Loslassen mit Liebe und Geduld

Der erste Kindergartentag ist ein großer Moment.  Zwischen Vorfreude, Stolz und Unsicherheit beginnt ein neuer Abschnitt, der Zeit, Vertrauen und vor allem Geduld erfordert.

Mit liebevoller Begleitung wächst nach und nach das Vertrauen in die neue Umgebung.

Die Eingewöhnung in eine Betreu-ungseinrichtung ist für Kinder ein bedeutender Entwicklungsschritt. Sie lernen eine neue Umgebung kennen, bauen Beziehungen zu neuen Bezugspersonen auf und entdecken eine Welt außerhalb der Familie. Gleichzeitig ist diese Zeit auch für Eltern herausfordernd. Gerade deshalb sind zwei Dinge besonders wichtig: Liebe und Geduld – mit dem Kind und auch mit sich selbst. Mag. Julia Ziegelwanger-Gassner, Mentalexpertin bei „Tut gut!“, bringt es auf den Punkt: „Die Eingewöhnung ist nicht auf einen festen Termin begrenzt, der Prozess ist sehr individuell. Manche Kinder fühlen sich schon nach wenigen Tagen wohl und bleiben ohne Mama oder Papa für einige Stunden im Kindergarten, andere brauchen mehrere Wochen, bis sie sich angekommen fühlen und eine Verabschiedung von den Eltern möglich ist. Beides ist völlig normal. Es geht darum, dass das Kind Schritt für Schritt Sicherheit gewinnt.“

 

Mag. Julia Ziegelwanger-Gassner, Mentalexpertin bei „Tut gut!“

 

„Geben Sie Ihrem Kind die Zeit, die es braucht, um sich sicher und geborgen zu fühlen.“

Zeit ist der wichtigste Faktor

Für Kinder ist die Familie ein sicherer Hafen. Hier erleben sie Nähe, Schutz und Verlässlichkeit. Der Übergang in eine Betreuungseinrichtung bedeutet daher zunächst Verunsicherung – und genau deshalb braucht es Zeit. Viele Kindergärten arbeiten mit bewährten Eingewöhnungsmodellen, die genau darauf abzielen: Vertrauen langsam aufzubauen, um Überforderung zu vermeiden. Dabei gibt es kein „richtig“ oder „falsch“. Während manche Kinder neugierig und schnell Anschluss finden, beobachten andere zunächst aus der Distanz. Beides ist Teil eines gesunden Anpassungsprozesses. In dieser sensiblen Phase sind es oft die kleinen Dinge, die große Wirkung haben. Einen besonders hohen Stellenwert hat eine verlässliche Bezugsperson. Eine ver-trauensvolle Kommunikation zwischen den Eltern und der pädagogischen Fachkraft ist hierbei von Vorteil. Wenn Kinder merken, dass Eltern und Fachkräfte gut zusammenarbeiten, fühlen sie sich sicherer. Ebenso wichtig: Gefühle wie Traurigkeit oder Verunsicherung dürfen sein. Hier sind Eltern gefragt, mit ihren Kindern auf Augenhöhe zu kommunizieren. Mit liebevoller Begleitung wächst nach und nach das Vertrauen in die neue Umgebung. Zusätzlich geben wiederkehrende Rituale Orientierung. Dies beginnt zuhause beim Zähneputzen und Anziehen, in der Garderobe beim Ausziehen der Straßenschuhe und beim Abgeben an die pädagogische Fachkraft.


Wenn Tränen fließen

Der Moment des Abschieds fällt vielen Eltern besonders schwer – vor allem, wenn Tränen im Spiel sind. Doch diese gehören oft dazu. „Viele Eltern fürchten den Moment, in dem ihr Kind beim Abschied weint. Doch Tränen sind während der Eingewöhnung ganz normal. Sie zeigen, dass das Kind seine Gefühle ausdrückt und die Veränderung wahrnimmt“, sagt Ziegelwanger-Gassner. Entscheidend ist, wie darauf reagiert wird.
Kinder brauchen die Erfahrung, dass ihre Gefühle gesehen und ernst genommen werden – und dass sie auch ohne die Eltern Trost finden können. Oft beruhigen sich Kinder schon kurz nach dem Abschied, wenn eine vertraute Fachkraft sie unterstützt oder sie ein spannendes Spiel entdecken.


Halt geben und bestärken

Eltern sind in dieser Phase ein wichtiger Anker. Ihre Haltung überträgt sich direkt auf das Kind. Ein kurzer, klarer und liebevoller Abschied hilft Kindern mehr als langes Zögern. Wichtig ist, dass Eltern sich bewusst verabschieden und nicht heimlich gehen. Oftmals gibt auch ein kleines Abschiedsritual Sicherheit, beispielsweise ein aufgemaltes Herz am Handrücken, ein bestimmter Satz, eine Umarmung oder ein Winken am Fenster. Auch ein Kuscheltier, ein kleines Tuch oder ein vertrauter Gegenstand von zuhause kann dem Kind Trost spenden. Darüber hinaus rät Ziegelwanger-Gassner Eltern, Ruhe auszustrahlen – denn Kinder merken es, wenn ihre Eltern Vertrauen gegenüber der Bildungseinrichtung zeigen. „Jedes Kind verarbeitet Veränderungen anders. Manche brauchen mehr Zeit, andere weniger. Geben Sie Ihrem Kind die Zeit, die es braucht, um sich sicher und geborgen zu fühlen“, so die Expertin.


Auch Eltern dürfen fühlen

Die Eingewöhnung ist nicht nur für Kinder ein emotionaler Prozess. Auch Eltern erleben oft widersprüchliche Gefühle: Stolz, Erleichterung, Zweifel oder Wehmut. Der Austausch mit anderen Eltern, kleine Auszeiten für sich selbst oder das bewusste Wahrnehmen der neuen Freiräume können helfen, diese Phase gut zu gestalten. „Vertrauen Sie Ihrem Kind und blicken Sie neugierig auf die Fähigkeiten, die es nun entwickelt. Was am Anfang vielleicht unsicher oder ungewohnt erscheint, wird meist zu einer wertvollen Erfahrung für die ganze Familie. Kinder wachsen an neuen Herausforderungen – und Eltern erleben, wie ihr Kind immer selbstständiger wird“, sagt Julia Ziegelwanger-Gassner abschließend.


Eingewöhnung – was Kindern hilft

  1. EINE VERLÄSSLICHE BEZUGSPERSON
    Die pädagogischen Fachkräfte werden mit der Zeit zu wichtigen Vertrauenspersonen. Eine vertrauensvolle Kommunikation zwischen den Eltern und der Fachkraft ist von Vorteil. Wenn Kinder merken, dass Eltern und Fachkräfte gut zusammenarbeiten, fühlen sie sich sicherer.

  2. ZEIT ZUM BEOBACHTEN
    Kinder müssen nicht sofort aktiv mitspielen. Oft schauen sie zunächst zu und lernen so die neue Umgebung kennen.

  3. RITUALE UND VERLÄSSLICHKEIT
    Wiederkehrende Abläufe geben Orientierung und Sicherheit. Dies beginnt zuhause beim Zähneputzen und Anziehen, in der Garderobe beim Ausziehen der Straßenschuhe und beim Abgeben an die pädagogische Fachkraft.

  4. TROST UND VERSTÄNDNIS
    Gefühle dürfen da sein – au
    ch Traurigkeit oder Unsicherheit. Lassen Sie diese zu.


Fotos: iStock_svetikd, Philipp Monihart

 

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