Impulse auf vier Hufen

Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde, sagt man. Doch es muss gar nicht unbedingt der Rücken sein: Oft reicht bereits die bloße Anwesenheit der Tiere, um ruhiger zu werden, neue Perspektiven zu entdecken und Herausforderungen mit anderen Augen zu sehen.

Es ist still am Hof „Malea & Co“ in Unterrohrbach bei Korneuburg. Drei Pferde stehen beisammen, eines bedient sich am Heuballen, ein anderes hebt kurz den Kopf. Kein Reitunterricht, keine Kommandos, keine spektakulären Übungen. Und genau darin liegt die Idee. Wer zu Anja Püttmann zum pferdegestützten Coaching kommt, bleibt mit beiden Füßen auf dem Boden – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn geritten wird hier nicht.

Anja Püttmann ist „Pferdemädchen“, seitdem sie denken kann, erzählt sie. Mit etwa zehn Jahren begann sie zu reiten. Beruflich führte ihr Weg zunächst in den kaufmännischen Bereich. „Aber mein Herz hat immer für etwas anderes geschlagen. Ich wusste, das ist nicht das, was es am Ende sein wird.“ Nach der Geburt ihrer Töchter orientierte sie sich neu, absolvierte die Ausbildung zur Lebens- und Sozialberaterin und entdeckte schließlich das pferdegestützte Coaching. „Da stellte ich mir relativ schnell die Frage: Kann ich mein Hobby mit meinem Beruf verbinden?“ Eine zusätzliche Ausbildung absolvierte sie in Norddeutschland. Heute bietet sie Coachings für Erwachsene, Schülerinnen und Schüler, Studierende, Familien und Teams an.



Pferde bleiben Pferde

Eine Ausbildung benötigen ihre vierbeinigen „Co-Coaches“ nicht. „Das Pferd bringt alles mit, was wir dafür brauchen“, sagt sie. Entscheidend sei vielmehr, dass die Tiere ausgeglichen, menschenbezogen und möglichst artgerecht gehalten werden. Am Hof leben die Pferde deshalb im Herdenverband und können sich rund um die Uhr frei bewegen. Rückzugsmöglichkeiten stehen ebenso zur Verfügung wie unterschiedliche Bereiche zum Fressen und Ruhen. „Uns ist wichtig, dass sie ihre natürlichen Bedürfnisse ausleben und miteinander kommunizieren können.“ Gerade diese Eigenschaften machen Pferde für das Coaching interessant. Als Fluchttiere reagieren sie sensibel auf ihre Umgebung, als Herdentiere sind sie auf ständige Kommunikation untereinander angewiesen. Sie nehmen Körpersprache, Spannung und Veränderungen in ihrer Umgebung sehr fein wahr. „Den Pferden ist egal, welche Kleidung wir tragen oder welchen Beruf wir haben. Sie reagieren darauf, wie wir ihnen in diesem Moment begegnen“, sagt sie.

Raus aus dem Kopf

Eine Coachingeinheit beginnt zunächst mit einem Gespräch. Was beschäftigt die Person? Wo liegt das Problem? Welches Ziel möchte sie erreichen? Erst danach entscheidet Püttmann, welche Übung mit dem Pferd dazu passen könnte. „Viele meiner Klientinnen und Klienten haben überhaupt keine Pferdeerfahrung. Das brauchen sie auch nicht“, sagt sie. Gerade darin liege manchmal sogar ein Vorteil: Es gibt keine eingeübten Abläufe und keine Erwartungen daran, wie das Tier reagieren „sollte“.

„Pferde nehmen unsere Emotionen und Gedanken wahr. Sie geben uns völlig wertfrei und direkt ihr Feedback“, sagt Anja Püttmann.

Ein Thema, mit dem Menschen zu ihr kommen, sind beispielsweise Prüfungsängste. Oder es kommen Teams aus unterschiedlichen Unternehmen, wo es um Teambuilding oder Führungskräfte- Training geht. Andere stehen vor einem Bewerbungsgespräch, einer Gehaltsverhandlung oder einem wichtigen Vortrag und merken, dass sie in entscheidenden Situationen nicht zeigen können, was eigentlich in ihnen steckt. Dann können auf einem Platz beispielsweise mehrere Hütchen verteilt werden. Eines steht für die gegenwärtige Situation, eines für das Ziel, weitere symbolisieren Hindernisse auf dem Weg dorthin. Gemeinsam mit dem Pferd bewegt sich die Person durch diese Landschaft. Was passiert, wenn das Pferd bei einem vermeintlich großen Hindernis einfach weitergeht? Wenn es stehen bleibt? „Ich sage den Menschen nicht: Das Pferd macht das jetzt, weil du dieses oder jenes fühlst“, erklärt Püttmann. „Ich frage: Was hat das gerade mit dir gemacht? Was hast du gespürt?“ Genau diese Bilder bleiben häufig stärker im Gedächtnis als ein rein verbales Gespräch. „Manchmal merkt jemand: Vielleicht ist dieses Hindernis gar nicht so groß, wie ich es gemacht habe. Und das wurde dann nicht nur besprochen, sondern erlebt.“ Auch erste wissenschaftliche Untersuchungen weisen darauf hin, dass pferdegestütztes Coaching Effekte auf das Stresserleben haben kann. In einer Studie zeigte sich unmittelbar nach einer kurzen pferdegestützten Intervention unter anderem eine niedrigere Herzfrequenz; zugleich verbesserten sich Aspekte des subjektiven Stress­erlebens. Andere Untersuchungen beschäftigen sich etwa mit möglichen Auswirkungen auf die Selbstwirksamkeit. Die Forschung auf diesem Gebiet ist allerdings noch jung.

Antworten nicht vorgeben

Pferdegestütztes Coaching ist keine Psychotherapie und ersetzt eine solche bei psychischen Erkrankungen nicht. Es kann jedoch einen anderen Zugang zu persönlichen Themen ermöglichen: weniger über Analyse und Erklärung, stärker über Wahrnehmung und unmittelbares Erleben. Anja Püttmann versteht ihre Aufgabe deshalb auch nicht darin, vermeintliche Botschaften der Tiere zu entschlüsseln. „Natürlich kann ich Körpersprache lesen und manchmal eine Vermutung haben, warum ein Pferd etwas tut. Aber hundertprozentig weiß ich es nie.“ Stattdessen beobachtet sie, stellt Fragen und hilft, das Erlebte in den Alltag zu übertragen. Am Ende steht deshalb meist eine ganz konkrete Frage: Was nehme ich daraus mit – und was ist mein erster Schritt? Vielleicht liegt genau darin die besondere Kraft dieser Begegnungen. Das Pferd liefert keine fertigen Lösungen, urteilt nicht und kennt weder Lebenslauf noch Selbstzweifel seines Gegenübers. Es reagiert auf den Moment. „Die Antwort soll der Mensch selbst finden“, sagt Püttmann. Und manchmal braucht es dafür überraschend wenig: ein ruhiges Pferd, eine Hand im weichen Fell – und für einen Augenblick keinen Gedanken daran, was als Nächstes
kommen muss.

 
 

Das pferdegestützte Coaching ist eine Methode, um Selbstvertrauen aufzubauen und persönliche Herausforderungen zu meistern.

 

Auszeit mit Pferdestärke

Am Hof „Malea & Co“ in Unterrohrbach bei Korneuburg bietet Anja Püttmann pferdegestützte Einzel- und Gruppencoachings, Aufstellungen, Supervision und Teambuildings an. Bei Tages-Retreats mit Yoga und Pferden werden Yoga, Atemübungen und Coaching kombiniert. Reitkenntnisse sind nicht nötig, gearbeitet wird ausschließlich vom Boden aus.

Informationen: anja-puettmann.at


Text: Michaela Neubauer⎪Fotos: Barbara Nidetzky

 

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