Sicherheit im Pflegealltag
Wenn Angehörige von einem auf den anderen Tag zu Pflegenden werden, braucht es Orientierung, Wissen und einen sicheren Ort zum Lernen.
Ein Sturz, eine Diagnose, ein Krankenhausaufenthalt – und plötzlich ist alles anders. Viele Menschen finden sich unerwartet in der Rolle pflegender Angehöriger wieder. Ohne pflegerisches Vorwissen, dafür mit vielen Fragen, Sorgen und Ängsten. Was darf ich tun? Was mache ich falsch? Wie schaffe ich das alles neben Beruf und Familie? Genau hier setzt das Pflege-Lernzentrum Krems des Hilfswerk Niederösterreich an: als Ort der Unterstützung, der Orientierung und der Selbstbefähigung. „Pflegende Angehörige leisten enorm viel – oft mehr, als sie sich selbst zutrauen würden“, sagt DGKP Christopher Hochreiner, der für die Schulungen im Pflege-Lernzentrum verantwortlich ist. „Unser Ziel ist es, ihnen Sicherheit im Tun zu geben und Berührungsängste abzubauen.“
DGKP Christopher Hochreiner,
Verantwortlicher für die Schulungen im Pflege-Lernzentrum Krems
„Pflege ist keine Einzelleistung. Hilfe anzunehmen ist kein Versagen, sondern Verantwortung.“
Eine Idee mit Weitblick
Die Idee für das Pflege-Lernzentrum entstand bereits vor über zehn Jahren. „Unsere Pflegedirektorin Gabriela Goll hat früh erkannt, dass sich Pflege verändern wird“, erklärt Hochreiner. „Die demografische Entwicklung bringt mit sich, dass wir zwar älter werden dürfen, aber auch mehr pflegebedürftige Menschen haben – bei gleichzeitigem Personalmangel in der professionellen Pflege.“ Um diesem Spannungsfeld zu begegnen, wurde ein Konzept entwickelt, das Angehörige, Auszubildende sowie Pflege- und Betreuungspersonal gleichermaßen stärkt. Hochreiner selbst stieß kurz vor dem Start zum Projekt: „Ich war vom ersten Moment an überzeugt. Das Pflege-Lernzentrum ist für mich eine Herzensangelegenheit und ein zukunftsweisendes Projekt.“
Lernen dort, wo Pflege stattfindet
Eröffnet wurde das Pflege-Lernzentrum im September 2025 mit mehreren Kick-off-Veranstaltungen. Schon der Aufbau unterscheidet sich bewusst von klassischen Schulungsräumen: Neben einem Seminarraum gibt es eine realitätsnah gestaltete Lernwohnung. „Pflege ist Alltag – und genau so soll sie hier auch gelernt werden“, sagt er. Theorie und Praxis greifen ineinander: Was im Seminarraum erklärt wird, kann unmittelbar in der Lernwohnung umgesetzt werden. „Dieser geschützte Rahmen nimmt Angst und schafft Vertrauen.“ Geübt werden unter anderem das Drehen im Bett, das richtige An- und Auskleiden, Inkontinenzversorgung oder Körperpflege. Fachpersonal begleitet jeden Schritt. „Viele sind überrascht, wie viel leichter Pflege mit den richtigen Handgriffen wird“, so Hochreiner.
Technik als Unterstützung
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf einfacher, alltagstauglicher Technik. Notrufsysteme, Herd- und Backofensteuerungen oder sprachgesteuerte Assistenzlösungen werden direkt vorgeführt. „Viele denken sofort an große Umbauten. Dabei gibt es smarte Lösungen, die schnell installiert sind und enorm entlasten“, erklärt Hochreiner.
Besonders großes Interesse wecken auch demenzsensible Hilfsmittel wie interaktive Stoffkatzen oder spezielle Puppen. „Sie richten sich vor allem an Menschen, die zwar kein echtes Haustier mehr halten können, sich aber nach Nähe, Gesellschaft und Interaktion sehnen“, erklärt er. Die batteriebetriebenen Katzen reagieren auf Berührung, geben Laute von sich und vermitteln ein Gefühl von Anwesenheit. Gerade bei Menschen mit Demenz können sie beruhigend wirken, Sicherheit geben und soziale Isolation reduzieren – sowohl für Betroffene als auch für ihre Angehörigen, die wissen, dass jemand oder etwas da ist, wenn sie selbst nicht vor Ort sein können.
Angst, Zweifel und Berührungsängste
In den Schulungen begegnen Hochreiner immer wieder ähnliche Emotionen: Angst, Trauer und Überforderung. „Viele trauen sich anfangs aus Unsicherheit kaum zu, ihren Angehörigen zu berühren“ berichtet Hochreiner. Durch praktisches Üben, klare Anleitungen und den Austausch mit anderen lösen sich viele dieser Blockaden. „Angehörige erkennen, dass sie mehr können, als sie gedacht haben. Das ist ein ganz zentraler Moment.“
Maßgeschneiderte Inhalte statt Einheitskurs
Das Schulungsangebot ist modular aufgebaut. Monatliche Themenschwerpunkte ermöglichen es, auf unterschiedliche Bedürfnisse einzugehen – von Basisversorgung über Verbandswechsel bis hin zu rechtlichen Fragen oder Aromapflege, die jeden vierten Dienstag im Monat stattfindet. „Nicht jede und jeder hat den gleichen Wissensstand. Deshalb bündeln wir Inhalte und passen sie an die jeweilige Zielgruppe an“, so Hochreiner. Das Pflege-Lernzentrum richtet sich dabei bewusst nicht ausschließlich an pflegende Angehörige. Auch Pflege- und Betreuungspersonal sowie Auszubildende zählen zu den Teilnehmenden. „Gerade für Fachpersonal ist es wichtig, praxisnah zu bleiben und neue Entwicklungen, Techniken und Hilfsmittel kennenzulernen“, so der Pflege-Experte. Auch bei Kosten und Organisation setzt das Pflege-Lernzentrum mit einem Kostenbeitrag von 20 Euro auf einen niederschwelligen Zugang, der zur Deckung von Referenten- und Materialkosten dient. Besonders bei interaktiven Angeboten wie der Aromapflege werden Materialien wie Öle oder Pflegeprodukte direkt im Kurs hergestellt und mitgegeben.
Pflege ist kein Alleingang
Was möchte Hochreiner Menschen mitgeben, die gerade erst beginnen zu pflegen? Seine Antwort ist klar: „Pflege ist keine Einzelleistung. Hilfe anzunehmen ist kein Versagen, sondern Verantwortung.“ Hinter jedem pflegenden Angehörigen stehe ein Mensch mit eigenen Bedürfnissen, und diese dürften nicht übersehen werden.
„Pflege kann sehr fordernd sein“, sagt er, „aber mit dem richtigen Wissen, einem Netzwerk und Vertrauen in die eigene Fähigkeit wird sie auch bewältigbar.“
Theorie und Praxis greifen im Pflege-Lernzentrum ineinander.
Diese Themen erwarten Sie 2026:
MÄRZ
Ernährung bei älteren Menschen
3. März: Zu Hause richtig ernähren – mit Finger Food, speziellem Besteck und Ernährung bei Krankheiten
10. März: Ernährung im häuslichen Setting gestalten
17. März: Produkte zur Ernährungsförderung
APRIL
Pflege und Betreuung bei Demenz
7. April: Demenzschwerpunkt – Praxiswissen – Kommunikation, Ernährung, Wohnraumgestaltung & Alltagstipps
14. April: Demenz und Bedeutung für die Praxis – Kommunikation im Fokus
21. April: MAS-Training in der Praxis – praktische Übung für Pflege- und Betreuungspersonal
MONATLICHER AROMAPFLEGE-SCHWERPUNKT
Jeden 4. Dienstag im Monat:
24. März: Aromapflege bei Babys/Neugeborenen – Einsatz von Duft, Öl und Pflege für Wohlbefinden
28. April: Aromapflege bei Demenz – ätherische Öle und Anwendungsmöglichkeiten zur Unterstützung von Menschen mit Demenz
Informationen & Anmeldung:
Die Anmeldung erfolgt unkompliziert über die Website des Pflege-Lernzentrums Krems
www.hilfswerk.at/niederoesterreich/pflegelernzentrum, per E-Mail an
pflege-lernzentrum@noe.hilfswerk.at oder telefonisch unter 05 9249-33120.
Bei vielen Angeboten besteht die Möglichkeit, online via MS Teams teilzunehmen.
Text: Michaela Neubauer⎪Fotos: Hilfswerk NÖ/Rudolf Schmied