5 Fragen zur Grinberg-Methode
Die Grinberg-Methode gilt als körperorientierter Ansatz, der Menschen helfen soll, eingefahrene Muster, Stress oder Schmerzen bewusster wahrzunehmen und zu verändern. Die Wiener Grinberg-Praktizierende Lara Krampf erklärt im Interview, wie die Methode funktioniert und für wen sie geeignet ist.
Die Methode soll dabei helfen, besseren Zugang zu. den Gefühlen zu bekommen.
1. Wie unterscheidet sich die Grinberg-Methode von klassischer Therapie?
Die Grinberg-Methode ist ein körperorientierter Ansatz zur Selbstermächtigung. In den Sitzungen lernen Klientinnen und Klienten durch gezielte Berührung, Aufmerksamkeit und bewusste Atmung, einschränkende Muster wahrzunehmen und zu verändern. Diese Muster können sich etwa in Form von Stress, chronischen Schmerzen, Ängsten oder einem Gefühl des Feststeckens äußern. Wichtig ist dabei: Die Methode versteht sich nicht als klassische Behandlung, sondern eher als eine Art Training. Ziel ist es, Menschen zu befähigen, ihren eigenen Körper besser wahrzunehmen und bewusster mit Gefühlen und Situationen umzugehen. Statt automatisch auf gewohnte Weise zu reagieren, lernen sie, aus dem Moment heraus zu handeln und sich nicht ausschließlich von alten Erfahrungen oder erlernten Verhaltensweisen leiten zu lassen. Der Ansatz ist pragmatisch und ergebnisorientiert. Im Mittelpunkt steht die Frage, was konkret verändert werden soll – etwa ein wiederkehrendes Stressmuster, Angstzustände, anhaltende körperliche Spannungen oder ein Gefühl von Energiemangel. Dabei betrachtet die Methode Körper und emotionale Prozesse nicht getrennt voneinander, sondern als miteinander verbunden. Gerade darin unterscheidet sie sich von vielen klassischen Ansätzen: Während Gesprächstherapien oft stärker über Sprache arbeiten und physiotherapeutische Behandlungen vor allem den Körper fokussieren, versucht die Grinberg-Methode, beide Ebenen gleichzeitig einzubeziehen. Sie versteht sich außerdem nicht als alleinige Lösung – im Gegenteil: Oft kann es sinnvoll sein, parallel medizinische Abklärungen oder andere therapeutische Formen in Anspruch zu nehmen.
2. Woher kommt die Methode?
Sie wurde in den 1980er-Jahren von Avi Grinberg entwickelt. Er beschäftigte sich intensiv mit unterschiedlichen Heil- und Körpermethoden. Dazu gehörten unter anderem Yoga, Akupressur, Reflexologie, Gestalttherapie, Bioenergetik und verschiedene Massagetechniken. Außerdem sammelte er Erfahrungen bei Heilerinnen und Heilern des Beduinen-Wüstenvolkes. Eine prägende Zeit war seine Tätigkeit als Sanitäter in der israelischen Armee. Dort wurde er unmittelbar mit Schmerz, Angst und existenziellen Grenzsituationen konfrontiert. Diese Erfahrungen führten ihn zu der Erkenntnis, dass gerade Schmerz und Angst zentrale Kräfte für Veränderung sein können. Im Laufe seiner Arbeit beobachtete er, dass nachhaltige Veränderungen häufig nicht primär über den Intellekt entstehen, sondern über den Körper. Wenn körperliche Empfindungen bewusst wahrgenommen und zugelassen werden, können sie Menschen dabei unterstützen, schwierige Erfahrungen zu verarbeiten und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
3. Wem kann die Grinberg-Methode besonders helfen?
Grundsätzlich richtet sich die Methode an Menschen, die aktiv an ihrer Lebensqualität arbeiten möchten. Besonders hilfreich kann sie für Personen sein, die mit wiederkehrenden Stressreaktionen, chronischen Schmerzen oder dem Gefühl kämpfen, in bestimmten Lebenssituationen festzustecken. Viele Klientinnen und Klienten versuchen die Methode, weil sie ihre körperlichen Signale besser verstehen möchten oder weil sie merken, dass bestimmte Reaktionsmuster immer wieder zu ähnlichen Problemen führen. Die Arbeit zielt darauf ab, diese Muster bewusst wahrzunehmen und neue Handlungsspielräume zu entwickeln. Die Grinberg-Methode versteht sich ausdrücklich als Ergänzung zur klassischen Medizin und nicht als Ersatz. Bei schweren psychischen Erkrankungen oder lebensbedrohlichen gesundheitlichen Problemen ist sie nicht geeignet, um eine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung zu ersetzen. In solchen Fällen kann sie – wenn überhaupt – nur unterstützend eingesetzt werden.
4. Was passiert in einer typischen Grinberg-Session?
Zu Beginn einer Sitzung wird häufig ein Blick auf die Füße geworfen. In der Methode geht man davon aus, dass sich viele unbewusste Muster auch körperlich manifestieren, zum Beispiel in Form von Spannungen, Schmerzen oder bestimmten Haltungsgewohnheiten. Anhand der Füße lassen sich laut Ansatz Hinweise darauf erkennen, wie jemand mit Stress, Emotionen oder Herausforderungen umgeht. Ein wichtiger Teil der Arbeit besteht darin, diese Muster zunächst bewusst wahrzunehmen. Denn nur was erkannt wird, kann auch verändert werden. Viele Menschen erleben zum ersten Mal sehr deutlich, wie sich bestimmte Emotionen oder Gewohnheiten tatsächlich im Körper anfühlen. Im weiteren Verlauf der Sitzungen geht es darum, Schritt für Schritt aus diesen gewohnten Reaktionsmustern auszusteigen. Dabei können Momente entstehen, in denen Klientinnen und Klienten sich ungewöhnlich ruhig, klar oder befreit fühlen. Die Sitzungen können sowohl emotional als auch körperlich intensiv sein – gleichzeitig berichten viele Menschen, dass sie die Arbeit als angenehm oder erleichternd erleben.
5. Wie sind Sie selbst zur Grinberg-Methode gekommen?
Mein persönlicher Zugang zur Methode entstand durch eine eigene gesundheitliche Erfahrung: Nach der Schule traten plötzlich starke Bauchkrämpfe auf, die so intensiv waren, dass Sport oder alltägliche Aktivitäten zeitweise kaum mehr möglich waren. Mehrere Krankenhausaufenthalte und zahlreiche Untersuchungen konnten zunächst keine klare Ursache feststellen. Erst später wurde ein Reizdarmsyndrom diagnostiziert, eine Erkrankung, die häufig mit Stress oder psychosomatischen Faktoren in Verbindung gebracht wird. Eine wirkliche Lösung bot die Diagnose jedoch nicht. Durch eine Empfehlung kam schließlich der Kontakt zu einer Grinberg-Praktikerin zustande. In den Sitzungen zeigte sich, dass ich über lange Zeit hinweg einen eingeschränkten Zugang zu meinen Gefühlen hatte – etwa Angst, Wut oder Traurigkeit zu zeigen und dadurch Ablehnung zu erleben. Diese Zusammenhänge bewusst wahrzunehmen, brachte eine überraschende Veränderung in Gang. Parallel dazu bekam ich den Hinweis, mögliche Nahrungsmittelunverträglichkeiten abklären zu lassen. Tatsächlich stellte sich heraus, dass es für mich hilfreich war, eine Zeit lang auf Laktose und Gluten zu verzichten. Die Erfahrung mit der Grinberg-Methode hat mich nachhaltig geprägt. Durch die intensivere Wahrnehmung meines Körpers und meiner Gefühle entwickelte sich eine neue Haltung im Alltag: weniger Distanz und Härte mir selbst gegenüber, dafür mehr Aufmerksamkeit, Wärme und Nähe zu meinen eigenen Bedürfnissen. Genau diese Erfahrung war schließlich der Anstoß, die Methode selbst zu erlernen und heute auch andere Menschen auf diesem Weg zu begleiten.
Die Grinberg-Methode ist eine Form der Körperarbeit und ermöglicht es Menschen, sich wieder mehr zu spüren.
Text: Michaela Neubauer⎪Fotos: iStock_Rudzhan Nagiev, _AlenaPaulus; Lara Krampf