Urlaub ohne Migräne-Attacke
Der Sommerurlaub ist für viele Menschen der Höhepunkt des Jahres. Für Migräne-Betroffene kann gerade diese ersehnte Auszeit jedoch zur Belastungsprobe werden – wenn der Kopf genau dann nicht mitspielt, wenn Erholung beginnen soll.
Migräne kennt keinen Urlaub und schlägt auch in der Erholungsphase zu.
Sommerurlaub klingt nach Leichtigkeit: Meer oder Berge, Ausschlafen, Ausflüge, gutes Essen, endlich Zeit für sich und andere. Doch für Migränepatientinnen und -patienten reist oft eine Sorge mit: Was, wenn die nächste Attacke genau im Urlaub kommt?
Diese Angst ist nicht unbegründet. Denn ausgerechnet die Ferienzeit bringt viele typische Auslöser mit sich: Stress vor der Abreise, Kofferpacken in letzter Minute, lange Autofahrten oder Flüge, ungewohnte Hitze, zu wenig Flüssigkeit, Klimaanlagen, veränderte Schlafzeiten oder Mahlzeiten zu anderen Uhrzeiten. Auch der abrupte Wechsel von Anspannung zu Entspannung kann eine Rolle spielen. „Viele Menschen freuen sich monatelang auf ihren Urlaub und erleben dann ausgerechnet in den Ferien massive Einschränkungen durch ihre Migräne. Statt Strand, Ausflug und gemeinsamer Zeit mit Familie und Freunden heißt es plötzlich: Rückzug ins abgedunkelte Hotelzimmer und warten, bis die furchtbaren Schmerzen, oft verbunden mit Übelkeit bis zum Erbrechen, wieder vergehen. Und dieser schreckliche Zustand kann im Extremfall bis zu drei Tage andauern“, beschreibt Migräne-Spezialist Dr. Manfred Eder, niedergelassener Neurologe in Groß-Enzersdorf, das Leid der Betroffenen.
Dr. Manfred Eder, Neurologe in Groß-Enzersdorf
„Um den Urlaub ohne quälende Attacken genießen zu können, sollte man sich frühzeitig um eine passende Migräne-Prophylaxe kümmern.“
Veränderter Rhythmus
Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die den Alltag erheblich beeinträchtigen kann. Betroffene erleben häufig pochende, einseitige Schmerzen, Licht- und Lärmempfindlichkeit, Übelkeit oder Erbrechen. Manche müssen sich komplett zurückziehen, bis die Attacke abklingt. Im Urlaub kommt hinzu, dass viele gewohnte Strukturen wegfallen. Für ein empfindliches Nervensystem kann das zum Problem werden. „Der Körper reagiert sensibel auf Veränderungen im Schlaf-Wach-Rhythmus, auf Klimawechsel oder auf das Nachlassen von Stress. Dadurch kann die Wahrscheinlichkeit für Attacken steigen“, erläutert Eder. Besonders belastend ist dabei die fehlende Planbarkeit. Migräne kündigt sich nicht immer rechtzeitig an. Sie kann einen Ausflug, ein gemeinsames Abendessen oder einen lange geplanten Reisetag unmöglich machen.
Lange stand bei Migräne vor allem die Akutbehandlung im Vordergrund. Heute rückt zusätzlich die Vorbeugung stärker in den Fokus. „Vor allem auf dem Gebiet der Prophylaxe hat sich in den letzten Jahren enorm viel getan. Treten Migräne-Attacken an vier oder mehr Tagen pro Monat auf, empfehlen wir zusätzlich zur Akuttherapie meist eine solche prophylaktische, also vorbeugende, Behandlung. Ziel ist es, dadurch die Häufigkeit und Stärke der Attacken deutlich zu reduzieren und damit auch die Lebensqualität nachhaltig zu verbessern“, so Eder.
Mehr Freiheit durch moderne Therapien
Ein wichtiger Fortschritt sind sogenannte CGRP-Antikörper-Therapien. CGRP ist ein Botenstoff, der bei der Entstehung von Migräne eine zentrale Rolle spielt. Moderne Antikörper können diesen Mechanismus gezielt beeinflussen und so dazu beitragen, dass Attacken seltener und weniger stark auftreten. „Diese modernen Therapien sind generell nicht nur sehr wirksam, sondern im
Allgemeinen auch sehr gut verträglich. Also ganz anders als früher, als man zur Migräne-Prophylaxe Medikamente wie Betablocker einsetzte, die zwar Migräne-Attacken wirksam reduzieren konnten, aber eine Vielzahl von unerwünschten Wirkungen hatten“, führt Eder weiter aus.
Auch die Anwendung ist heute alltagstauglicher geworden. Je nach Präparat erfolgt die Behandlung etwa als Kurzinfusion, die nur viermal im Jahr notwendig ist und rund 30 Minuten dauert. Alternativ gibt es Fertigpens zur Selbstanwendung, die monatlich oder vierteljährlich eingesetzt werden können. Welche Form geeignet ist, hängt von der individuellen Situation, der Häufigkeit der Attacken, den persönlichen Vorlieben und der ärztlichen Einschätzung ab. „Für Menschen, die beruflich oder privat viel unterwegs sind, viel reisen oder einfach ihren Alltag ohne ständige Angst vor der nächsten Migräne-Attacke gestalten möchten, stellen diese modernen Therapieformen eine enorme Erleichterung dar“, betont der Migräne-Spezialist.
Rechtzeitig aktiv werden
Wichtig ist: Eine moderne Migräne-Prophylaxe ist keine kurzfristige Notlösung, die erst am Tag vor der Abreise organisiert werden sollte. Sie setzt eine gesicherte Diagnose voraus und muss durch eine Fachärztin oder einen Facharzt für Neurologie eingeleitet werden. Danach können weitere Verschreibungen und Verabreichungen je nach Therapie auch über die Hausärztin oder den Hausarzt erfolgen. Gerade mit Blick auf die Ferienzeit lohnt es sich daher, frühzeitig ärztlichen Rat einzuholen. Wer weiß, dass Migräne regelmäßig auftritt oder Urlaube in der Vergangenheit bereits durch Attacken beeinträchtigt wurden, sollte nicht abwarten, bis der nächste Sommer wieder verloren geht. Neben medikamentöser Prophylaxe können auch einfache Verhaltensmaßnahmen helfen, das Risiko für Attacken zu senken. Dazu zählen ausreichend Schlaf, regelmäßige Mahlzeiten, genug Flüssigkeit, Pausen bei langen Reisen und ein bewusster Umgang mit Hitze und Klimaanlagen. Auch ein möglichst sanfter Start in den Urlaub kann sinnvoll sein: nicht direkt nach der letzten Arbeitsmail ins Auto steigen, sondern dem Körper Zeit geben, umzuschalten.
Migräne in Zahlen
Rund eine Million Menschen in Österreich leidet an Migräne – damit zählt sie zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen.
Etwa 11 Prozentder Bevölkerung sind von episodischer Migräne betroffen, also von Migräne an bis zu 14 Tagen pro Monat.
Frauen sind deutlich häufiger betroffen: Rund drei Viertel der Menschen mit episodischer Migräne in Österreich sind weiblich.
Die Erkrankung tritt besonders häufig im Alter zwischen 20 und 50 Jahren auf – also mitten im Berufs- und Familienleben.
Migräne ist mehr als Kopfschmerz: Attacken können Stunden bis Tage dauern und mit Übelkeit, Erbrechen sowie Licht- und
Lärmempfindlichkeit einhergehen.Viele Betroffene sind unterversorgt: Laut MedUni Wien haben rund 50 Prozent der Migränepatientinnen und -patienten noch nie ärztliche Hilfe in Anspruch genommen.
Fotos: iStock_Halfpoint, Moritz Jahoda