DazugeHÖREN
Früherkennung schützt das Gehör. Warum Prävention und rasches Handeln wichtig sind – sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen.
Hören ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die unser Körper rund um die Uhr leistet. Über das Ohr werden Schallwellen aufgenommen, in elektrische Signale umgewandelt und vom Gehirn als Töne, Geräusche oder Sprache interpretiert. Das menschliche Gehör ist ein wahres Wunderwerk – es arbeitet sogar sensibler und schneller als das Auge. Worte werden wesentlich schneller verstanden als Bilder verarbeitet. Das Gehör dient aber nicht nur dem Hören und Verstehen, es ist auch ein „Stimmungsmacher“: Die akustischen Signale, die das Gehör auffängt, wecken Emotionen – wenn man etwa Musik oder die Stimme eines geliebten Menschen wahrnimmt. Wer schlecht hört, muss daher auf einiges verzichten.
Soziale Isolation
Wie bitte? Wo Stimmen waren, ist nur mehr dumpfes Rauschen? Hörverlust ist weit verbreitet. In Österreich leben bis zu 1,75 Millionen Menschen mit Einschränkungen des Hörsinns, das sind rund 20 Prozent der Bevölkerung, weiß Prim. Univ.-Prof. Dr. Georg Sprinzl. Was diese Einschränkungen bedeuten, beschreibt er gern mit einem Immanuel Kant zugeschriebenen Zitat, der sagte: „„Nicht sehen trennt von den Dingen, nicht hören trennt von den Menschen.“ Für Sprinzl beschreibt dieser Spruch das Problem am besten: „Viele leiden unter sozialer Isolation. Aber wir Menschen brauchen Kommunikation, wir brauchen einander.“ Georg Sprinzl ist Leiter der Klinischen Abteilung für Hals-Nasen-Ohren (HNO) am Universitätsklinikum St. Pölten und international anerkannter Experte für Hörimplantologie. Die HNO-Abteilung gehört zu den größten Fachabteilungen Österreichs.
Prim. Univ.-Prof. Dr. Georg Sprinzl leitet die HNO-Abteilung am Universitätsklinikum St. Pölten
„Jeder Mensch sollte seine Hörleistung kennen.“
Früh gegensteuern
Am häufigsten von Hörverlust betroffen ist die Altersgruppe ab 60 Jahren, denn mit zunehmendem Alter lässt unser Gehörsinn nach. Doch es ist nicht nur eine Frage des Alters; auch Kinder und junge Menschen leiden unter Hörverlust. „Haupt-ursachen für Hörprobleme in jüngerem Alter sind Lärmbelastung im Beruf oder laute Freizeitaktivitäten“, warnt Sprinzl (siehe Seite 24). Und: Hörverlust kommt selten plötzlich. Meist entwickeln sich die Hörprobleme schleichend, sodass Betroffene sich zunächst daran gewöhnen. Erst wenn Gespräche anstrengend werden oder Angehörige und Freunde darauf aufmerksam machen, fällt die Hörminderung auf. Doch je früher Hörverlust erkannt wird, desto besser kann man gegensteuern und weiteren Hörschäden vorbeugen. HNO-Arzt Sprinzl empfiehlt daher regelmäßige Hörtests: „Jeder Mensch sollte seine Hörleistung kennen. Einen Hörtest kann man auch selbst ganz unkompliziert durchführen, etwa mit einer App am Handy. Wenn es Auffälligkeiten gibt, sollte man zum HNO-Arzt oder HNO-Ärztin oder zu Hörgeräteakustikern gehen. Denn für Hörstörungen gibt es oft eine Lösung.“
Verschiedene Arten
Je nach betroffener Region unterscheidet man zwischen Schallleitungsschwerhörigkeit (im äußeren Ohr und Mittelohr) und Schallempfindungsschwerhörigkeit (im Innenohr und/oder durch Hörnervenschädigung). Eine Schallverarbeitungsschwerhörigkeit ist eine neurale oder zentrale Störung. Davon sind Hörnerv oder die Hörbahn beziehungsweise die Hörrinde betroffen. Bei der Schallempfindungsschwerhörigkeit handelt es sich um eine verminderte Schallaufnahme oder -verarbeitung im Innenohr – bedingt durch eine Schädigung der Cochlea, also der Hörschnecke. Häufig ist auch die kombinierte Schwerhörigkeit, dabei ist sowohl die Schallleitung als auch die Empfindung beeinträchtigt. Ein Hörtest bringt Aufklärung, sagt Georg Sprinzl.
Auch viele junge Menschen sind durch Lärmbelastung im Beruf oder laute Freizeitaktivitäten von Hörproblemen betroffen.
Hörgerät & Cochlea-Implantat
In manchen Fällen reicht ein Hörgerät aus, in anderen braucht es jedoch ein Cochlea-Implantat. Ein Hörgerät unterstützt das noch funktionierende Gehör. Es enthält ein Mikrofon, das Töne bzw. Geräusche der Umgebung aufnimmt. Diese werden dann in elektrische Signale umgewandelt, die von einem Verstärker lauter gemacht werden. Anschließend werden die verstärkten Signale über einen Lautsprecher wieder in Schallwellen umgewandelt und in den Gehörgang geleitet. Damit ein Hörgerät funktioniert, müssen die Haarzellen im Innenohr noch intakt sein. Je nach vorliegender Hörstörung verstärkt das Hörgerät jene Frequenzen oder Töne, die der Betroffene nicht mehr gut wahrnimmt.
Ein Cochlea-Implantat wird bei Menschen eingesetzt, deren Haarzellen im Innenohr so stark geschädigt sind, dass ein Hörgerät nicht mehr hilft. Das Implantat umgeht die Haarzellen und leitet elektrische Signale direkt an den Hörnerv weiter. Es besteht aus einem Mikrofon und einem Sprachprozessor außen am Kopf sowie einer Elektrode, die in die Hörschnecke (Cochlea) eingesetzt wird. Die Signale werden vom Gehirn als Geräusche wahrgenommen. Das Cochlea-Implantat ermöglicht so Menschen ohne funktionierendes Gehör das Hören – zum Beispiel Kindern, die taub zur Welt gekommen sind. Altersgrenze gibt es keine; Sprinzls älteste Patientin ist 100 Jahre alt, mit 92 bekam sie ein Implantat eingesetzt.
„Nicht sehen trennt von den Dingen, nicht hören trennt von den Menschen.“
- Immanuel Kant, deutscher Philosoph (1724–1804)
Screenings
In Österreich werden alle neugeborenen Kinder im Rahmen des Mutter-Kind-Passes untersucht, erklärt Sprinzl: „Man misst die akustische Reizantwort des Innenohrs auf eine Beschallung, um es vereinfacht zu sagen. Man steckt ein Mikrofon ins Ohr und kann dann über einen akustischen Reiz die Antwort der Hörzellen messen. Mit diesem Verfahren gelingt es, Kinder, die im Screening auffällig sind, zu identifizieren.“ Er appelliert an alle Eltern: „Wenn dieses Testverfahren auffällig war, gehen Sie noch einmal zu einer HNO-Ärztin oder einem HNO-Arzt, um den Test zu wiederholen. Man muss am Ball bleiben, denn diesen Kindern kann man helfen.“ Seine Botschaft ist Hoffnung: Schlechthören ist kein Schicksal, das unabwendbar ist. Warnsignale müsse man ernst nehmen, etwa wenn ein Kind nicht in den Spracherwerb kommt. Mit einer objektiven Hörprüfung, der sogenannten BERA, kurz für Brainsteam Auditory Evoked Response Test, lässt sich genau feststellen, ob diese Kinder hören oder nicht. Während einer kurzen Narkose erhalten die Kinder einen akustischen Reiz und man misst auf Hirnstammebene die Hörkurve. „Ist das Ergebnis negativ, können wir weitere Maßnahmen ergreifen – entweder reicht ein Hörgerät aus oder es wird ein Cochlea-Implantat eingesetzt“, sagt Experte Sprinzl. „Damit können sich die Kinder altersgemäß entwickeln, im Regelfall in normale Schulen gehen. Das wäre vor dreißig, vierzig Jahren ganz anders gewesen.“ In seinen Augen ist das einer der größten Fortschritte in der Medizin. Wodurch Hörstörungen bedingt sind, ist in vielen Fällen unbekannt; Auslöser können etwa eine perinatale virale Infektion oder auch genetische Ursachen sein.
Ein klassisches Hörprüfverfahren ist unter anderem die Tonaudiometrie oder die Sprachaudiometrie.
Achten Sie auf sich!
Aber auch selbst ist man in der Verantwortung, sagt Sprinzl: „Man muss auf sein Gehör aufpassen. Denn wenn ein Lärmschaden aufgetreten ist, ist es schwierig, ihn rückgängig zu machen.“ Sein Appell lautet: „Tragen Sie beim Jagen, in der Disco, in einer lauten Umgebung einen Gehörschutz, achten Sie auf Ihre Ohren!“
Was man auf keinen Fall machen sollte, ist bei beginnender Hörstörung zu warten, mahnt der HNO-Arzt: „Die Hörfähigkeit kann immer weiter verkümmern. Eine Hörstörung verschlechtert sich mit zunehmendem Alter tendenziell.“ Viele Menschen, die ein Hörgerät tragen sollten, weigern sich jedoch – und das ungeliebte Teil bleibt in der Schublade. Doch moderne Hörgeräte sind intelligente technische Begleiter. Sprinzl beobachtet, dass die Akzeptanz für Hörgeräte steigt – bedingt durch In-ear-Pods, die derzeit in allen Ohren stecken. Das Stigma löst sich auf. Damit öffnet sich für viele Menschen wieder der Zugang zur Welt. Hören heißt dazugehören. Daher: Hören Sie auf sich!
Selbst-Check: Hörminderung erkennen
Sie verstehen andere nur schwer, besonders in lauter Umgebung?
Zuhören strengt an?
Stellen Sie Fernseher, Radio und Handy lauter als früher?
Andere sagen, Sie sprechen ungewöhnlich laut?
Sie hören ein Klingeln, Summen oder Pfeifen im Ohr?
Treffen ein oder mehrere Punkte auf Sie zu? Dann ist es Zeit, genauer hinzuhören. Ein Hörtest bei einer Expertin oder einem Experten ist kostenlos, einfach und schnell. Auch online stehen Hörtests zur Verfügung – diese ersetzen jedoch keinen Besuch bei einer Ärztin/einem Arzt oder einer Hörakustikerin/einem Hörakustiker und stellen keine medizinische Diagnose dar.
Podcast „Das Sprechzimmer G1.3“
Hören Sie noch richtig? Oder hat Ihr Kind Hörschwierigkeiten? In Folge 57 erklärt Prim. Univ.-Prof. Dr. Georg Sprinzl, wie man Hörprobleme bei Kindern und bei sich selbst testen und erkennen kann, nennt Behandlungsmöglichkeiten und betont, warum Prävention im mittleren Alter und rasches Handeln so wichtig sind. Zu finden ist der Podcast auf gängigen Streaming-Plattformen wie Spotify, RTL plus, Apple Podcasts, Amazon Music, Deezer, YouTube Music oder online unter
Text: Karin Schrammel⎪Fotos: Philipp Monihart, iStock_cottidie , _OksanaTkachova