Wenn Mann nicht kann

Erektionsstörungen sind oft ein großes Tabuthema, doch sie können Warnsignal für einige Erkrankungen sein. Daher ist es wichtig, über dieses Thema offen zu sprechen.

Wenn die Potenz Probleme macht: Unterschiedliche körperliche und psychische Faktoren können die Standfestigkeit des „guten Stücks“ beeinflussen – viele Männer sind davon betroffen, reden aber nicht darüber. Prim. Univ.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Harun Fajkovic, MSc F.E.B.U., Leiter der Klinischen Abteilung für Urologie und Andrologie am Universitätsklinikum St. Pölten, spricht im Podcast „Das Sprechzimmer G1.3“ über sexuelle Leistungsfähigkeit, fehlendes Wissen sowie Scham und Angst vor Peinlichkeit. Außerdem erklärt er, welche Krankheitsbilder mit erektiler Dysfunktion zusammenhängen können.

 

Prim. Univ.-Prof. Priv.-Doz.Dr. Harun Fajkovic, MSc F.E.B.U., Universitätsklinikum St. Pölten

 

Erektile Dysfunktion: Was bedeutet das genau?

Man muss ganz klar unterscheiden zwischen Erektion und Libido, also zwischen Können und Wollen. Das Wollen, die Libido, bedeutet empfänglich zu sein, Reize zu registrieren, und ist eine stark testosteronabhängige Komponente, aber auch ein Teil unserer psychischen Gesundheit. Das heißt, es ist schwierig, eine gesunde Libido zu haben, wenn man etwa in einer Depression steckt, alkohol- oder drogensüchtig ist.
Die Libido kann auch ein Hinweis auf die Qualität der Beziehung sein. Wenn die Libido intakt ist und ein Mann an Erektionsstörungen leidet, handelt es sich um eine erektile Dysfunktion. Also wenn der Penis nicht hart wird oder nicht hart genug ist, um die Partnerin oder den Partner zu penetrieren. Zuerst muss man sich Gedanken um die Blutgefäße machen, denn erektile Dysfunktion kann ein erster Hinweis auf ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko bis hin zum Herzinfarkt oder Schlaganfall sein. Auch bei unbehandeltem Diabetes leiden die Blutgefäße. All diese Erkrankungen sollte man abklären, um eventuell noch größeren Schaden zu vermeiden.


Wie kriegt der Patient seine Erektion wieder?

Heutzutage gibt es viele Medikamente zur Behandlung, sogenannte PDE-5-Hemmer. Die Qualität ist hervorragend. Bei der Wirkung gibt es kleine Unterschiede; manche wirken schneller, aber kürzer. Andere wirken später, aber dafür deutlich länger.


Wie viele Männer leiden unter Erektionsstörungen?

Von den Patientenkontakten, die ich in meiner Ordination habe, leidet zirka die Hälfte an erektiler Dysfunktion – Geschlechtsverkehr ist ohne Hilfe nicht möglich. Die Medikamente sind heutzutage sehr sicher und haben wenige Nebenwirkungen. Als Arzt braucht es jedoch viel Gespür, um zu entscheiden, wem man sie verschreibt. Ich spreche meine Patienten deshalb immer direkt darauf an.

Es gibt auch Erkrankungen, die eine erektile Dysfunktion auslösen. Die Induratio penis plastica ist eine gutartige Bindegewebs­erkrankung des Penis, die Schmerzen, Verhärtungen und eine Verkrümmung bei der Erektion verursachen kann. Dann ist Geschlechtsverkehr oft technisch unmöglich.

Daneben gibt es die Ejaculatio praecox, den unkontrollierten, vorzeitigen Samen­erguss. Diese Männer sind erektionstechnisch gesund – Gefäße und Schwellkörper funktionieren, doch die Nerven reagieren zu rasch. Das verursacht großen Leidensdruck. Je nach Ursache stehen unterschiedliche Medikamente und Therapien zur Verfügung. Ich nehme mir viel Zeit, um die Möglichkeiten mit den Patienten zu besprechen.

Braucht es manchmal auch psychotherapeutische Unterstützung?

Viele Männer wollen nicht hören, dass auch eine psychische Komponente eine Rolle spielen kann. Manche fühlen sich gekränkt, wenn etwas Messbares wie die Erektion auf die Psyche zurückgeführt wird. Gleichzeitig gibt es nur wenige spezialisierte Psychologinnen und Psychologen. Deshalb versuchen Andrologen, diesen Bereich mit abzudecken (das Fachgebiet der Andrologie ist auf die männliche Fortpflanzungs- und Sexualfunktion spezialisiert, Anm.). Auch psychischer Stress oder ungesunde Lebensgewohnheiten können sich auf die Potenz auswirken.


Sexualität und Erektion erscheinen ein bisschen als Luxus. Warum ist das so?

Erstens: Ich halte sexuelles Leben für ein Grundrecht. Trotzdem ist sie ein Luxus, weil die Medikamente nicht von der Krankenkasse bezahlt werden. Auch der Androcheck – also das gezielte Gespräch über Sexualität und Erektion – gehört nicht zur urologischen Vorsorgeuntersuchung. Während bei Inkontinenz Behandlungen und Hilfsmittel übernommen werden, müssen Männer mit erektiler Dysfunktion die Kosten selbst tragen. Das sollte sich ändern.


Wie lange dauert der durchschnittliche Geschlechtsverkehr?

Sieben Minuten. Vieles, was man in Filmen oder sozialen Medien sieht, macht Männern und Frauen Stress. Vor allem bei Jugendlichen ist der Performancedruck hoch, denn Pornos sind heutzutage allgegenwärtig. Was man dort sieht, ist jenseits der Realität. Den Liebesakt als Performance zu bezeichnen, ist sowieso verfehlt. Wer kann und wer will, soll länger Geschlechtsverkehr haben, aber man muss schon die Grenzen definieren, was üblich ist. Sieben Minuten sind kein Versagen, sondern der europäische Durchschnitt.


Wann spricht man von einem großen oder kleinen Penis?

Die Größe im schlaffen Zustand sagt nichts darüber aus, wie groß der Penis bei einer Erektion wird. Im mitteleuropäischen Durchschnitt misst er erigiert elf bis dreizehn Zentimeter. Von einem Mikropenis spricht man erst bei weniger als sieben Zentimetern. Dann kann eine Behandlung sinnvoll sein. Von Penisverlängerungen rate ich grundsätzlich ab. Häufig wird Eigenfett eingespritzt, um etwas mehr Umfang zu erreichen – das ist meist harmlos. Gefährlich wird es, wenn etwa Paraffin unter die Vorhaut gespritzt wird. Solche Eingriffe können schwere Entzündungen und Entstellungen verursachen. Natürlich gibt es medizinische Gründe für Operationen, doch viele Männer wünschen sich einen größeren Penis, obwohl sie völlig im Normbereich liegen.

Wie lautet Ihr Appell zum Thema erektile Dysfunktion?

Reden Sie darüber. Auf keinen Fall sollte man das Problem für sich behalten oder probieren, es mit Alkohol oder mit Präparaten aus dem Internet zu lösen. Viele Erektionsprobleme lassen sich mit relativ wenig Aufwand beheben. Gehen Sie zum Facharzt oder zur Fachärztin für Urologie. Die urologische Ambulanz im Spital ist für derartige Sachen nicht geeignet, denn bei erektiler Dysfunktion handelt sich um keinen Akutzustand. Dafür ist der niedergelassene Bereich zuständig. Suchen Sie sich rasch Hilfe!


Podcast „Das Sprechzimmer G1.3“

Der Beitrag ist eine Zusammenfassung des Podcasts „Wenn die Potenz Probleme macht“, Folge 52. Wie es zu einer Penisfraktur kommt, warum der Urologe oft Dickpics sieht, wie eine Penisprothese funktioniert und vieles mehr erfahren Sie on air beim Podcast „Das Sprechzimmer G1.3“.

Zu finden auf gängigen Streaming-Plattformen wie Spotify, RTL plus, Apple Podcasts, Amazon Music, Deezer, Youtube Music oder online unter landesgesundheitsagentur.at/service/podcast


Text: Zusammengefasst von Karin Schrammel⎪Fotos: inspiring - Magnific.com

 

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