Der späte Pollen-Schreck!
Wenn im September die Nase rinnt und die Augen brennen, steckt nicht immer eine Erkältung dahinter. Häufig ist Ragweed die Ursache. Die invasive Pflanze sorgt mit ihren besonders aggressiven Pollen für heftige Allergiebeschwerden – und ihr Vormarsch ist noch lange nicht gestoppt.
Während viele Pollenallergikerinnen und -allergiker im September endlich aufatmen können, beginnt für Menschen mit Ragweed-Allergie oft die belastendste Zeit des Jahres. Die Pflanze, die ursprünglich aus Nordamerika stammt, hat es in sich: Durch den Klimawandel fühlt sie sich auch in Österreich zunehmend wohl und verlängert für viele Betroffene die Pollensaison bis weit in den Herbst. „Ragweed ist ein Neophyt, also eine invasive Pflanzenart, die vermutlich im Zweiten Weltkrieg durch amerikanische Hilfslieferungen nach Europa gelangt ist. Seitdem breitet sich das Kraut stetig weiter aus“, erklärt Dr. med. univ. Markus Berger, Obmann des Österreichischen Polleninformationsdiensts. Besonders wohl fühlt sich Ragweed auf gestörten Böden, beispielsweise entlang von Autobahnen, Bahngleisen oder auf landwirtschaftlichen Flächen. Von Osten her wandert die Pflanze zunehmend Richtung Westen. Das hat nicht nur gesundheitliche Folgen: Auch Infrastrukturerhalter und Landwirtschaft sind betroffen, etwa durch zusätzliche Pflegekosten oder mögliche Ernteausfälle. Für Allergikerinnen und Allergiker ist Ragweed vor allem deshalb problematisch, weil seine Pollen besonders stark wirken. „Ragweed-Pollen sind stark allergen. Bereits eine vergleichsweise geringe Menge pro Kubikmeter Luft kann Beschwerden verursachen“, so Berger. Hinzu kommt: Die Blüte fällt in den August und September – also in eine Zeit, in der viele andere Pflanzen bereits abgeblüht sind.
Dr. med. univ. Markus Berger
Obmann des Österreichischen Polleninformationsdiensts
Allergie, die auf die Lunge schlägt
Die Beschwerden ähneln zunächst anderen Pollenallergien: rinnende oder verstopfte Nase, Niesreiz, juckende Augen und gereizte Schleimhäute. Medizinisch spricht man von einer Rhino-konjunktivitis. Doch Ragweed kann mehr als „nur“ Heuschnupfen auslösen. „Studien zeigen, dass eine Ragweed-Allergie besonders häufig zu allergischem Asthma führen kann“, warnt Berger. Auch Hautreaktionen sind möglich. Kommt es zum direkten Kontakt mit der Pflanze, können lokale Ausschläge entstehen. Zusätzlich kann Ragweed Kreuzreaktionen mit heimischen Korbblütlern wie Arnika, Beifuß oder Sonnenblume auslösen. Dadurch können sich die Beschwerden im Spätsommer und Herbst noch verstärken.
Wie man sich schützen kann
Ganz vermeiden lässt sich der Kontakt mit Ragweed-Pollen kaum. „Die Allergenkarenz gestaltet sich, wie bei anderen Pollenallergien, schwierig, da über den Wind auch ein Ferntransport von Ragweed-Pollen aus dem Umland zu Beschwerden führen kann“, sagt Berger. Betroffene sollten daher aktuelle Belastungsvorhersagen beachten, etwa auf polleninformation.at. Bei hoher Belastung empfiehlt es sich, möglichst in geschlossenen Räumen zu bleiben. Pollenschutzgitter und Luftreiniger können helfen, die Wohnung oder das Haus dennoch zu lüften. Im Freien können eine FFP2-Maske, eine große Sonnenbrille und ein Sonnenhut die Beschwerden verringern.
Eine wichtige Rolle spielt auch der kostenlose Ragweed-Finder des Österreichischen Polleninformationsdienstes. „Er dient hauptsächlich der Dokumentation und Weiterleitung von Ragweed-Funden. Jede Meldung wird geprüft und bestätigte Funde werden an die zuständigen Behörden weitergegeben“, erklärt Berger. So können betroffene Stellen frühzeitig gemäht werden, bevor große Mengen Pollen freigesetzt werden. Außerdem sind die Fundmeldungen öffentlich einsehbar – Allergikerinnen und Allergiker können stark belastete Gebiete dadurch meiden und Ausflüge besser planen.
Rechtzeitig (be)handeln
Die Behandlung unterscheidet sich grundsätzlich nicht von anderen Pollenallergien. Gegen akute Beschwerden helfen Antihistaminika und kortisonhaltige Nasensprays. Die einzige ursächliche Therapie ist die allergenspezifische Immuntherapie, auch Desensibilisierung oder Hyposensibilisierung genannt. Sie kann helfen, das Immunsystem langfristig an das Allergen zu gewöhnen. Wer besonders gefährdet ist, lässt sich laut Berger nicht eindeutig sagen. „Wie eine Allergie entsteht, ist bis heute nicht komplett geklärt. Somit kann auch keine Aussage getroffen werden, welche Personengruppen besonders gefährdet sind.“ Denkbar sei aber, dass Menschen mit häufigem Kontakt zu blühendem Ragweed – etwa Landwirte oder Straßenarbeiter – stärker exponiert sind. Sein wichtigster Rat für die kommende Saison: „Längere Outdoor-Aktivitäten sollten gut geplant, aktuelle Pollenvorhersagen beachtet und eine Notfallmedikation bereitgehalten werden.“ Asthmatikerinnen und Asthmatiker sollten außerdem stets ihr Inhalationsspray griffbereit haben. Wer Ragweed im eigenen Garten entdeckt, sollte handeln – idealerweise noch vor der Blüte. „Am besten mit Gartenhandschuhen und FFP2-Maske ausreißen und entsorgen“, rät Berger. Auf den Kompost gehört die Pflanze nicht, da sie dort weiter zur Verbreitung beitragen könnte. Besser ist die Entsorgung über den Restmüll, damit sie im weiteren Verlauf verbrannt wird.
Ragweed auf einen Blick
Was ist Ragweed?
Ragweed (Ambrosia artemisiifolia) ist eine invasive Pflanze aus Nordamerika, die sich seit Jahrzehnten auch in Österreich ausbreitet.Wann blüht sie?
Von August bis September, in warmen Jahren sogar bis in den Oktober.Was sind typische Symptome?
Niesreiz, Fließschnupfen, juckende und tränende Augen, Husten. Das Risiko für allergisches Asthma ist erhöht.Wo wächst Ragweed?
Vor allem entlang von Straßen, Bahngleisen, auf Brachflächen und landwirtschaftlich genutzten Böden.Was tun bei einem Fund?
Die Pflanze möglichst vor der Blüte mit Handschuhen und FFP2-Maske ausreißen, im Restmüll entsorgen und den Fund über den kostenlosen Ragweed-Finder des Österreichischen Polleninformationsdienstes melden.
Text: Michaela Neubauer⎪Foto: istock: Zorica Nastasic, emilio100; Freepic: Marina Naum; GeorgWilke