Heilen im Wald
Am niederösterreichischen Eichberg im Bezirk Krems befindet sich ein ganz besonderer Ort: Der erste Heilwald Österreichs bietet Raum für Entspannung und Regeneration.
Viele von uns spazieren immer wieder durch einen Wald. Oft unterhält man sich währenddessen mit seiner Begleitung oder ist in Gedanken versunken. Doch was passiert, wenn man einfach einmal stehen bleibt, die Augen schließt und hinhört? Oder bewusst den Duft wahrnimmt? Plötzlich erscheint der Wald als eigenes Universum – etwas, das viel mehr ist als nur eine Ansammlung von Bäumen. Ein Ort, der die Sinne anspricht und Körper und Geist zur Ruhe bringt.
Therapie im Grünen
In der Nähe des Benediktinerstifts Göttweig – am gegenüberliegenden Eichberg in der Gemeinde Paudorf – befindet sich ein ganz besonderer Wald: der erste zertifizierte Heilwald Österreichs. Nach etwa 30 Minuten Fußweg bergauf erreicht man das Areal. Hier sind mehrere Stationen angelegt, die unterschiedlichen Bereichen zugeordnet sind: Im Aktivbereich ist der Name Programm – hier stehen etwa Ringe, ein Reck, eine Wackelbrücke und ein Balancierseil zur Verfügung, die von Besucherinnen und Besuchern genutzt werden können. Der Entspannungsbereich bietet hingegen Elemente wie Schaukeln und Hängematten sowie gezielte Impulse wie „Tief durchatmen“ oder „Erspüre den Wald“, die dazu anregen, die Umgebung bewusst mit allen Sinnen zu erforschen. Wer vom Aktivbereich aus nach links geht, entdeckt nach wenigen Minuten etwas, das man in einem österreichischen Wald nicht vermuten würde: gigantisch große, 146 Jahre alte Mammutbäume. Seit einem Jahr gibt es den Heilwald Göttweig, der ein Kooperationsprojekt der IMC Hochschule für Angewandte Wissenschaften Krems und dem Benediktinerstift Göttweig ist. Die Idee reicht jedoch weiter zurück: Bereits 2017 bringt Dr. Heinz Boyer, Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender der IMC Hochschule, das Konzept des Heilwalds nach Österreich. Einige Jahre später findet er im Benediktinerstift Göttweig einen Kooperationspartner, gefördert wird der Heilwald zusätzlich von der Leader Region Donau NÖ Mitte. Verschiedene Wälder werden auf ihre Eignung überprüft, bis die Wahl schließlich auf den Eichberg fällt. Doch was ist eigentlich ein Heilwald? „Ein Heilwald basiert auf einem wissenschaftlich fundierten Konzept und ist gezielt für therapeutische Zwecke ausgelegt. Er wird aktiv in Therapien eingebunden – etwa in der Physio- oder Psychotherapie – und kommt ebenso in der Prävention zum Einsatz“, erklärt Susanne Bauer. Sie leitet den Heilwald Göttweig, ist Geschäftsführerin des Vereins „Forum Wald & Gesundheit“ und zudem ausgebildete Waldgesundheitstrainerin. Voraussetzung für die Zertifizierung als Heilwald sind unter anderem eine hohe Biodiversität, geeignete Wege sowie eine möglichst geringe Belastung durch Lärm und Luftschadstoffe. Auch niedrige Allergenbelastung und passende klimatische Bedingungen spielen eine Rolle. Ergänzend zum Waldgutachten wurde in Göttweig ein medizinisch-therapeutisches Gutachten erstellt, das zeigt: Vor allem Erkrankungen des Bewegungs- und Stützapparates, Herz-Kreislauf-Leiden sowie neurologische und psychosomatische Beschwerden können von der Waldtherapie profitieren.
„Ist tief in uns verankert“
2022 wird der Wald am Eichberg offiziell zum Heilwald erklärt. Doch genutzt wird er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Etwas, das Susanne Bauer beschäftigt: „Ich habe die Entwicklung des Heilwalds seit der Zertifizierung privat mitverfolgt und fand es schade, dass das Projekt lange stillstand. Aus dieser Motivation heraus entwickelte ich ein eigenes Nutzungskonzept, mit dessen Umsetzung mich das IMC Krems ab August 2024 als Projektleiterin gemeinsam mit dem Benediktinerstift Göttweig beauftragte.“ Zwischen Jänner und Juni 2025 entstehen auf dem 53 Hektar großen Gelände die unterschiedlichen Zonen. Mitte Juni 2025 wird der Heilwald schließlich offiziell eröffnet.
Dr. Daniela Haluza (Bild links) und Susanne Bauer (oben) erstellten gemeinsam ein Nutzungskonzept für den Heilwald.
Das Konzept beruht auf vier Säulen: Erstens die individuelle Nutzung, bei der Besucherinnen und Besucher den Wald eigenständig für ihre Gesundheit nutzen können. Unterschiedliche Gruppenangebote zu den Themen Entspannung und Stressreduktion, wie beispielsweise Waldbaden, bilden die zweite Säule. Die dritte Säule umfasst die therapeutische Nutzung des Waldes – etwa Physio- oder Psychotherapie. Geeignet ist der Heilwald vor allem für muskuloskelettale und neurologische Erkrankungen, psychosomatische Beschwerden und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die vierte und letzte Säule widmet sich der Forschung – hier kommt Dr. Daniela Haluza von der Medizinischen Universität Wien ins Spiel. Im September vergangenen Jahres holt Susanne Bauer die Ärztin mit ins Boot. Sie erzählt ihr vom Heilwald und der geplanten therapeutischen Nutzung. Die beiden Frauen sind sofort auf einer Wellenlänge und treiben seither gemeinsam die Weiterentwicklung voran. Im März gründete das Benediktinerstift Göttweig den Verein „Forum Wald & Gesundheit“, mit Bauer als Geschäftsführerin und Haluza als stellvertretende Obfrau sowie zahlreichen weiteren Expertinnen und Experten, die im Vorstand vertreten sind. Daniela Haluza arbeitet am Zentrum für Public Health im Bereich Umwelthygiene und Umweltmedizin. Zuvor war sie in der Pathologie tätig. Heute leitet sie die Forschungseinheit Green Public Health mit Schwerpunkten wie Mensch-Natur-Interaktion, Klimaanpassung im urbanen Raum und Waldtherapie. Gemeinsam mit ihrem Team untersucht sie, wie der Wald auf den Menschen wirkt: „Farben, Geräusche und Gerüche sprechen mehrere Sinne gleichzeitig an. Wir entspannen im Wald ganzheitlich“, betont Haluza. Vor allem Grün- und Blautöne wirken beruhigend. Evolutionsbiologisch ist das nachvollziehbar: Grün steht für Nahrung, Blau für Wasser. Die Kombination aus Natur und Wasser fördert nachweislich die Entspannung – „Das ist tief in uns verankert“, erklärt die Ärztin. Dass sich der Wald positiv auf die psychische Gesundheit und das Stressniveau auswirken, erforschten Haluza und ihr Team im Zuge einer experimentellen Feldstudie. Dafür wurden 66 Menschen in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe verbrachte 20 Minuten im Wienerwald, die andere Gruppe in der Stadt ohne Begrünung. Vor und nach dem Aufenthalt entnahmen Haluza und ihr Team Speichelproben, um das Cortisol im Blut zu messen. Bei der Waldgruppe sank der Stresswert, während er in der Stadt unverändert blieb. Auch die Stimmung blieb im Wald positiv, während sie in der Stadt abnahm. Das Ergebnis der Studie: Bereits 20 Minuten im Wald können die Stimmung verbessern und Stress reduzieren.
MAMMUTBÄUME
Die Mammutbäume „Sequoiadendron giganteum“ im Heilwald Göttweig zählen zum größten Bestand dieser Baumart in Österreich.
Die Bäume wurden 1880 vom Göttweiger Prälat Adalbert
Dungel am Eichberg gepflanzt. Sie werden bis zu 80 Meter hoch und können über 3.000 Jahre alt werden.
Wald als Prävention
„Shinrin Yoku“ – hierzulande als Waldbaden bekannt – stammt ursprünglich aus Asien. Schon in den 1980er-Jahren wurde es dort gezielt eingesetzt, um Stress zu reduzieren und die Gesundheit zu fördern. Vor allem in Japan untersuchte man, wie sich das bewusste Eintauchen in die Waldatmosphäre auf Körper und Psyche auswirkt. Warum also richtet Daniela Haluza ihren Fokus auf mitteleuropäische Wälder? „In Asien sind sowohl die Wälder als auch die kulturellen Hintergründe andere. Mich interessiert, wie Menschen hierzulande auf unsere Natur reagieren“, so die Ärztin. Für sie hat der Wald vor allem eine präventive Bedeutung: „Menschen bewegen sich mehr und bauen Stress ab – das hilft besonders bei Zivilisationserkrankungen. Auch Herz-Kreislauf-Leiden kann man gezielt vorbeugen. Und selbst bei bereits bestehenden Erkrankungen kann der Aufenthalt im Wald die Therapie und den Heilungsprozess unterstützen. Der Wald ist sowieso da, also sollte er auch genutzt werden.“ Susanne Bauer und Daniela Haluza halten sich regelmäßig gemeinsam im Heilwald auf. Bauer bietet dort unter anderem Waldbaden an, das auch Haluza schätzt: „Durch Achtsamkeit und Aufmerksamkeit aktiviert man die Sinne. Eine typische Übung aus dem Waldbaden ist etwa das ‚Waldparfum‘ – man nimmt bewusst den Duft des Waldes wahr oder riecht an einem Zapfen.“ Für therapeutische Anwendungen wird der Heilwald derzeit noch nicht eingesetzt. Das wird sich jedoch noch ändern: Susanne Bauer und der Verein werden das Projekt weiter ausbauen und stärker mit Kliniken sowie Gesundheitseinrichtungen kooperieren. Besonders im Bereich Prävention sehen sie großes Potenzial, das gemeinsam mit Fachleuten wie Daniela Haluza weiter erschlossen werden soll. Was bedeutet der Wald für die beiden Expertinnen? „Für mich ist der Wald eine extrem wertvolle Ressource für Wohlbefinden und Gesundheit. Evolutionsbiologisch betrachtet ist er ein sehr vertrauter Raum, der tief in uns verankert ist. Es ist besonders erfüllend, mit Menschen im Wald zu arbeiten und zu beobachten, wie sich Anspannung löst und Entspannung einsetzt“, schwärmt Susanne Bauer. Auch in Daniela Haluzas Leben dreht sich ein großer Teil um den Wald und seine Wirkung auf die Menschen: „Es ist für mich erfüllend zu sehen, wie Menschen nachhaltig gesund bleiben können.“ Eines ist für die Ärztin klar: Man kommt immer gesünder aus dem Wald heraus, als man hineingegangen ist.
Heilsamer Wald: Im Wald sinkt der Blutdruck, die Pulsraten werden geringer und die Stresshormone nehmen ab.
Heilwald Göttweig
Der Heilwald Göttweig ist der erste zertifizierte Heilwald Österreichs und liegt am Eichberg in der Gemeinde
Paudorf. Das rund 53 Hektar große Areal verbindet die Bereiche „Aktivität“, „Entspannung“, „Spiritualität“ und den Mammutbaumplatz miteinander. Der Heilwald kann ganzjährig kostenlos genutzt werden. Neben individueller Nutzung steht er auch für Angebote zur Gesundheitsförderung zur Verfügung.
Informationen: www.heilwald-goettweig.at
Text: Daniela Rittmannsberger-Kampel⎪Fotos: Daniela Führer