Palliativmedizin ist weit mehr als Begleitung am Lebensende. Sie soll schwerkranken Menschen möglichst früh dabei helfen, Beschwerden zu lindern, Lebensqualität zu erhalten und jene Zeit, die vor ihnen liegt, so selbstbestimmt und gut wie möglich zu gestalten.
Was braucht es, um (gut) leben zu können? Eine Frage, die auf der Palliativstation des Landesklinikums Scheibbs eine zentrale Rolle spielt. Seit 25 Jahren behandelt und betreut ein eingespieltes, interdisziplinäres Team die Patientinnen und Patienten – und das auf allen Ebenen.
Pilotprojekt gestartet
Oberärztin Dr. Birgit Kum-Taucher ist seit mehr als 30 Jahren als Fachärztin für Innere Medizin am Landesklinikum Scheibbs tätig. Für Palliativmedizin interessiert sie sich schon von Beginn an. Den entscheidenden Anstoß für ihr späteres großes Engagement gab schließlich eine Kollegin: „Sie meinte zu mir, ich interessiere mich ja für die Palliativmedizin und es gäbe nun wieder ein neues Ausbildungsangebot.“ Kurz darauf absolvierte Kum-Taucher die Palliativausbildung in Wien, gemeinsam mit einer diplomierten Pflegekraft. Die Abschlussarbeit war die Gründung eines Hospizvereines in Scheibbs. Kum-Taucher konnte zahlreiche Begeisterte dafür gewinnen. Doch bald stellte sich für sie die nächste Frage: Was können wir direkt im Klinikum tun? Rat holte sie sich bei einem Kollegen, der zu diesem Zeitpunkt bereits eine Palliativstation in Linz aufgebaut hatte. Mit einem eigenen Konzept wandte sich Kum-Taucher schließlich an das Land Niederösterreich – mit Erfolg: 2001 wurden im Landesklinikum Scheibbs und im Landesklinikum Waidhofen/Thaya Palliativstationen mit jeweils vier Betten als Pilotprojekt eingerichtet. Die neue Station etablierte sich rasch. 2007 kam das mobile Palliativteam hinzu, aus zunächst vier Betten wurden sechs und schließlich acht Betten für Palliativpatientinnen und -patienten. Von Anfang an besonders wichtig war die interdisziplinäre Zusammenarbeit. Neben Kum-Taucher sind heute zwei weitere Ärztinnen auf der Station tätig. Eng zusammengearbeitet wird mit Pflege, Physiotherapie, Diätologie, Seelsorge, Musik- und Hundetherapie sowie Psychologie. Ebenso wichtig ist die Vernetzung mit sozialen Einrichtungen, Hausärztinnen und Hausärzten, der Onkologie des Klinikums und nicht zuletzt den Angehörigen.
OÄ Dr. Birgit Kum-Taucher, Landesklinikum Scheibbs
„Viele Patientinnen und Patienten fühlen sich geheilter, wenn sie uns verlassen. Sie kommen von der Ohnmacht ins Tun.“
Manches kann geheilt werden
Betritt man die Palliativstation im Landesklinikum Scheibbs, spürt man sofort den heimeligen Charakter. Der Stützpunkt in der Mitte ist kunstvoll dekoriert; jedes der acht Zimmer hat einen eigenen Balkon mit Blick ins Grüne. Es gibt eine Dachterrasse, einen Raum der Stille und ein Wohnzimmer für die Patientinnen und Patienten und ihre Angehörigen. „Auf der Palliativstation ist die personelle Präsenz eine andere. Wir arbeiten interdisziplinär sehr eng zusammen“, sagt Kum-Taucher. Anders ist hier auch der Stellenwert der Angehörigen: Sie spielen eine große Rolle in der Betreuung der Patientinnen und Patienten und werden nicht nur regelmäßig in persönlichen Gesprächen informiert, sondern beispielsweise auch in die Pflege einbezogen. Doch unter welchen Voraussetzungen kommt man auf eine Palliativstation? Menschen mit lebenslimitierenden Erkrankungen und komplexen Krankheitsbildern, onkologischen und fortgeschrittenen kardiopulmonalen und neurologischen Erkrankungen können das Angebot in Anspruch nehmen. Grundsätzlich werden die Patientinnen und Patienten wie auf jeder anderen Station behandelt. Blutabnahmen oder Schmerztherapie stehen etwa auf dem Programm. Auch wenn man vorrangig Symptome lindert, können immer wieder Nebenwirkungen von Therapien oder Entzündungen behandelt und geheilt werden. Das wirkt sich positiv auf die unheilbar erkrankten Menschen aus: „Viele Patientinnen und Patienten fühlen sich geheilter, wenn sie uns verlassen, auch wenn die Grunderkrankung weiterbesteht. Sie kommen von der Ohnmacht ins Tun.“ Kum-Taucher und ihre Kolleginnen fahren auch als mobiles Team zu den Menschen nach Hause. Gemeinsam mit den diplomierten Pflegekräften besucht die Ärztin die Patientinnen und Patienten und gibt Empfehlungen ab, beispielsweise bezüglich Physiotherapie oder Infusionen.
DGKP Petra Schweighofer leitet seit 2006 die Palliativstation im Landesklinikum Scheibbs
Gelingender Abschiedsprozess
In den vergangenen Jahren entstanden Palliativstationen in allen Regionen Niederösterreichs: Neben dem Landesklinikum Scheibbs und dem Landesklinikum Waidhofen/Thaya befinden sich mittlerweile auch Palliativstationen in den Landeskliniken Amstetten, Hollabrunn, Mistelbach-Gänserndorf, Baden, Lilienfeld sowie in den Universitätskliniken Hochegg und Krems. Im Universitätsklinikum Krems leitet Priv.-Doz. Oberärztin Dr. Gudrun Kreye die Palliativstation. Sie beobachtet einen Wandel der Palliativmedizin in den vergangenen Jahren: „Palliativmedizin wurde ursprünglich stark mit Sterben, Hospiz und den letzten Lebenstagen verbunden. Heute verstehen wir Palliative Care wesentlich breiter. Es geht nicht darum, erst dann dazuzukommen, wenn die Medizin nichts mehr tun kann. Im Gegenteil: Palliativmedizin ist hochaktive Medizin. Sie behandelt Schmerzen, Atemnot, Übelkeit, Angst oder Delir, beschäftigt sich aber gleichzeitig mit psychischen, sozialen und spirituellen Belastungen und unterstützt die Angehörigen.“ Das unterschreibt auch Kum-Taucher: „Der rehabilitative Charakter in der Palliative Care ist neu. Wir sind heute Teil des Ganzen, eine ergänzende therapeutische Möglichkeit und werden frühzeitig geholt.“ Im Universitätsklinikum Krems wird mithilfe von Screening-Tools überprüft, ob Patientinnen und Patienten einen palliativen Betreuungsbedarf haben. Faktoren wie häufige Notaufnahmebesuche oder die Einschätzung, dass ein Patient innerhalb eines Jahres versterben könnte, können Hinweis darauf geben, dass eine frühzeitige palliative Betreuung sinnvoll ist, fügt Kreye hinzu. Neben medizinischen und therapeutischen Maßnahmen spielt auch die Pflege eine große Rolle. DGKP Petra Schweighofer leitet seit 2006 die Palliativstation in Scheibbs. „Bei uns steht die Ganzheitlichkeit im Fokus. Die eigene Haltung den Menschen gegenüber spielt eine große Rolle. Fachkenntnisse in Aromapflege, basaler Stimulation oder Kinästhetik kommen zum Einsatz. Wir haben einen groben Tagesablauf und schauen individuell, was der Patient bzw. die Patientin gerade braucht.“ Das Wohlbefinden der palliativen Patientinnen und Patienten steht im Mittelpunkt. Hat ein Patient bzw. eine Patientin Geburtstag, wird ein Ständchen gesungen. „Wir erfahren sehr viel von den Menschen.“ Darüber ist auch Birgit Kum-Taucher immer wieder erfreut: „Es erfüllt mich mit Ehrfurcht, wie viel Vertrauen uns die Menschen entgegenbringen.“ Neben der frühen Einbindung der Palliative Care hat sich auch die Arbeit selbst geändert. Früher, so erzählt die Ärztin, habe man die Menschen öfter sediert. Heute spricht man mit den Patientinnen und Patienten über ihre individuellen Wünsche. Damit ist die Ärztin nicht nur Medizinerin, sondern auch Seelsorgerin, Moderatorin – und Krisenmanagerin. „Vieles dreht sich um die Frage, was es braucht, um so leben zu können. Es geht um Perspektiven und auch darum, einen gelingenden Abschiedsprozess zu gestalten.“
Priv.-Doz. OÄ Dr. Gudrun Kreye, Universitätsklinikum Krems
„Palliativmedizin wurde ursprünglich stark mit Sterben, Hospiz und den letzten Lebenstagen verbunden. Heute verstehen wir Palliative Care wesentlich breiter.“
Hochwertige Medizin
Mittlerweile gibt es in Niederösterreich insgesamt 66 Palliativbetten. Palliativstationen und mobile Teams sind nicht mehr wegzudenken. Für Kreye ist Palliative Care heute ein unverzichtbarer Bestandteil einer qualitativ hochwertigen Medizin: „Gerade weil Menschen durch moderne Therapien immer länger mit schweren chronischen oder onkologischen Erkrankungen leben, müssen wir neben der Frage ‚Wie lange kann jemand leben?‘ genauso fragen: ‚Wie kann dieser Mensch leben?‘ Lebensqualität, Symptomkontrolle, Kommunikation, Therapiezielentscheidungen und die Unterstützung der Familie sind keine Nebenthemen. Sie gehören ins Zentrum einer patientenzentrierten Medizin.“ Für die Zukunft wünscht sich die Medizinerin vor allem, dass Palliative Care noch früher und selbstverständlicher in die Behandlung schwerkranker Menschen integriert wird. „Wir sollten nicht warten, bis eine Situation eskaliert oder alle krankheitsgerichteten Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Entscheidend ist nicht die Frage: Ist dieser Patient schon palliativ? Sondern: Hat dieser Mensch palliative Bedürfnisse? Wir brauchen Palliativmedizin nicht nur in der Versorgung, sondern genauso in Lehre und Forschung. In der universitären Verankerung haben wir allerdings noch etwas Aufholbedarf. Mein großer Wunsch wäre daher ein eigener Lehrstuhl für Palliativmedizin.“
„Heldinnen und Helden“
Für Birgit Kum-Taucher neigt sich die Zeit auf der Palliativstation langsam dem Ende zu. Im kommenden Sommer tritt sie ihren Ruhestand an. Ihre langjährige Arbeit mit den Palliativpatientinnen und -patienten ist für sie sehr erfüllend: „Jede Begegnung ist schön. Manchmal fließen Tränen und man sieht, dass sich bei den Angehörigen etwas löst. Manchmal ist man erleichtert, wenn jemand gehen kann. Es ist schön, strahlende Augen zu sehen, wenn man gerade ein Symptom gelindert hat, jemand wieder mobiler wird oder die Übelkeit sich bessert. Je älter ich werde, umso dankbarer werde ich. Ich lerne selbst so viel von meinen Patientinnen und Patienten. Sie alle sind Heldinnen und Helden.“
Interdisziplinäre Zusammenarbeit ist auf einer Palliativstation besonders wichtig. Das Ambiente unterscheidet sich grundlegend von normalen Krankenhausstationen, da es gezielt darauf ausgerichtet ist, eine geborgene Atmosphäre zu schaffen.
Palliative Care
Palliative Care ist ein Ansatz zur Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit lebenslimitierenden und komplexen Erkrankungen und ihrer Angehörigen. Im Mittelpunkt stehen die Vorbeugung und Linderung von Schmerzen sowie die frühzeitige Erkennung und Behandlung von Schmerzen und anderen belastenden Beschwerden körperlicher, psychischer, sozialer und spiritueller Art. Palliative Care kann bereits früh im Krankheitsverlauf und ergänzend zu anderen Therapien eingesetzt werden.
Mobile Palliativpflege
Die Palliativpflege-Betreuung des Hilfswerks ermöglicht es schwerkranken Menschen, ihre letzte Lebenszeit in ihrer gewohnten Umgebung zu verbringen. Dabei stehen Expertinnen und Experten mit fundiertem Fachwissen zur Seite. Die Tarife sind sozial gestaffelt und orientieren sich am Familieneinkommen.
Informationen: www.hilfswerk.at
„Bedürfnis nach Geborgenheit am Lebensende“
DGKP Ursula Kittenberger-Huth, stellvertretende Pflegemanagerin und Palliative Care beim Hilfswerk NÖ
Was benötigen Menschen in der letzten Lebensphase und was kann Palliativpflege dabei leisten?
Es ist wichtig, dass ein geborgenes Umfeld geschaffen wird und die Menschen Ruhe finden. Im palliativen Setting versuchen wir auftretende Beschwerden zu lindern und damit die Lebensqualität zu verbessern. Man kann sich die Palliativpflege wie einen Mantel vorstellen, der den Menschen schützt und ihm Halt gibt. In dieser sensiblen Lebensphase ist es wichtig, sich auf individuelle Bedürfnisse einzulassen und den Menschen in seiner ganzen Lebenssituation wahrzunehmen. Jede Begleitung ist anders, deshalb ist es wichtig, durch achtsames Zuhören und wertschätzende Kommunikation für die Betroffenen und die Angehörigen da zu sein. Unser Ziel ist es, durch fachlich fundierte, ganzheitliche und individuelle Pflege Unterstützung zu geben und Angehörige oder Freunde in das Pflegekonzept zu integrieren.
Wie unterscheidet sich Palliativpflege von „normaler“ Pflege?
Die Palliativpflege unterscheidet sich in verschiedenen Aufgabenbereichen von der normalen Pflege. Man blickt gezielter darauf, was der Betroffene gerade benötigt und was für die Person angenehm ist und zum Wohlfühlfaktor beiträgt. Häufig kommen komplementäre Ansätze, wie zum Beispiel Aromapflege für schmerzlindernde Einreibungen, Waschungen oder sanfte Fußmassagen, zum Einsatz. Essen und Trinken ist am Lebensende oft nicht mehr möglich. Das ist für die Angehörigen häufig schwer zu ertragen. Hier ist es wichtig, ihnen zu zeigen, wie sie etwa Mundpflege mit Lieblingsgetränken durchführen können.
Welche Wünsche und Bedürfnisse begegnen Ihnen bei Menschen am Lebensende immer wieder?
Häufig gibt es den Wunsch, jemanden noch einmal zu sehen, etwa wenn dieser Mensch weit entfernt lebt. Es gibt auch Menschen, die mit jemandem Streit hatten und bei denen etwas nicht ausgesprochen wurde. Es kann sein, dass ein Mensch nicht gehen kann, weil noch etwas offen ist. Viele wünschen sich am Lebensende vor allem, Zeit mit ihren Liebsten zu verbringen und in einer vertrauten Umgebung zu sein. Das Bedürfnis nach Geborgenheit ist sehr stark. Manche möchten zum Beispiel noch auf ein Konzert gehen oder bei der Hochzeit eines Enkelkindes dabei sein.
Verändert sich der Blick auf das eigene Leben, wenn Menschen wissen, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt?
Wenn Menschen wissen, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt, möchten sie oft noch vieles regeln und Vorsorge für ihre Angehörigen treffen. Die Familie spielt meistens eine große Rolle. Zwischenmenschliche Beziehungen sind am Lebensende wichtig und gemeinsame Momente und schöne Erlebnisse werden bewusster wahrgenommen. Palliativpflege kann bei der Gestaltung der letzten Lebensphase einen wertvollen Beitrag leisten.
Text: Daniela Rittmannsberger-Kampel⎪Fotos: Daniela Führer