Papa, hör zu!

In Österreich leben Schätzungen zufolge rund zwei Millionen Menschen mit Hörbeeinträch-tigung. Versorgt ist nur ein Teil davon. Dabei kann frühes Handeln soziale Isolation, Rückzug und Überforderung verhindern.

Meist beginnt es harmlos: Der Fern­seher wird lauter gestellt, Gespräche im Restaurant werden anstrengend. Und doch dauert es oft lange, bis Betroffene sich eingestehen, dass das Gehör nachlässt. „Viele suchen am Anfang Ausflüchte“, sagt Alexandra Rupprecht, gewerberechtliche Geschäftsführerin und Hörakustikmeisterin bei Hansaton. Man schiebe es auf Stress, auf Unkonzentriertheit oder darauf, dass Schauspielerinnen und Schauspieler im Fernsehen undeutlich sprechen. „Erst wenn die Familie sagt: Papa oder Mama, bitte tu etwas, kommen viele zum Hörtest.“ Hörverlust schleicht sich langsam ein. Besonders betroffen ist zunächst die Sprachverständlichkeit – also nicht unbedingt das Hören an sich, sondern das Verstehen. In ruhiger Umgebung funktioniert vieles noch, doch sobald Hintergrundgeräusche dazukommen, wird es schwierig.

Zwar ist Hörminderung nach wie vor ein Thema, das vor allem ab 60 plus an Bedeutung gewinnt. Doch die Altersgrenzen verschieben sich. „Wir betreuen alle Altersgruppen – vom Kind mit angeborenen Hörproblemen bis zum 100-Jährigen“, sagt Rupprecht. Auch jüngere Menschen achten heute stärker auf Gesundheit und Vorsorge. Gleichzeitig ist unsere Welt lauter geworden: Musik über In-Ear-Kopfhörer, Gaming, Verkehr, Konzerte und Dauerbeschallung im Alltag. Dabei geht es nicht nur um die Lautstärke, sondern auch um die Dauer der Einwirkung. Wer regelmäßig laut Musik hört oder sich häufig ungeschützt Lärm aussetzt, riskiert bleibende Schäden. Denn die feinen Sinneszellen im Innenohr regenerieren sich nicht. Sind sie einmal zerstört, bleibt der Schaden
bestehen.

 

Alexandra Rupprecht, gewerberechtliche Geschäftsführerin und Hörakustikmeisterin bei Hansaton

 


Moderne Technik im Ohr

Während Brillen längst selbstverständlich getragen werden, ist das Hörgerät für viele noch immer mit Scham verbunden. Dabei hat sich die Technik massiv verändert. Moderne Hörsysteme sind klein, elegant, oft kaum sichtbar – oder werden bewusst getragen, ähnlich wie kabellose Kopfhörer. Auch beim Design habe sich viel getan, sagt Thomas Perissutti, Geschäftsführer von Hansaton Österreich. „Es dreht sich gerade etwas: Man muss ein Hörgerät nicht mehr verstecken. Manche Modelle sehen heute eher wie moderne Earbuds aus.“ Technisch können Hörgeräte längst mehr als nur lauter machen. Sie verbinden sich mit dem Smartphone, ermöglichen Telefonieren direkt über das Hörsystem, reduzieren Windgeräusche beim Radfahren oder passen sich automatisch an unterschiedliche Hörsituationen an. Besonders stark entwickelt
sich der Bereich künstliche Intelligenz. Hörgeräte lernen aus Millionen Hörsituationen, welche Geräusche wichtig sind und welche eher in den Hintergrund treten sollen. Die Sirene eines Rettungsautos beispielsweise muss gehört werden, der Lärm eines Presslufthammers auf der Straße darf hingegen leiser werden. Sprache wird hervorgehoben, störende Geräusche werden gedämpft.

 

Thomas Perissutti, Geschäftsführer von Hansaton Österreich

 

Der Alltag entscheidet

Der Weg zum passenden Hörgerät beginnt mit einer genauen Analyse. Beim Hörtest wird geprüft, welche Frequenzen betroffen sind, ab wann Töne unangenehm laut werden und wie gut Sprache verstanden wird. Danach geht es um den Alltag: Sitzt jemand vor allem zu Hause vor dem Fernseher? Geht er jeden Sonntag in die Kirche? Bekommt er viel Besuch? „Man muss wissen, in welchen Situationen jemand wirklich hört“, erklärt Perissutti. Hierbei helfen Analysegeräte, die über mehrere Tage erfassen, wie viel Sprache, Musik oder Lärm im Alltag vorkommt. Erst daraus ergibt sich, welche Technik sinnvoll ist. Denn ein Hör­gerät muss zur Person passen, nicht nur zum Hörverlust. Auch die Eingewöhnung braucht Zeit. Am Anfang klingt vieles anders, manchmal lauter oder ungewohnt. Das sei normal, sagt Hörakustikmeisterin Alexandra Rupprecht. Wichtig sei, dranzubleiben und offen mit der Hörakustikerin oder dem Hörakustiker zu sprechen. „Wir sind dafür da, herauszufinden, wo es zwickt und was noch nicht passt.“ Oft braucht es bis zu fünf Termine, bis ein Gerät optimal eingestellt ist.

Hören kann man erleben

Wie stark Hörverlust den Alltag beeinträchtigt, wird beispielsweise im neu gestalteten Hansaton-Flagshipstore World of Hearing auf der Wiener Mariahilfer Straße veranschaulicht. In einem Hörerlebnisraum lässt sich simulieren, wie sich Hörverlust im Restaurant, im Wohnzimmer oder bei einem Konzert anfühlt – und wie sich dieselbe Situation mit Hörgeräten verändert. Das ist nicht nur für Betroffene wichtig, sondern auch für Angehörige. Wer einmal gehört hat, wie dumpf Musik klingt oder wie schwer Sprache im Lärm verständlich wird, versteht besser, warum sich Menschen mit Hörverlust zurückziehen. „Für Angehörige ist das oft ein Aha-Erlebnis“, sagt Rupprecht. Plötzlich wird klar, dass Partner, Mutter oder Vater nicht unaufmerksam, sondern eingeschränkt ist. „Rechtzeitig zu kommen ist entscheidend“, betont Rupprecht. Damit aus „Papa, hör zu!“ wieder ein ganz normales Gespräch wird.

 

Moderne Hörgeräte lassen sich via Bluetooth einfach mit dem Smartphone verbinden.

 

Text: Michaela Neubauer⎪Fotos: Hansaton/Sonova; istock_Denis novikov

 

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