Osteoporose oder Arthritis sind häufige Erkrankungen, bei denen regelmäßige Bewegung die beste Prophylaxe, aber auch die wirkungsvollste Medizin ist.

Manfred, 56, litt jahrelang an erhöhten Cholesterinwerten, Bluthochdruck und zu hohen Zuckerwerten. Ein klassisches metabolisches Syndrom, wie Medizinerinnen und Mediziner es bezeichnen, hat seine Lebensqualität immens beeinträchtigt. „Mit konsequenter Trainingstherapie hat er die Erkrankung heute im Griff und führt ein normales Leben“, erklärt Sportmediziner Dr. Gunther Leeb, Leiter des SportMedCenter Hollabrunn und Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Sportmedizin: „Be­wegungsmangel ist bei vielen Erkrankungen eine der Hauptursachen“, warnt der Mediziner, „beispielsweise bei Diabetes Typ 2, einer Erkrankung, die früher meist erst im fortgeschrittenen Alter aufgetreten ist, heute aber immer häufiger bereits Jugendliche betrifft.“ Neben genetischen Faktoren sind ungesunder Lebensstil und Bewegungsmangel die häufigsten Ursachen für Diabetes Typ 2. „Unsere Skelettmuskulatur ist das größte aktive Stoffwechselorgan, es baut Zucker und Fett konsequent ab. Daher ist es wichtig, die Muskulatur regelmäßig zu stärken“, erklärt der Sportmediziner, „Bewegung, insbesondere Krafttraining, ist daher eine Therapie, die gerade bei Diabetes Typ 2 die Ursache bekämpft.“

Leben im Knochen

Ähnliches gilt für Osteoporose. „Gezielter Muskelaufbau durch Krafttraining stimuliert die Osteozyten, also jene Knochenzellen, die als ‚Manager‘ im Umbauprozess fungieren. Sie steuern die Aktivität der Knochenaufbau- und der -fresszellen und senden Signale aus, wenn beispielsweise eine mechanische Bewegung wie beim Krafttraining erfolgt“, so Leeb. Osteoklasten wiederum tragen Altmaterial ab und Osteoblasten bauen neues Knochenmaterial auf. Im Zuge eines Muskeltrainings werden der Knochenaufbau und die Mineralisation des Knochens in Gang gesetzt.

Ergänzend dazu empfiehlt der Sportmediziner Ausdauertraining, das zwar keine wesentlichen Effekte bei Osteoporose, dafür aber bei Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes Typ 2 oder Fettstoffwechselstörungen erzielt und daher zentraler Bestandteil eines Trainingsprogrammes sein sollte. „Durch konsequente Belastung öffnen sich die Zuckerkanäle in den Skelettmuskelzellen. Dadurch kann Zucker in die Muskelzellen einströmen und wird aus dem Blut abgebaut. Zuckerstoffwechsel und Insulinsensivität werden somit ganz wesentlich verbessert. Außerdem können bis zu 90 Prozent von Zucker nicht in der Leber, sondern von der Skelettmuskulatur abgebaut werden“, sagt Gunther Leeb.

 

Dr. Gunther Leeb, Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Sportmedizin

 

Internationale Daten

Eine internationale, im Frühjahr 2026 erschienene Studie der Central South University in Hunan (China) hat die Aktivitäten von mehr als 96.000 Personen untersucht. Das Ergebnis zeigt, dass Menschen, die sich kontinuierlich bewegen, ein geringeres Risiko hatten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Herzrhythmusstörungen, Typ-2-Diabetes, immunvermittelte Entzündungskrankheiten, Lebererkrankungen, chronischen Atemwegs- oder Nierenerkrankungen und Demenz zu entwickeln. Probandinnen und Probanden, die sich regelmäßig bewegten, hatten im Vergleich zu Personen, die überhaupt keine intensive Aktivität ausübten, ein um 63 Prozent geringeres Risiko für Demenz, ein um 60 Prozent geringeres Risiko für Typ-2-Diabetes und ein um 46 Prozent geringeres Risiko, früher zu sterben.

Gerade im Hinblick auf Demenz kann Bewegung dazu beitragen, bestimmte Substanzen direkt im Gehirn zu produzieren. Eine große Rolle spielt dabei der Brain-Derived Neurotrophic Factor (BDNF), weiß Leeb: „Damit wird ein Wachstumsfaktor im Gehirn bezeichnet. Er trägt dazu bei, dass verstärkt Neuronen zu Wachstum angeregt und auch deren Vernetzungen forciert werden. Das verstärkt die Leistungsfähigkeit des Gedächtnisses und der kognitiven Fähigkeiten und ist ein wesentlicher Faktor, um Demenz zu vermeiden oder auch deren Fortschreiten zu verlangsamen. Man weiß heute, dass sowohl Kraft- als auch Ausdauertraining diese Mechanismen im Gehirn fördern“, so der Fachmediziner.


Sport gegen Entzündungen

Im Körper laufen ständig Entzündungsprozesse ab; man spricht dabei von einer low grade inflammation, erklärt Sportmediziner Leeb: „Ganz wichtige Gegenspieler in diesem chronischen Entzündungsprozess sind die sogenannten Myokine, die in der Skelettmuskulatur im Zuge von Training entstehen. Diese wirken entzündungshemmend, indem sie die im Fettgewebe entstehenden entzündungsfördernden Zytokine hemmen. Bewegung ist daher hochwirksam, um stille Entzündungen zu reduzieren.“ Aber auch bei überschießenden Entzündungen, wie sie bei rheumatischen Erkrankungen entstehen, können Myokine entzündliche Prozesse reduzieren.

Bewegung fördert außerdem die körpereigene Tumorabwehr, das Immunsystem wird gestärkt, die Bildung von sogenannten Killerzellen angeregt. Diese Zellen können Krebszellen erkennen und in weiterer Folge ihren Abbau einleiten. „Eindeutige wissenschaftliche Daten dazu liegen beispielsweise bei Dickdarm-, Brust-, Lungen- oder Prostatakrebs vor“, unterstreicht Mediziner
Gunther Leeb.

Bewegung ist gesund – in jedem Alter. Sie beugt Krankheiten vor und kurbelt Kreislauf und Stoffwechsel an.


Wie beginnen?

Bewegung als Medizin heißt nicht, dass man sich kasteien muss – ganz ohne Anstrengung geht es aber auch nicht. Das Ziel sollte es sein, die eigene Komfortzone schrittweise zu verlassen. Sinnvoll ist es, zunächst den persönlichen Fitnesszustand sportmedizinisch abklären zu lassen und darauf aufbauend einen individuellen Trainingsplan zu erstellen. „Für den Einstieg empfehlen sich zwei bis drei Ausdauereinheiten pro Woche mit jeweils 20 bis 30 Minuten. Einmal wöchentlich Radfahren oder Laufen reicht leider nicht aus“, betont Leeb. Welche Sportart gewählt wird, bleibt Geschmackssache: „Wichtig ist, dass die Bewegung Freude macht und große Muskelgruppen aktiviert – Gehen, Nordic Walking, Radfahren oder Schwimmen eignen sich besonders gut“, erklärt Leeb. Dabei sollte man zumindest leicht außer Atem kommen. Ideal ist eine Orientierung an der Trainingsherzfrequenz, die im Rahmen einer sportmedizinischen Untersuchung bestimmt werden kann. Zusätzlich empfiehlt sich ein- bis zweimal pro Woche Ganzkörperkrafttraining. Ob Fitnessstudio, Übungen mit dem eigenen Körpergewicht, Theraband oder Hanteln – entscheidend ist die richtige Ausführung. Trainiert werden sollte der gesamte Körper, etwa mit Übungen für Beine, Arme, Bauch- und Rückenmuskulatur. Pro Übung werden unter Belastung zehn bis 15 Wiederholungen absolviert. „Die Muskulatur muss gefordert werden, man sollte die Belastung spüren“, rät Leeb. Mehrere Wiederholungen hintereinander bilden einen Satz. Zwischen den Trainingseinheiten sollte jedoch immer mindestens ein Tag Pause liegen, damit sich die Muskeln regenerieren
können.

Für Manfred gehört Bewegung mittlerweile fix zum Alltag. Seit einem Jahr trainiert er dreimal pro Woche seine Muskeln und setzt beim Ausdauertraining auf Radfahren und Wandern. Mit Erfolg: Seit einigen Wochen benötigt er keine Medikamente mehr. „Durch den Sport bin ich ein neuer Mensch geworden.“

Schon kleine Bewegungs­einheiten setzen Glücks­hormone frei und senken Stress.


Anstrengung hält gesund

Eine 2026 veröffentlichte Studie der Central South University (Hunan, China) zeigt, dass intensive körperliche Aktivität spezifische gesundheitliche Effekte auslöst, die durch weniger intensive Bewegung nicht im gleichen Maße erreicht werden. Schon kleine Einheiten intensiver Bewegung im Alltag können einen echten Unterschied für die Gesundheit machen.

Körperliche Reaktionen auf intensive Bewegung:

  • effizientere Pumpleistung des Herzens

  • flexiblere Blutgefäße

  • verbesserte Sauerstoffverwertung

  • Reduktion von Entzündungen

Bereits 15 bis 20 Minuten pro Woche kurzer, leicht anstrengender Alltagsaktivitäten reichen aus, um spürbare gesundheitliche Vorteile zu erzielen, zum Beispiel:

  • zügiges Stiegensteigen

  • schnelles Gehen zwischen Erledigungen

  • aktives Spielen mit Kindern


Text: Doris Simhofer⎪Fotos: iStock_ everything bagel, Peopleimages, g-stockstudio, _ PeopleImages; Beigestellt

 

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