Ein Sommer wie damals

Wie wäre es, diesen Sommer einen Gang zurückzuschalten und als Familie Momente zu schaffen, die in Erinnerung bleiben?

Anfang Juli beginnen die Sommerferien und für die allermeisten Schülerinnen und Schüler ist die Sache klar: Neun Wochen frei – was gibt es Schöneres? Doch so manche Eltern blicken den Ferien mit gemischten Gefühlen entgegen. Nicht weil sie ihren Kindern die langen Ferien nicht gönnen. Doch ganz abgesehen von der Herausforderung, ihre Kinder in dieser Zeit zu betreuen, wenn sie selbst berufstätig sind, fragen sie sich: Was muss man den Kindern im Sommer „bieten“, damit diese nicht vor Langeweile umkommen? Jeden zweiten Tag einen besonderen Ausflug, teure Urlaube, Rund-um-die-Uhr-Bespaßung daheim? Wie schafft man Momente als Familie, die in Erinnerung bleiben? Eltern könnten sich dies­bezüglich ruhig etwas entspannen, findet Carola Neubauer, die als psychosoziale Beraterin mit Kindern, Jugendlichen und Eltern arbeitet. „Man muss überhaupt keine teuren, aufwendigen Dinge machen. Wichtig ist, mit den Kindern in Beziehung zu gehen, Raum für Begegnung zu ermöglichen.“

 

Carola Neubauer, psychosoziale Beraterin

 

„Eltern befinden sich sehr oft in diesem Überbetreuungsmodus.“

Projekte umsetzen

Dafür würden sich Aktivitäten besonders eignen, bei denen man ins gemeinsame Tun kommt. Einen Kuchen für die Oma backen, mit dem Teenie etwas kochen, das Fahrrad reparieren oder im Garten ein Baumhaus bauen – je nach Alter und Interessensgebiet. „Ein Kind, das mit dem Schraubenzieher oder der Gartenschere umgehen kann, erlebt sich als selbstwirksam. Es lernt, dass das, was es macht, eine Wirkung hat. Und das ist unglaublich selbstwertstärkend.“ Nichts gegen spezielle Ausflüge in den Ferien. Doch mit Mama oder Papa das eine oder andere kleinere oder größere Projekt umzusetzen, sei für ein Kind mindestens genauso wertvoll. Und es zeige, dass viele der wirklich relevanten Dinge in der Familie kaum etwas kosten, sagt Carola Neubauer.

Langeweile? Wunderbar!

Bevor Eltern jetzt gleich wieder Stress kriegen, weil sie denken, sie müssten mit ihrem Kind im Sommer jeden Tag von früh bis spät Kuchen backen oder am Baumhaus werken: Man könne und sollte Kinder (übrigens nicht nur in den Ferien) auch mal sich selbst überlassen. „Eltern befinden sich sehr oft in diesem Überbetreuungsmodus“, sagt Neubauer. Der Alltag sei in vielen Familien genau durchgetaktet, und es bleibe für viele Kinder kaum Gelegenheit, ihre Zeit selbst zu gestalten. „Dabei ist das freie Spiel ohne Vorgaben, sei es in der Natur, mit Puppen oder Teddybären sehr wichtig. Denn darin verhandelt das Kind seine Welt.“ Und wenn sich das Kind ohne Programm zu sehr langweilt? Gut so, meint Neubauer. „Langeweile finde ich ganz wunderbar! So kommen Kinder an ihre eigene Kreativität und finden heraus, was alles in ihnen steckt.“ Viele Wissenschafter und Erziehungsexpertinnen weisen darauf hin, dass Langeweile – so unangenehm sie sich auch anfühlen mag – etwas ist, was man nicht sofort betäuben, sondern aushalten sollte. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul etwa empfahl Eltern zu ihrem gelangweilten Kind zu sagen: „Herzlichen Glückwunsch, mein Freund! Es interessiert mich, zu sehen, was du jetzt tust.“

Liebestöpfchen füllen

Und tatsächlich, Eltern machen häufig die Erfahrung: Wenn ihr Kind jammert, wie schrecklich fad ihm gerade ist, und sie ihm nicht sofort ein Bespaßungsangebot machen, sitzt es wenig später vertieft in seine Legowelt. Trotzdem, empathisch dürften Eltern durchaus sein. „Man kann zum Kind sagen: Ich verstehe dich, dir fällt es gerade schwer, dich zu beschäftigen. Aber man muss nicht sofort mit Lösungen kommen.“ Oft bräuchten Kinder vor allem eine Portion Aufmerksamkeit und Zugewandtheit von Mama oder Papa, bevor sie sich wieder ins Spielen vertiefen können. „Man kennt das: Das Kind kommt immer wieder, und man findet das lästig. Dann sollte man es nicht einfach wegschieben oder immer wieder auf später vertrösten“, sagt Neubauer. Es sollte wissen, dass es mit seinen Anliegen immer kommen kann. „Ich mag das Bild vom Honigtöpfchen bei Puh, dem Bären. So wie der Bär füllt ein Kind sein Liebestöpfchen immer wieder auf, dann kann es auch wieder gesättigt davonziehen.“

Klare Regeln für Smartphone & Co.

Angesichts der langen Ferien stehen Eltern häufig besonders ratlos vor der Frage: Wie viel zocken, Filme schauen und chatten sollen wir erlauben? Das Dilemma: Das Kind hat viel Zeit, Mama und Papa müssen arbeiten oder brauchen auch Erholung. Es sei verständlich, dass die Mediennutzung da zunimmt, sagt Carola Neubauer. „Aber ganz ohne Strukturen funktioniert es nicht. Es braucht klare Regeln, die alle in der Familie als gerecht erleben.“ Man könnte am Anfang der Ferien eine „Mediennutzungsvereinbarung“ aufsetzen, die alle in der Familie unterschreiben. Darin werden die Zeiten festgesetzt, in denen Computer spielen, fernsehen oder mit Freunden chatten erlaubt ist. Zweierlei dürfen Eltern dabei nicht vergessen: Die Regeln werden von allen in der Familie gemeinsam vereinbart. Und: auch die Eltern haben sich daran zu halten. Ihr Vorbild hat ohnehin die meiste Wirkung.


SO GESTALTEN WIR DEN SOMMER: Familien erzählen


PUZZELN UND SPIELEN

Im Ferienhaus von Anna und ihrer Familie gibt es weder WLAN noch Fernseher. Deshalb wird dort seit Jahren gespielt. Brettspiele wie Scotland Yard, Scrabble oder Trivial Pursuit gehören genauso dazu wie große Gemeinschaftspuzzles. „Daheim spielen wir viel weniger“, sagt Anna. Selbst ihre mittlerweile erwachsenen Kinder legen im Ferienhaus die Handys meist zur Seite. Besonders beliebt sind die großen Puzzles, an denen die ganze Familie oft tagelang arbeitet. Aufgegeben wird erst, wenn das letzte Teil seinen Platz gefunden hat.

 
 

EIN BAUMHAUS BAUEN

Verena, ihr Mann Georg und der dreijährige Florian wollen diesen Sommer gemeinsam ein Baumhaus bauen. „Etwas ganz Einfaches mit Bodenplatte, Wänden und Holzdach“, sagt Verena. Das Material wollen sie möglichst im Wald sammeln und nur wenig zukaufen. Im Vordergrund steht für sie nicht das Sparen, sondern die gemeinsame Zeit. „Florian soll erleben, dass man nicht viel braucht, um Spaß zu haben und etwas Schönes zu schaffen.“ Der Dreijährige darf dabei selbst mithelfen – natürlich unterstützt von seinen Eltern. Er kann Holz abschleifen, mit Hammer und Säge arbeiten und sogar den Baum aussuchen, auf dem das Häuschen entstehen soll. Verena hatte selbst als Kind ein Baumhaus und verbindet damit viele schöne Erinnerungen. Ihre Begeisterung für Naturerlebnisse möchte sie nun an ihren Sohn weitergeben.

 

OBST UND HONIG ERNTEN

Josef und Edina leben mit ihren drei Kindern auf dem „Hof zu den 7 Zwetschken“ im Schneebergland und betreiben dort ein Montessori Kinderhaus am Bauernhof. Im Juli sind also neben ihren eigenen Töchtern Lea, Alba und Jona noch andere Kinder am Hof. Alle helfen bei der Obsternte mit: Marillen, Zwetschken und Birnen werden gesammelt, gewaschen und verarbeitet. „Die Kinder erleben dabei ganz konkret, wie viel Arbeit hinter einem Glas Marmelade steckt“, erzählt Edina. Auch bei der Honigernte dürfen sie mithelfen. Mit kleinen Schutzanzügen ausgestattet holen sie Waben aus den Bienenstöcken oder helfen beim Schleudern. Das Ergebnis ihrer Arbeit begleitet sie oft das ganze Jahr über – etwa als Marmelade- oder Honigbrot.

 

HANDYFREI IM SOMMER

Seit zwei Jahren verzichtet Bettinas Familie im Urlaub weitgehend auf digitale Geräte. Tablet und Spielkonsole bleiben zu Hause, nur ein Smartphone kommt mit. Die Idee entstand kurz nachdem ihr Sohn ein eigenes Handy bekommen hatte. Anfangs war der Zehnjährige wenig begeistert. „Er hatte fast Entzugserscheinungen“, erinnert sich Bettina. Doch schon nach kurzer Zeit gewöhnte sich die ganze Familie daran. Statt auf Bildschirme zu schauen, wurde mehr gespielt, geredet und unternommen. Die Erfahrung war so positiv, dass die Familie auch heuer wieder weitgehend handyfrei verreist und auch daheim immer wieder digitale Auszeiten einlegt.

 

ZELTEN IM GARTEN

Vergangenen Sommer baute Chris im eigenen Garten ein Vier-Mann-Zelt auf, groß genug für eine Doppelluftmatratze für ihn und seinen siebenjährigen Sohn Noah. Zusammen wollten sie ausprobieren, ob ihnen Zelten gefällt. Das Abenteuer begann mit viel Vorfreude, brachte aber auch einige Herausforderungen mit sich. Die Geräusche der Pferde auf der benachbarten Koppel und Insekten zwischen den Zeltplanen sorgten für Gesprächsstoff. Nach Kartenspielen und Vorlesen schlief Noah schließlich ein. Um ein Uhr nachts war das Abenteuer allerdings beendet und beide übersiedelten wieder ins Haus. Diesen Sommer wollen sie einen neuen Anlauf wagen – und diesmal möglichst bis zum Morgen durchhalten.


Text: Sandra Lobnig⎪Fotos: iStock_ Choreograph (Konstantin Yuganov); beigestellt, PRIVAT

 

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